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02.02.2006

14:56 Uhr

Report

Stahl zu Schrott

VonRuth Reichstein

Weil der indische Stahlriese Mittal Konkurrent Arcelor schlucken will, bangt Luxemburg um seinen größten Industriezweig. Das Land ist größter Arcelor-Aktionär, fühlt sich aber dennoch machtlos.

LUXEMBURG. John Castegnaro ist zurzeit einer der gefragtesten Männer in Luxemburg. Der hager gewachsene Sohn italienischer Einwanderer vereint zwei Funktionen in einer Person: Er ist sozialistischer Abgeordneter im Parlament des Großherzogtums, und als Gewerkschafter ist er Mitglied des Aufsichtsrates beim Stahlriesen Arcelor. Seit Tagen ist Castegnaro deshalb unterwegs: Er will die Übernahme des französisch-spanisch-luxemburgischen Stahlkonzerns durch die indische Mittal-Gruppe verhindern, die Nummer eins auf dem Weltmarkt.

Dafür hetzt der 61-Jährige nun von einer Sitzung zur nächsten, zerrt immer wieder Redemanuskripte aus seiner braunen Ledermappe, morgens ermuntert er die Arcelor-Stahlarbeiter im Werk in Esch-sur-Alzette, spricht ihnen Mut zu, nachmittags steht er am Rednerpult des Parlaments vor den Abgeordneten auf ihren roten Plüschsesseln im Großherzoglichen Palast.

Castegnaros Worte sind hier und da die gleichen: „Wir müssen diese Übernahme verhindern. Arcelor und Mittal, das passt nicht zusammen.“

An der Wand hinter der Regierungsbank im Parlament hängt das Bildnis von Großherzog Henri von Luxemburg aus dem Hause Nassau-Weilburg, auch wenn der nur noch repräsentative Funktionen hat.

Weil im kleinsten EU-Staat Tradition noch ein bisschen wichtiger ist als anderswo, geht in Luxemburg seit dem vergangenen Freitag die Angst um. Da verkündete Lakshmi Mittal, dass sein Stahlkonzern Konkurrent Arcelor, die Nummer zwei der Welt, für 18,6 Milliarden Euro schlucken will. Mit knapp sechs Prozent ist das Großherzogtum Luxemburg größter Aktionär von Arcelor.

Das ist zu wenig, um den Deal zu stoppen, aber für viele Luxemburger wäre ein Ausverkauf der einst so stolzen Stahlindustrie an Mittal zu viel. Nicht nur Tausende Arbeitsplätze scheinen gefährdet, auch die nationale Ehre steht auf dem Spiel. Deshalb organisiert Luxemburg nun den Widerstand.

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