Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.11.2014

14:08 Uhr

Reisende im Bahn-Streik-Chaos

„Wären wir bloß zu Hause geblieben“

VonMarcel Bohnensteffen

Die einen ärgern sich, die anderen sehen es gelassen, und manche hätten sich sogar gefreut, wenn ihr Zug ausgefallen wäre. Handelsblatt Online hat einige Reisende im Bahn-Streik begleitet. Ein Minutenprotokoll.

Bahnfahrer in Mitten des Streik-Chaos': Zumindest auf die Regionalbahnen war einigermaßen Verlass dpa

Bahnfahrer in Mitten des Streik-Chaos': Zumindest auf die Regionalbahnen war einigermaßen Verlass

DüsseldorfPrall gefüllte Busse, vollgestopfte Autobahnen, aber still stehende Züge: Die streikenden GDL-Lokführer haben viele Berufspendler am Donnerstag Vormittag vor eine Nervenprobe gestellt. Wie Passagiere das Streikchaos am Bahnhof erlebt haben. Ein Vorort-Bericht aus Düsseldorf, Köln und Umgebung.

06.53 Uhr: Auf der S-Bahn-Verbindung zwischen Solingen und Dortmund geht nichts. Die S1 liegt brach. Am Bahnsteig in Hilden sendet eine Frauenstimme eine Entschuldigungsbotschaft über Lautsprecher. Sie findet kaum Gehör. Viele Fahrgäste haben sich erst gar nicht die Mühe gemacht, zum S-Bahnhof zu fahren. Die Bahn fährt ja doch nicht.

07.04 Uhr: Hektische Telefonate im überfüllten Bus. Für viele Berufspendler der einzige Zubringer zur Arbeit an diesem Morgen. Eine Frau versucht einen Anrufer von Düsseldorf nach Neuss zu lotsen. „Bus, Tram, dann zwei Stationen zu Fuß und dann wieder den Bus nehmen.“ Am Ende resigniert sie: „Wie, der fährt auch nicht? Dann weiß ich’s auch nicht.“

07.33 Uhr: Der Busfahrer hört Verkehrsnachrichten. Die A1 und A4 sind verstopft. Noch mehr als sonst. Der Stillstand auf den Gleisen führt auch zu Stillstand auf der Straße.

Die längsten Streiks der deutschen Geschichte

Tarifkampf

Im Tarifstreit bei der Bahn hat die Lokführer-Gewerkschaft GDL mehrfach gestreikt. Der längste Ausstand dauerte 109 Stunden im Güterverkehr und 98 Stunden im Personenverkehr, der längste in der Geschichte der Deutschen Bahn. Im Vergleich zu anderen Branchen ist dies noch moderat. Es folgt eine Zusammenstellung besonders langer Streiks in Deutschland.

1956/1957

1956/57 dauerte der Streik in der Metallindustrie in Schleswig-Holstein 16 Wochen. 34.000 Beschäftigte setzten sich für eine höhere Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ein. Sie erreichten eine Aufstockung auf 90 Prozent des Nettoeinkommens.

1984

1984 streikten die Beschäftigten der Metallindustrie in Hessen und Baden-Württemberg sieben Wochen lang für die 35-Stunden-Woche. Die Drucker waren bundesweit sogar zwölf Wochen im Ausstand. Die Arbeitgeber reagierten mit massiven Aussperrungen. Am Ende wurde in beiden Branchen die 38,5-Stunden-Woche vereinbart.

1994

1994 legten 100.000 Drucker 17 Wochen lang die Arbeit nieder, um Vorruhestand-Regelungen und einen besseren Gesundheitsschutz sowie eine Gleichstellung von Frauen durchzusetzen. Die Arbeitgeber verpflichteten sich am Ende nur, über diese Themen zu verhandeln.

2004

2004 blieben in Leverkusen die Busse 395 Tage lang in den Depots, weil die Mitarbeiter einer Tochterfirma der Kraftverkehr Wupper-Sieg (KWS) höhere Löhne verlangten.

2012/2013

2012/2013 streikten Beschäftigte des Verpackungsherstellers Neupack in Hamburg acht Monate lang, um einen Tarifvertrag durchzusetzen. Erreicht wurde eine tarifvertragsähnliche Vereinbarung mit dem Betriebsrat.

2013

2013 legten Beschäftigte im Einzelhandel über einen Zeitraum von acht Monaten immer wieder die Arbeit nieder, bis Anfang 2014 die letzten Lohn-Abschlüsse unter Dach und Fach waren. In mehr als 950 Betrieben wurde vorübergehend nicht gearbeitet.

07.56 Uhr: Der Düsseldorfer Hauptbahnhof ist so leer wie sonst nie um diese Uhrzeit. Die meisten Berufstätigen machen einen großen Bogen um alles, was mit Zügen und Bahnhöfen zu tun hat. Die Bedienung am Bäcker-Stand stöhnt: „Schlimm heute Morgen, es kommen überhaupt keine Gäste.“ Das Fahrplan-Tableau ist übersät mit Bannern „Zug fällt aus.“

08.14 Uhr: Lagecheck am Service-Schalter der Bahn. An den Infoständen bilden sich noch die längsten Schlangen. Die wenigen Passagiere, die gekommen sind, wollen wissen, wie und vor allem wann sie zur Arbeit gelangen. Wie ist die Stimmung? „Alles ruhig und besonnen“, teilt das Bahn-Personal mit. Kein Frust wegen der vielen ausgefallenen ICEs und S-Bahnen? „Die Leute haben Verständnis“, heißt es.

„Wären wir bloß Zuhause geblieben“

08.21 Uhr: So ganz stimmt das nicht. Ein Rentnerpaar starrt ungläubig auf die Anzeige an Gleis 16: „Zug fällt aus“. Der nächste auch, der übernächste ebenfalls. „Kerl, Richard, wär’n wa bloß zu Haus’ geblieben“, stammelt die Frau. Die Mundwinkel ihres Mannes zeigen nach unten.

08.28 Uhr: Am Bahnsteig gegenüber: Eine Frau frohlockt, ihr ICE nach Dortmund rollt ein. 5 Minuten Verspätung – verschmerzbar angesichts der Lage. Die Frau kommt aus Frankreich, will ihre Eltern besuchen. Zum Glück bleibt ihr eine Tortur erspart.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Wolfgang Trantow

06.11.2014, 18:43 Uhr

Hoffentlich erinnern sich die Streikkritisierer daran, wenn Sie selber streiken. Im öff. Dienst haben sich die Politiker schon die Frechheit erlaubt: Urlaubsgeld weg, Weihnachtsgeld weg. Alles nur um sich das Geld persönlich in die eigene Tasche zu stecken. Diese "Personen" erhöhen sich fast "wöchentlich ihre Einkommen. Welch Schande für deutsche Politiker!

Account gelöscht!

06.11.2014, 19:04 Uhr

16:30 Uhr: Aus Sicht ihrer Konkurrenten trägt die Deutsche Bahn AG eine Mitschuld an der verfahrenen Lage. Bei Wettbewerbern seien parallele Tarifverträge eher die Regel denn die Ausnahme, sagt Engelbert Recker, Hauptgeschäftsführer des Nahverkehrs-Branchenverbands Mofair, der "Neuen Osnabrücker Zeitung" am Donnerstag. "Das ist nur eine Frage der betrieblichen Organisation."

Nur die DB und die feudale Bundesregierung behaupten es müsse die Tarifeinheit geben, zur Not per Gesetz gegen das Grundgesetz.
Die Leute müssen endlich mal begreifen wer hier falsch spielt und auf wessen Kosten. Regierungspolitiker wollen mithilfe der staatseigenen DB Bürgerrechte beschneiden bzw. abschaffen, vertraglich geregelt per aufoktroyierten Tarifvertrag und später per einfachem Gesetz. Die DGB Gewerkschaften stehen dafür schon bereit, wenn sie im Gegenzug de facto zur alleinigen Macht für alle Arbeitnehmer werden und die Spartengewerkschaften bei ihnen zum Bittsteller würden.

Für die GDL darf es darauf nur eine Antwort geben, legt das Land lahm bis es der Wirtschaft zu viel wird und sie den Berlinern Vollpfostpolitikern die Ärsche aufreißen!!!

Es geht also sehr wohl, die EVG macht einen Tarifvertrag für ihre Mitglieder und die GDL einen für ihre. Zwei verschiedene Haus-Tarifverträge sind nach neuester Rechtsprechung völlig in Ordnung.

“Am 27. Januar 2010 veröffentlichte das Bundesarbeitsgericht eine Pressemitteilung, welche die Absicht des 4. Senates erklärte, im Falle der Tarifpluralität nicht mehr an der bisherigen Rechtsprechung festhalten zu wollen. Am 23. Juni 2010 schloss sich auch der 10. Senat des Bundesarbeitsgerichtes in zwei Beschlüssen dieser geänderten Rechtsauffassung an und kippte damit schließlich den Grundsatz für den Fall der Tarifpluralität. Es gebe keinen übergeordneten Grundsatz, dass für verschiedene Arbeitsverhältnisse derselben Art in einem Betrieb nur einheitliche Tarifregelungen zur Anwendung kommen könnten.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Tarifeinheit

Christian Wolff

07.11.2014, 10:14 Uhr

Ich rufe alle Betroffenen auf, die GDL in den nächsten Tagen unter der Telefonnummer Tel.: +49 (0) 69 / 40 57 09 - 0 anzurufen und ihr eine e-mail ( info@gdl.de ) zu senden, um der Führung der GDL klar zu sagen, dass der Streik der falsche Weg ist.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×