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20.08.2016

12:43 Uhr

Prevent-Gruppe

VW setzt Golf-Produktion im Stammwerk aus

Der Streit mit den Zulieferern lässt bei VW die Bänder stillstehen. Der Autobauer fährt schweres juristisches Geschütz auf und droht mit dem Gerichtsvollzieher. Doch die Firmen wehren sich mit scharfen Worten.

VW und Prevent

„Diese Protestaktion ist schon ziemlich mutig – und VW hat sich verschätzt“

VW und Prevent: „Diese Protestaktion ist schon ziemlich mutig – und VW hat sich verschätzt“

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Wolfsburg/HannoverEin Streit mit zwei Zulieferern für Getriebeteile und Sitzbezüge hat Volkswagen am Samstag zum Stopp der Produktion bei seinem wichtigsten Modell Golf gezwungen. Im Wolfsburger Stammwerk seien Bereiche zur Vorbereitung der Fertigung ausgesetzt worden, die entsprechende Logistik ruhe bereits, berichtete ein Konzernsprecher. „Schichten fallen dann ab Montag weg.“ In Zwickau wird die Montage des Golf und Passat zum Wochenbeginn ebenfalls heruntergefahren.

In einer Bekanntmachung an die Mitarbeiter in Wolfsburg hieß es, für betroffene Beschäftigte unter anderem in Montage, Karosseriebau, Lackiererei und Presswerk werde im Einvernehmen mit dem Betriebsrat Kurzarbeit geprüft. VW erwägt dies auch für die Standorte Braunschweig, Zwickau und Kassel. Im Passat-Werk Emden wurde schon für 7500 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Die Bänder der in Wolfsburg hergestellten Modelle Tiguan und Touran laufen dagegen weiter.

Fragen zur Zwangspause bei VW

Wie lang wird die Zwangspause für VW?

Am Samstag hat der Konzern im Wolfsburger Stammwerk Bereiche zur Vorbereitung der Fertigung ausgesetzt, die Logistik rund um den Golf wurde heruntergefahren. Ab Montag fallen bis Samstag (27.08.) Schichten in der Kernproduktion aus. In Zwickau hält VW die Golf- und Passat-Montage zum Wochenstart ebenfalls an. In Emden hatte die Belegschaft schon in den vergangenen Tagen weniger gearbeitet. Ob es in Wolfsburg eventuell über den Samstag hinaus so weitergehen muss, lasse sich erst im Verlauf der Woche sagen, hieß es.

Wie teuer wird das Ganze?

Das hängt maßgeblich von der Länge des Stopps ab. Volkswagen selbst wollte sich noch nicht zu möglichen finanziellen Folgen äußern. In der neuen Woche werden allein in Wolfsburg und Emden jedenfalls pro Tag rund 3450 Autos vorwiegend der Modelle Golf und Passat weniger gefertigt. Im ersten Halbjahr verdiente die Kernmarke VW Pkw an jedem ausgelieferten Auto vor Zinsen und Steuern im Schnitt rund 394 Euro - pro Woche wären das knapp sieben Millionen Euro weniger operativer Gewinn.

Verdienen VW-Beschäftigte nun weniger?

Viele ja, wenn Kurzarbeit beantragt wird. Im Passat-Werk Emden wurde sie bereits für 7500 Mitarbeiter angemeldet. In Wolfsburg hieß es in einer Bekanntmachung, für betroffene Beschäftigte prüfe man eine solche Regelung. VW erwägt dies auch für die Standorte Braunschweig, Zwickau und Kassel. Stimmt die Bundesagentur für Arbeit (BA) zu, erhalten die Kollegen weiter Lohn und Gehalt - aber nur für die tatsächlich geleistete Arbeitszeit. Ihr ausfallendes Netto-Entgelt wird von der BA durch das Kurzarbeitergeld teils ausgeglichen: zu 60 Prozent bei Kinderlosen, zu 67 Prozent bei mindestens einem Kind. Teilweise muss der Steuerzahler dafür aufkommen.

Was bedeutet der Produktionsstopp für die Kunden?

Auf sie könnte mitten im Diesel-Skandal weiterer Ärger zukommen. Schon jetzt sorgen sich einige um die Liefertermine bestellter Autos, wie Händler berichteten. In einem Schreiben an die Händler hieß es vom VW-Vertrieb zwar, das Unternehmen rechne mit einer Entspannung der Lage. Bei einzelnen Wagen könne es aber zu Verzögerungen kommen. Händler und VW wollen sicherstellen, dass die Kunden mobil bleiben.

Wie will sich VW juristisch wehren?

Beim Landgericht Braunschweig hat VW für ES und Car Trim einstweilige Verfügungen zum Liefern der Teile erwirkt. Nach Auskunft des Gerichts sind diese bereits „vollstreckbar“. Daran ändere auch der Umstand nichts, dass teils Fristen für Stellungnahmen gewährt wurden. Nach Darstellung der Zulieferer ist etwa eine Beschlagnahme derzeit nicht möglich, denn die Braunschweiger Verfügung ordne nur „die Belieferung in noch zu bestimmendem Umfang an“. Wolle VW dies zwangsweise durchsetzen, sei ein weiterer Antrag und Beschluss nötig. Ob am Ende tatsächlich der Gerichtsvollzieher anrücken muss, ist also noch nicht ausgemacht.

Wer steht hinter den beiden Firmen aus Sachsen?

Eigentlich sind ES und Car Trim mit VW schon lange gut im Geschäft. Die ES-Gruppe war auch nach Informationen von VW-Aufseher und Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies ein „beständiger“ Partner. Verwirrung gibt es nun um die Motive einer dahinter stehenden Firma. „Allerdings gehört zur Wahrheit auch dazu, dass gerade die Prevent-Gruppe sowohl Car Trim wie auch ES erst in den letzten Monaten beziehungsweise Ende letzten Jahres erworben hat“, sagte der SPD-Politiker dem Sender NDR Info. „Ich glaube, man wird sich schon fragen müssen, was dort gerade stattfindet.“ Prevent hat seine Wurzeln in Bosnien, laut Website gibt es international mehr als 30 Standorte, Deutschland-Sitz ist Wolfsburg. Keimzelle des Auto-, Textil- und Möbelzulieferers war das Geschäft mit Schutzbekleidung.

Wie kann ein einzelner Zulieferer einen Großkonzern lahmlegen?

Der Fall ist sehr selten, kommt aber vor. 1998 etwa verursachten fehlende Türschlösser bei Ford in Köln einen Stillstand in der Produktion. Problematisch wird es immer dann, wenn ein Zulieferer im sogenannten single sourcing die einzige Bezugsquelle bestimmter Teile ist. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer spricht in diesem Zusammenhang von „Fehlern“ bei VW: „Wenn man schon auf single sourcing geht, braucht man eine sehr solide und äußerst stabile Geschäftsbeziehung.“

Grund für die Zwangspause ist ein Lieferstopp der Partnerfirmen ES Automobilguss und Car Trim aus Sachsen. „Wir arbeiten nach wie vor an einer Einigung“, erklärte VW. Das Unternehmen hatte angekündigt, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um die nötigen Teile zu erhalten. Die Zulieferer wiesen eine Verantwortung zurück, sie gaben VW die Schuld an der Entwicklung. Es soll um gekündigte Verträge gehen.

Der Produktionsstopp beim Golf soll laut VW zunächst bis einschließlich kommenden Samstag (27. August) gelten. Ob möglicherweise auch darüber hinaus Schichten gestrichen werden müssten, sei noch nicht abzusehen und hänge vom Verlauf der Gespräche mit den Zulieferern ab.

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