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13.11.2015

08:00 Uhr

Regionalflieger-Projekt Il-114

Russland will den Himmel zurückerobern

VonAndré Ballin

Zurück in die Zukunft: Russland hofft auf eine Wiederbelebung seiner stolzen Luftfahrtindustrie. Neben dem Superjet 100 wird nun ein weiteres Projekt ausgegraben. Die Il-114 ist erstmals schon zu Sowjetzeiten abgehoben.

Ist der billige Regionalflieger konkurrenzfähig? Imago

Iljuschin Il-114

Ist der billige Regionalflieger konkurrenzfähig?

MoskauSeit zwei Jahrzehnten ist der Markt für Passagierflugzeuge weitgehend aufgeteilt. Bei den Langstreckenfliegern sind Airbus und Boeing die Alleinunterhalter, lediglich bei den kleineren Regionalflugzeugen, also Maschinen mit bis zu 130 Passagieren und einer Reichweite von bis zu 3000 Kilometern, gibt es ein wenig Konkurrenz: Die kanadische Bombardier, die brasilianische Embraer und die französisch-italienische ATR besetzen hier hartnäckig ihre Marktanteile.

Ein weiterer Mitbewerber schickt sich an, mitzuspielen: In dieser Woche absolvierte der japanische Mitsubishi Regional Jet (MRJ) seinen Jungfernflug. Nun will auch Russland, bekannt durch die noch aus sowjetischer Zeit stammenden Iljuschin (Il), Tupolew (Tu) oder Jakowlew (Jak), den Markt aufmischen.

Bisher ist der Erfolg bescheiden. Für den vor vier Jahren mit großem Getöse eingeführten Sukhoi Superjet 100 gibt es derzeit etwas mehr als 200 feste Bestellungen. Ein Großteil davon stammt von der einheimischen mehrheitlich staatlichen Aeroflot – insgesamt 50, wovon 20 schon ausgeliefert sind. Der Anteil von Airbus- (über 100 Stück) und Boeing-Maschinen (25) ist freilich selbst bei Aeroflot größer. Um den Verkauf des Superjets anzukurbeln wurde in diesem Jahr eine russisch-chinesische Leasinggesellschaft gegründet.

Das ist der Superjet 100

Kooperation mit Boeing

Der Superjet 100 des russischen Flugzeugherstellers Suchoi war von Anfang an auch für den westlichen Markt konzipiert. Im Jahr 2001 wurde ein Kooperationsvertrag mit dem amerikanischen Flugzeugbauer Boeing geschlossen. Boeing sollte Suchoi beraten.

Erster Passagierflug 2011

2006 bestellte Aeroflot als Erstkunde 30 Maschinen. Das Projekt wurde im selben Jahr offiziell Superjet 100 getauft. Der Erstflug erfolgte im Mai 2008. 2011 führte Aeroflot den ersten Passagierflug durch.

Platz für 110 Fluggäste

Der Superjet 100 kann bis zu 110 Passagiere aufnehmen. Ein Modell für 125 Passagiere ist angedacht. Der Superjet 100 ist ein zweistrahliges Regionalverkehrsflugzeug in Tiefdecker-Ausführung. Die Maschinen sollen in Russland vor allem die noch zahlreich eingesetzten Tupolew Tu-134 und Jakowlew Jak-42 ersetzen.

Absturz und Probleme

Bei einem Demonstrationsflug stürzte 2012 ein Flugzeug ab, alle 45 Insassen starben. Im selben Jahr wurden bei Aeroflot technische Probleme am Superjet 100 bekannt. Damals konnte nur ein Viertel der Maschinen im Flugbetrieb eingesetzt werden. Grund waren laut Aeroflot fehlende Ersatzteile und die Unzuverlässigkeit einzelner Komponenten. Ein Flug sei abgebrochen worden, weil die Klappen des Bugfahrwerks sich nicht geschlossen hätten, hieß es.

Kunden aus Russland und Asien

Neben der russischen Aeroflot ist die Billigfluggesellschaft Interjet aus Mexiko der wichtigste Kunde für den Superjet 100. Für VLM Airlines aus Belgien sollen bald zwei der Mittelstreckenjets fliegen. Daneben kommen die Kunden vor allem aus Russland oder Asien. Mehr als 150 Bestellungen sollen vorliegen.

Nun hat die russische Regierung ein weiteres Projekt im buchstäblichen Sinne ausgegraben: Ein Regionalflugzeug aus dem Konstruktionsbüro Iljuschin, die Il-114, soll nach längerem Stillstand auf den neuesten Stand gebracht und dann produziert werden. Als die Il-114 im März 1990 ihren Jungfernflug antrat, stand die Sowjetunion kurz vor dem Zerfall. Das Geld für Neuentwicklungen wurde selbst in der Luftfahrt knapp – umso mehr für zivile Projekte.

Die fehlende Finanzierung führte zu Verzögerungen: Erst 1997 gab es die Fluglizenz, seither wurden lediglich 18 flugtüchtige Maschinen gefertigt – im auch damals schon von Moskau unabhängigen Usbekistan. 2012 wurde die Produktion in Taschkent eingestellt.

Diese Woche folgte eine überraschende Wendung: „Die Anweisungen zur Entwicklung eines Kurzstreckenflugzeugs auf Basis der Il-114 sind gegeben. Die Produktion wird in Nischni Nowgorod aufgebaut“, twitterte Vizepremier Dmitri Rogosin.

Mitsubishi baut Passagierjet: Japans neuer Star der Lüfte

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Der erste Passagierjet nach 1945 hat den Jungfernflug bestanden – und soll den Markt für Regionaljets aufrollen.

Das russische Staatsfernsehen überschlägt sich bereits mit Lobeshymnen. Mit 16 bis 17 Millionen Dollar soll die Il-114 deutlich billiger sein als die Konkurrenz in Form des ATR-72 (25 Millionen) oder der Dash 8 von Bombardier (35 Millionen Dollar). Auch im Unterhalt sei die 64-sitzige Maschine günstiger, rechnet der Sender vor: 590 Kilogramm Treibstoff pro Flugstunde, bei der ATR sind es 800 Kilogramm, bei der Dash 8 gar 2600 Kilogramm. Tatsächlich ist die Aerodynamik der Iljuschin sehr effizient, freilich ist die Rechnung aber nicht ganz ehrlich: ATR-72 und Dash 8 nehmen schließlich mehr Passagiere mit.

Kommentare (4)

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Herr Iskander de Russo

13.11.2015, 08:50 Uhr

Wer weiß, aber vielleicht ist das gegen Russland verhängte Embargo auf lange Sicht gesehen ein Weckruf für dessen einheimische Industrie. Mit Sicherheit ist die Flugzeugindustrie Russlands keine Konkurrenz zu den Platzhirschen, aber es macht Russland unabhängiger und schmälert daher die Umsätze von Boeing und Airbus. In einigen Jahren wird unter dem Druck der wirtschaftlichen Isolierung Russland auch in anderen Industriezweigen gezwungen weinmassiv weiterzuentwickeln. So gesehen ist die Politik der EU und der USA gegenüber Russland dabei nach hinten loszugehen.

Herr C. Falk

13.11.2015, 09:23 Uhr

Sanktionen haben immer gewisse Nebeneffekte für den Sanktionsbeschwerten, z.B. diese, sich auf eigene Stärken und Kompetenzen zurück zu besinnen und neu auszubauen

Vielleicht haben die europäischen Sanktionsbefürworter diesen Effekt in ihre Überlegungen mitberücksichtigt und Russland somit bewußt den Rücken gestärkt, als sie im Schulterschluss mit der amerikanischen Politik die Sanktionen beschlossen.

Folgeabschäztung sollte eigentlch zur normalen Aufgabestellung jedes politischen Handelns gehören, wenn man es mit intellligenten Politikern zu tun hat.

Ob Europa intelligente Politiker in ausreichender Zahl an verantwortlicher Stelle besitzt, ist eine andere Frage.

Herr Josef Steiner

13.11.2015, 12:18 Uhr

"Vielleicht haben die europäischen Sanktionsbefürworter diesen Effekt in ihre Überlegungen mitberücksichtigt und Russland somit bewusst den Rücken gestärkt, als sie im Schulterschluss mit der amerikanischen Politik die Sanktionen beschlossen."

Ich traue - mit Verlaub - keinem Einzelnen dieser Befürworter auch nur annähernd solch einen Gedanken zu. Denn dafür benötigt man Überblick, Weitsicht, Wissen und Erfahrung. Und genau das fehlt diesen Machthabern.

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