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29.06.2012

13:15 Uhr

RAG-Chef Tönjes

„Niemand fällt ins Bergfreie“

Mit dem Ende des Steinkohlebergbaus wartet auch auf die Kohlekumpel ein neuer Lebensabschnitt. Im Interview verrät RAG-Chef Bernd Tönjes, welche Jobchancen seine Angestellten noch haben.

Geht es nach RAG-Chef Tönjes, soll sein Unternehmen in der Zukunft eine Rolle bei erneuerbaren Energien spielen. dpa

Geht es nach RAG-Chef Tönjes, soll sein Unternehmen in der Zukunft eine Rolle bei erneuerbaren Energien spielen.

SaarbrückenNach 250 Jahren Bergbautradition hat der RAG-Konzern die Kohleförderung an der Saar und in Kamp-Lintfort beendet. Hunderte Mitarbeiter müssen den Arbeitsplatz wechseln, oder sie gehen in den Vorruhestand.

Die RAG will an der Saar aber zugleich neue Arbeitsplätze schaffen - etwa mit erneuerbaren Energien, wie der Chef des Bergbaukonzerns RAG, Bernd Tönjes, im Interview sagt.

250 Jahre Bergbau, die das Saarland geprägt haben: Mit welchen Gefühlen verfolgen sie die letzte Schicht am Bergwerk Saar?

Bernd Tönjes: Mit schmerzlichen Gefühlen. Ich bin selbst über 30 Jahre lang Bergmann, wie mein Vater und meine Großväter. Und der Bergbau hat das Saarland entscheidend geprägt. Als tragende Säule der Industrialisierung war er zentraler Kern und Impulsgeber für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Bundeslandes. Wir alle wissen: Das Ende des saarländischen Steinkohlenbergbaus beruht auf kohlepolitischen Vereinbarungen aus dem Jahr 2007 sowie den Erschütterungsereignissen vom Februar 2008. Was uns natürlich schmerzt ist die Tatsache, das wir eine nicht erschöpfte Lagerstätte vorzeitig verlassen müssen.

RAG-Chef Bernd Tönjes nach einer Grubenfahrt in Bottrop. dpa

RAG-Chef Bernd Tönjes nach einer Grubenfahrt in Bottrop.

Wie geht es für die Beschäftigten weiter?

Wir schließen ja kein Bergwerk von heute auf morgen. Die Beschäftigtenzahl von jetzt noch rund 1200 war schon langfristig reduziert worden: rund 250 Bergleute wechselten bis 2011 nach Ibbenbüren, weitere 600 werden ihnen noch folgen. Andere gehen in die Anpassung (Vorruhestand). Es bleibt bei dem Satz: Niemand fällt ins Bergfreie.

Und die Region? Die RAG ist ja nicht nur Arbeitgeber, sondern auch großer Immobilienbesitzer?

Das stimmt. Die RAG besitzt allein im Saarland rund 2500 Hektar Grund und Boden. Die Immobilien müssen erhalten und entwickelt werden. Das übernimmt unsere Tochter RAG Montan Immobilien. Wir lassen den Standort nicht im Stich. Zum Beispiel entwickeln wir dort in den nächsten Jahren Photovoltaik-Anlagen. An der Saar haben wir im Schnitt mehr Sonnenschein als im Ruhrgebiet.

So steigt Deutschland aus dem Steinkohlebergbau aus

Steinkohlebergbau nur noch bis 2018

Der deutsche Steinkohlebergbau ist unter anderem wegen der großen Fördertiefen nur mit Milliardensubventionen möglich. Nach dem Deutschen Steinkohlekompromiss läuft der traditionsreiche Industriezweig deshalb Ende 2018 unwiderruflich aus.

Vier Fünftel heute schon Importkohle

Schon jetzt werden fast vier Fünftel der in Deutschland verbrauchten Steinkohle aus dem Ausland importiert. Eine ursprünglich vorgesehene Möglichkeit zum Überdenken des Ausstiegs wurde im Frühjahr 2011 vom Bundestag endgültig gekippt. Damit ist klar, dass ab 2019 keine einheimische Steinkohle mehr gefördert wird.

Sozialverträglicher Ausstieg

Betriebsbedingte Kündigungen wird es nach dem Steinkohlekompromiss nicht geben. Der Zechenkonzern RAG steuert den schrittweisen, sozialverträglichen Ausstieg unter anderem über Umschulungen, Vorruhestandsangebote und die interne Versetzung innerhalb der Zechen.

Versetzungen nach Ibbenbüren und an die Ruhr

So wurden und werden mit der Schließung des Saar-Bergbaus mehr als 1100 Bergleute nach Ibbenbüren am Rand von Nordrhein-Westfalen und an die Ruhr versetzt. Aktuell beschäftigt der deutsche Bergbau noch rund 15.000 Bergleute.

Nur noch vier Bergwerke

1957 waren es einmal mehr als 600.000 Menschen. Nach der Schließung des Saar-Bergwerks gibt es bundesweit neben Ibbenbüren nur noch drei Bergwerke.

Bottrop und Ibbenbüren bis 2018

Das Bergwerk West in Kamp-Lintfort (Niederrhein) schließt Ende 2012, Auguste Victoria (Marl) Ende 2015. Die volle Laufzeit bis Ende 2018 schöpfen nur Prosper-Haniel (Bottrop) und Ibbenbüren aus.

Man liest ja immer so viel über die „Grüne RAG“. Sind das denn wirklich realistische Szenarien?

Unsere Halden sind 100 Meter hoch. Da oben weht es kräftig, und den Höhenunterschied können Sie für Pumpspeicherkraftwerke nutzen. Richtig interessant würde es mit einem Pumpspeicherkraftwerk unter Tage, das 1000 Meter Schachttiefe nutzt. Damit könnten wir einen kleinen Beitrag zur Energiewende leisten, denn vor allem fehlt es ja an allen Ecken an leistungsfähigen Stromspeichern.

Würde das erste Pumpspeicherkraftwerk an die Saar kommen? Hier endet der Bergbau ja schließlich eher als an der Ruhr?

Das lässt sich jetzt noch nicht verlässlich vorhersagen. Aber wir untersuchen solche Projekte sehr ernsthaft und wollen innerhalb von drei Jahren die Entwicklung abschließen. Ziel sind Kraftwerke von um die 350 Megawatt in alten Schächten - grundsätzlich an der Saar genauso wie an der Ruhr. Außerdem prüfen wir die Nutzung von Grubenwasserwärme und Geothermie. Denn solche Projekte können letztlich auch die Kosten für die Ewigkeitsaufgaben des Bergbaus reduzieren.

Die RAG soll auch nach dem Kohleausstieg 2018 weiterexistieren, haben Sie mehrfach gesagt. Wie groß sehen Sie denn das Unternehmen?

Für Wasserhaltung und Grubensicherung brauchen wir Personal. Wir müssen unsere Immobilien unterhalten, entwickeln und vermarkten. Und dazu kommen Projekte im Bereich erneuerbarer Energien, die natürlich bei weitem nicht so viele Jobs sichern wie einst der Bergbau. Etwas mehr als 1000 Beschäftigte wird die RAG zunächst auch nach 2018 noch haben - darunter vielleicht ein Zehntel an der Saar.

Von

dpa

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