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03.03.2017

15:10 Uhr

PSA-Deal

„Opel wird nicht abgeschleppt, Opel schleppt ab“

VonLukas Bay

Im Herzen der Opel-Stadt Rüsselsheim wird leidenschaftlich über den Verkauf von Opel an PSA diskutiert. Bei einer Lesung des ehemaligen Betriebsrats Klaus Franz finden die Opelaner deutliche Worte. Ein Besuch.

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RüsselsheimIm Stadt- und Industriemuseum in Rüsselsheim sind die alten Arbeiterführer der hessischen Opel-Heimatstadt verewigt. Ferdinand Stuttmann etwa, der 1865 den ersten Rüsselsheimer Arbeiterverein gründete. Auch Portraits von Karl Marx und Friedrich Engels hängen an der Wand. Wer durch die Räume des Museums läuft, durchschreitet die große Vergangenheit der zweitältesten deutschen Automarke. Ein Laubfrosch steht dort, jenes legendäre Opel-Modell von 1924, und ein Opel Blitz.

Heute Abend ist aber auch ein Vertreter der Opel-Vergangenheit gekommen, der sich noch nicht reif fürs Museum fühlt: Klaus Franz. Der ehemalige Chef des Gesamtbetriebsrats war in der Krise 2009 das Gesicht des Autobauers. Einige nannten ihn sogar „Mister Opel“. Mittlerweile ist er in Rente. Sein Herz, sagt er, hänge immer noch am Unternehmen.

An diesem Donnerstagabend will er aus seinem Buch „Die Rettung von Opel vor der Insolvenz. Das Beispiel gelebter Mitbestimmung“ vorlesen. Die Lesung ist schon seit mehreren Monaten geplant, soll eigentlich eine historische Rückschau auf die vergangene Existenzkrise sein – doch die aktuellen Vorgänge in Rüsselsheim lassen auch Franz nicht kalt. Seit Tagen kommen wieder Fernsehteams, um zu hören, was Franz zum Opel-Verkauf zu sagen hat. Am Montag, so bestätigen es französische politische Kreise, soll der Deal abgeschlossen werden.

Das Zittern um Opel-Jobs beginnt

Was würde ein Zusammengehen von PSA und Opel bringen?

Branchenexperten sind skeptisch. Die beiden Hersteller haben ein ähnliches Markenportfolio, beide sind vor allem bei Klein- und Mittelklassewagen stark – also im vergleichsweise renditeschwachen „Massengeschäft“. Und sie sind ausschließlich (Opel) oder vorwiegend (PSA) in Europa aktiv. Der europäische Markt gilt aber als weitgehend gesättigt und gleichzeitig hart umkämpft. PSA könnte im Vergleich zu Wettbewerbern wie dem VW-Konzern oder der Renault-Gruppe aber deutlich an Masse zulegen – und dadurch Kosten bei Forschung und Entwicklung sowie beim Einkauf sparen, wie etwa NordLB-Analyst Frank Schwope sagte. Aber eigentlich hat PSA-Chef Carlos Tavares den globalen Markt im Blick, für den Opel nicht viel mitbringt.

Wie eng arbeiten die Unternehmen bereits zusammen?

Die 2012 vereinbarte Kooperation umfasst die Entwicklung und Produktion von drei Modellen. Die neuen Opel-Modelle Crossland und Grandland entsprechen den Peugeots 2008 und 3008. Die ersten Autos rollen gerade von den Bändern in den spanischen Städten Saragossa und Vigo sowie am Peugeot-Stammsitz Sochaux. Auch der nächste Zafira soll PSA-Gene tragen. Angeblich werden mit der Kooperation 1,2 Milliarden Dollar im Jahr gespart.

Warum denkt General Motors jetzt an einen Verkauf?

Das ist das große Rätsel. General Motors hatte sich vor acht Jahren nach langem Ringen dazu entschlossen, Opel nicht zu verkaufen und den Autobauer selbst zu sanieren. Opel schreibt zwar immer noch rote Zahlen, hat aber zuletzt deutliche Fortschritte gemacht. „Man hat zehn Jahre lang saniert, und kurz vor dem Durchbruch trennt man sich von der europäischen Sparte“, sagte Schwope. Das mache wenig Sinn. Aber: Für GM-Chefin Mary Barra in Detroit sei Ertragskraft wichtiger als Größe, analysierte das „Wall Street Journal“. Die „Amerika zuerst“-Politik Politik des neuen US-Präsidenten Donald Trump – Barra berät ihn in Wirtschaftsfragen – helfe GM außerdem auf dem Heimatmarkt: niedrigere Steuern und eine regulatorische Entlastung bei Umweltstandards. GM hat bereits zusätzliche Milliardeninvestitionen in den USA angekündigt.

Welche Nachteile könnten GM bei einem Opel-Verkauf entstehen?

Ohne Opel und die britische Schwestermarke Vauxhall wäre GM nicht mehr in Europa vertreten, einem immer noch wichtigen und technologisch führenden Markt, der für mehr als 10 Prozent der weltweiten GM-Verkäufe steht. Außerdem spielt Rüsselsheim eine wichtige Rolle im Konzern-Entwicklungsverbund von General Motors. Dieser müsste bei einem Opel-Verkauf neu organisiert werden.

Wie steht PSA derzeit da?

Der Konzern PSA, in den 70er-Jahren entstanden nach der Übernahme von Citroën durch Peugeot, hat in den vergangenen Jahren eine harte Sanierung durchgemacht. Das Geld für einen Opel-Kauf wäre bei dem staatlich gestützten Unternehmen vorhanden: Laut Anleiheexperten der Commerzbank haben die Franzosen ein Liquiditätspolster von mehr als 16 Milliarden Euro - lautet die Strategie also: Wachstum durch Zukäufe? Der Konzern mit den Marken Peugeot, Citroën und DS ist derzeit im Vergleich zu den Branchenriesen wie VW, Toyota, aber auch Renault-Nissan eher klein. Mit Opel würde PSA deutlich zulegen.

Und Opel?

Der Autobauer hat zwar auch durch Kostensenkungen Fortschritte gemacht. Beim Absatz ging es bergauf, auch wegen der preisgekrönten Kampagne „Umparken im Kopf“. Opel hat es allerdings nicht geschafft, wieder schwarze Zahlen zu schreiben, auch weil viele Wagen mit hohen Preisnachlässen in den Markt gedrückt wurden. Seit 1999 hat die Adam Opel AG als GM-Europatochter keinen Gewinn mehr gemacht. 2016 betrug der operative Verlust für 2016 rund 257 Millionen US-Dollar (241 Millionen Euro), nach einem Verlust von 813 Millionen Dollar Verlust im Jahr zuvor. Das Unternehmen musste zuletzt den Wegfall des kompletten russischen Marktes wie auch die Folgen der Brexit-Entscheidung für den größten Einzelmarkt Großbritannien verkraften. Ein Gewinn war nun erst für 2018 geplant.

Welche Folgen könnte eine Übernahme für die Opel-Standorte haben?

Opel produziert in mehreren europäischen Ländern und hatte Ende 2016 rund 38.200 Mitarbeiter, davon mehr als die Hälfte in Deutschland - an den Standorten Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach. Im Falle einer Übernahme wird ein Jobabbau befürchtet - wenn Einkauf, Produktionssteuerung oder Vertrieb und Marketing zentral aus Paris geführt werden, wären Stellen „doppelt“. Besonders stark könnte der Stammsitz Rüsselsheim getroffen werden – hier arbeiten allein 8000 der 15.000 Beschäftigten in der Entwicklung. Es wäre nach Einschätzung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer die Zukunft für Opel, nach einer Übergangszeit vollständig in den PSA-Produktionsverbund eingegliedert zu werden. Ob noch ein Motorenwerk in Kaiserslautern und eine vergleichsweise kleine Montage in Eisenach gebraucht würden, sei schwer zu sagen.

Was tut die Politik?

Sofort nach Bekanntwerden der Pläne brachten sich bereits die Landesregierungen der Opel-Länder Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen in Stellung – und warnten vor Jobverlusten. Auch die Bundesregierung, die sich von den Plänen überrascht zeigte, schaltete sich ein. Ziel ist der Erhalt von Jobs. Viel mehr als Einfluss auf Paris zu nehmen, kann die Bundesregierung aber kaum. Und ein Autobauer ist kein Rüstungskonzern – bei Fragen der nationalen Sicherheit etwa kann die Regierung über das Außenwirtschaftsgesetz ein Veto gegen Übernahmen einlegen. Und es geht auch nicht wie der Opel-Krise 2008/2009 um Staatshilfen.

Und Franz ist in diesen Tagen wieder einmal das Sprachrohr der Marke. Dass sein Nachfolger Wolfgang Schäfer-Klug ihn vor der Belegschaft für seine Kommentare zum aktuellen Opel-Verkauf kritisierte, ficht ihn nicht an. „Wenn ihr nichts sagt, dann muss ich das eben machen“, sagt er. Und viele ehemalige Mitstreiter sind ins Museum gekommen, um Franz zuzuhören. Ältere Opelaner im Publikum sind in der Überzahl. Man kennt sich. Die Preise sind volkstümlich. Wasser kostet 1 Euro, Weißwein 1,50 Euro.

Bevor Franz mit seinem Vortrag beginnt, erinnert Museumsleiterin Bärbel Maul an die engen historischen Verbindungen von Opel nach Frankreich. Schon 1902 verkaufte der Franzose Alexandre Darracq seine Motorenfahrzeuge unter dem Namen Opel Darracq. Allerdings hielt die Kooperation nur fünf Jahre.

PSA und GM: Peugeot-Verwaltungsrat stimmt Opel-Kauf zu

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Der Verwaltungsrat des französischen PSA-Konzerns hat Insidern zufolge am Freitag grünes Licht für eine Opel-Übernahme gegeben. Der Kauf solle am frühen Montagmorgen bekanntgegeben werden.

Und auch der berühmte Opel 4PS von 1924, der im Volksmund wegen seiner grünen Farbe nur Laubfrosch genannt wurde, hatte ein französisches Vorbild. Er sah dem gelben Citroen 5CV so ähnlich, dass die Franzosen sogar gegen das Plagiat klagten. Er soll sogar das Vorbild für den Ausspruch „dasselbe in Grün“ sein. Auch das eine französische Vergangenheit, an die man sich in Rüsselsheim sicher nicht besonders gerne erinnern dürfte.

Franz selbst will zu Beginn seiner Rede nicht in der Vergangenheit schwelgen. Als er an das Holzpult tritt, ist jedem im Raum klar, dass der ehemalige Arbeiterführer seinen Kampfgeist nicht verloren hat. Er sei zwar „nicht in die Verhandlungen involviert“, doch er „glaube, das Unternehmen zu kennen“, schickt er vorweg.

Dann folgt seine Abrechnung mit General Motors. Unter dem neuen Management von Mary Barra und Dan Ammann habe sich GM verändert. Früher sei es um Absatz, Größe und die Weltmarktführerschaft gegangen, heute stehe vor allem um Profit. „GM ist ein Unternehmen, das immer mehr von der Wall Street geführt wird“, sagt Franz. Unberechenbar sei der US-Konzern, betont er. Darum glaube er erst an einen Verkauf, wenn die Tinte trocken sei. Applaus im Publikum.

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