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25.07.2013

10:58 Uhr

Renfe 730

Der spanische Unglückszug

VonMartin Dowideit

Das Zugunglück in Spanien trifft einen der neuesten Züge des Landes. Erst seit Juni vergangenen Jahres ist die „Entlein“ getaufte Baureihe im Einsatz. Der beworbene Vorteil: hohe Geschwindigkeit ohne große Investitionen.

Verunglückter Zug nahe Santiago de Compostela: Das tragische Entlein. ap

Verunglückter Zug nahe Santiago de Compostela: Das tragische Entlein.

DüsseldorfDas Zugunglück in der Nähe der spanischen Stadt Santiago de Compostela hat einen der neuesten Züge des Landes getroffen. Erst seit etwas mehr als zwölf Monaten ist die Baureihe offiziell auf der Unglücksstrecke in Dienst gestellt. Wegen ihrer markanten Schnauze trägt das Modell den Spitznamen „Entlein“.

Die Hersteller – das spanische Unternehmen Talgo und der kanadische Produzent Bombardier – bewerben die Baureihe des spanischen Unglückszugs damit, dass er auch ohne große Investitionen in die Infrastruktur hohe Geschwindigkeiten ermöglicht. Die spanische Variante heißt Renfe 730 und wird auch als Talgo 250 vertrieben. Letzteres ist ein Hinweis auf die mögliche Höchstgeschwindigkeit auf speziell ausgebauten Strecken. In Spanien verkehrt der Zug mit einem Spitzentempo von bis zu 220 Kilometern pro Stunde.

Der Zug kombiniert zwei Antriebsarten. Er ist mit Diesel- wie Elektromotoren ausgestattet. Ein Wechsel zwischen beiden Antrieben ist ohne ein Anhalten des Zugs möglich. Die gesamte Flotte der spanischen Bahngesellschaft soll 15 Züge umfassen und 73 Millionen Euro kosten.

Schwere Zugünglücke seit 1998

1998

Am 3. Juni ereignet sich das schwerste Zugunglück der europäischen Nachkriegsgeschichte in der niedersächsischen Gemeinde Eschede, als ein ICE auf dem Weg von München nach Hamburg entgleist; 101 Menschen kommen ums Leben.

2002

In der Nähe der Stadt Nancy im Nordosten Frankreichs sterben am 6. November in einem brennenden Schlafwagen auf dem Weg von Paris nach München zwölf Passagiere.

2003

Am 8. Mai kommen bei der Kollision eines Zugs mit einem deutschen Reisebus nahe der Stadt Siofok im Westen Ungarns 33 Menschen ums Leben. Knapp einen Monat später sterben am 3. Juni in der Nähe des ostspanischen Orts Chinchilla beim Zusammenprall eines Personenzuges mit einem Güterzug 19 Menschen.

2004

Im Nordwesten der Türkei entgleist am 22. Juli in der Nähe der Stadt Pamukova ein Schnellzug von Istanbul nach Ankara; 37 Menschen sterben.

2005

Nahe der zentralitalienischen Stadt Bologna fahren am 7. Januar ein Personen- und ein Güterzug ineinander; 17 Menschen kommen ums Leben.

2006

Zu Jahresbeginn sterben nahe der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica 47 Menschen, als ein Zug entgleist. Am 22. September kommen bei einem Unfall auf der Versuchsstrecke der Magnetschwebebahn Transrapid im niedersächsischen Lathen 23 Menschen ums Leben.

2009

Durch die Explosion eines Tankwaggons im Bahnhof der nordwestitalienischen Stadt Viareggio kommen am 30. Juni 29 Menschen ums Leben. Unweit der Stadt Iasi im Nordosten Rumäniens sterben beim Zusammenstoß eines Zugs mit einem Kleinbus am 14. August 13 Fahrgäste.

2010

Nahe der Stadt Halle im Umland der belgischen Hauptstadt Brüssel stoßen am 15. Februar zwei Züge zusammen; 18 Passagiere sterben. In Marganez in der östlichen Zentralukraine kommen bei der Kollision eines Zugs mit einem Reisebus am 12. Oktober 45 Menschen ums Leben.

2011

Am 29. Januar rasen bei Oschersleben in Sachsen-Anhalt bei voller Fahrt ein Regionalexpress und ein schwer beladener Güterzug ineinander; zehn Menschen sterben.

2012

In Süden Polens sterben 16 Menschen, als zwei Personenzüge ineinander fahren.

Die Gesamtlänge des Zugs beträgt 186 Meter und bietet in neun Waggons 265 Sitzplätze. Zusätzlich hat der Zug zwei Triebköpfe und hinter diesen jeweils einen Dieselgenerator-Wagen. Im verunglückten Zug „Alvia 4155“ sollen zum Zeitpunkt der Katastrophe am späten Mittwochabend 218 Passagiere gesessen haben.

Der Lokführer räumte mittlerweile ein, viel zu schnell gefahren zu sein. Der Zug sei mit rund 190 Stundenkilometern unterwegs gewesen, obwohl in der Unglückskurve vier Kilometer vor der Einfahrt in den Bahnhof von Santiago höchstens Tempo 80 zulässig gewesen sei, bestätigte er nach Angaben der Ermittler vom Donnerstag. Über den Grund für die überhöhte Geschwindigkeit wurde zunächst nichts bekannt.

Mit Material von dpa.

Anm. d. Red.: Ein Tippfehler wurde kurz nach Veröffentlichung korrigiert, der Zug heißt auch Talgo 250, nicht Tango 250.

Nordspanien

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Nordspanien: Dutzende Tote bei Zugunglück

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Kommentare (1)

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Richard

28.07.2013, 22:30 Uhr

Spätestens jetzt sollte klar sein: der Betrieb eines Hochgeschwindigkeitszuges ohne funktionierendes Tempo- Begrenzungssystem ist grobfahrlässig. Ein komplizierter und langwieriger Prozess, ähnlich wie bei Italiens Kapitän Schettino, lenkt jetzt von den zuständigen Verantwortungen ab. Das Unglück ist so irrational, dass es fast nur im Zusammenhang mit dem Jakobs-Götzenfest zu erklären ist.

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