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10.01.2017

06:34 Uhr

Rolls-Royce-Chef Interview

„Es kann schnell aufwärts gehen, aber auch schnell abwärts“

VonKerstin Leitel

Die gut betuchte Klientel des britischen Luxusauto-Herstellers Rolls-Royce trotzt dem Brexit. Die BMW-Tochter konnte den Absatz 2016 steigern. Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös über die Lust am Luxus-Shoppen.

Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös (l.) mit BMW-Boss Harald Krüger (r.). AFP; Files; Francois Guillot

Rolls Royce

Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös (l.) mit BMW-Boss Harald Krüger (r.).

LondonEs gibt wohl kaum ein Unternehmen, das so sehr für britischen Luxus steht wie Rolls-Royce. Dass sich die 1903 gegründete Firma nach dem Brexit von der Insel verabschiedet, ist undenkbar. Dabei steckt hinter dem Hersteller der berühmten Luxuskarossen – Stückpreis ab 200.000 Euro – längst der deutsche Autokonzern BMW. Auch der in Großbritannien ansässige Firmenchef ist ein Deutscher. Im Gespräch mit dem Handelsblatt schildert Torsten Müller-Ötvös, was sich für das Unternehmen seit dem Referendum im vergangenen Juni verändert hat. In den aktuellen Absatzzahlen – 2016 wurden mit 4.011 Autos mit der berühmten Kühlerfigur verkauft, sechs Prozent mehr als im Jahr zuvor – zeigte sich der Brexit noch nicht.

Herr Müller-Ötvös, ein anderer britischer Automobilhersteller hat berichtet, dass ihm wegen des Leave-Votums im EU-Referendum eine gewisse Zurückhaltung entgegenschlägt. Haben Sie das ebenfalls gespürt?
Nein, das kann ich nicht bestätigen. Sicher, keine Marke gilt als so britisch wie Rolls-Royce. Doch der bevorstehende Brexit hat in diesem Aspekt keinen Einfluss auf unser Geschäft gehabt, in den Gesprächen mit den Kunden spielte das keine Rolle.

Inwieweit ist der Brexit denn für Ihr Unternehmen ein Thema?
Noch hat der Brexit nicht stattgefunden, deswegen ist es für uns noch „business as usual“. Doch es ist natürlich nicht gut, dass Unsicherheit über die Bedingungen des bevorstehenden EU-Austritts herrscht. Wir exportieren 90 Prozent unserer Autos, da wäre es natürlich wünschenswert, wenn es mehr Transparenz über die zu erwartenden Veränderungen gäbe. Zudem importieren wir viele Güter. Zölle oder Handelsbeschränkungen wären da kontraproduktiv.

Der japanische Automobilhersteller Nissan hat von der britischen Regierung im Gegenzug für Investitionszusagen Zugeständnisse bekommen. Gab es auch zwischen Rolls-Royce und der britischen Regierung Gespräche oder gar Garantien?
Nein, wir haben auch nicht danach gefragt. Ich denke, die britische Regierung ist sich sehr wohl der Bedeutung der britischen Automobilindustrie bewusst, und ich hoffe sehr, dass sie das bei den bevorstehenden Verhandlungen auch im Hinterkopf behält.

Hat der bevorstehende Ausstieg aus der EU keinen Einfluss auf Ihre Investitionsentscheidungen?
Wir haben bereits in den vergangenen Jahren signifikante Investitionen vorgenommen, es stehen derzeit keine großen Entscheidungen an.

Was der Brexit für die britische Wirtschaft bedeutet

Hintergrund

Die britische Wirtschaft muss sich nach dem Brexit-Votum auf schlechtere Geschäfte einstellen. Im schlimmsten Fall würde durch den EU-Abschied der Freihandel gestoppt, Regeln für den Binnenmarkt wegfallen und Zollschranken errichtet. Die folgenden Konsequenzen erwarten Experten für die britische Wirtschaft.

Wachstum

Finanzminister George Osbourne befürchtet eine „hausgemachte Rezession“: Binnen zweier Jahre könnte die Wirtschaftsleistung um bis zu sechs Prozent niedriger ausfallen als bei einem Verbleib in der EU. Bis 2020 summieren sich die Wachstumsverluste demnach auf bis zu 9,5 Prozent. Die Bank of England befürchtet einen „merklichen Abschwung“ bis hin zu einer Rezession. Auch internationale Organisationen wie die OECD und der IWF rechnen mit spürbaren Einbußen im Vergleich zu einem EU-Verbleib.

Jobs

Die Arbeitslosenquote liegt derzeit auf dem Zehn-Jahres-Tief von 5,0 Prozent. Die meisten Experten rechnen damit, dass sie nach dem EU-Abschied steigen dürfte. Anhänger des Brexit-Lagers argumentieren hingegen, dass durch den Wegfall von EU-Vorschriften neue Jobs entstehen könnten.

Löhne

Sie dürften bis 2030 real zwischen 2,2 und 7,0 Prozent niedriger ausfallen als bei einem EU-Verbleib, schätzen Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der britischen Denkfabrik National Institute of Economic and Social Research.

Handel

Großbritannien riskiert nach den Worten des französischen Präsidenten Francois Hollande bei einem Brexit seinen Zugang zum EU-Binnenmarkt. US-Präsident Barack Obama betonte, dass sich Großbritannien nach einem Brexit in der Warteschlange für ein bilaterales Handelsabkommen mit den Vereinigten Staaten „hinten anstellen“ muss. Darunter könnten die britischen Exporteure leiden.

Leistungsbilanz

Großbritannien konsumiert mehr als es produziert. Mit 5,2 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichte das Defizit in der Leistungsbilanz schon im vergangenen Jahr einen Rekordwert. Um diese Lücke zu schließen, ist das Land auf ausländisches Geld angewiesen. Ob dieses nach dem Brexit noch so zahlreich auf die Insel fließt, halten viele Experten für fraglich. Notenbankchef Mark Carney sagte, ein Brexit könnte „die Freundlichkeit von Fremden“ testen, die das Defizit bislang ausgleichen.

Währung

Das britische Pfund verzeichnete nach dem Referendum den heftigsten Kursverlust zum Dollar seit mindestens 40 Jahren. Der Kurs liegt derzeit bei etwa 1,38 Dollar, doch könnte er nach Prognose von Experten wie Starinvestor George Soros bis auf 1,15 Dollar fallen. Ein billiges Pfund macht britische Produkte anderswo billiger, verteuert aber Importe und kann so zu höherer Inflation und sinkender Kaufkraft führen.

Geldpolitik

Die britische Notenbank rechnet mit einer Zeit der Unsicherheit. Sie steht deshalb zum Eingreifen bereit. Zur Geldversorgung der Finanzwirtschaft könnten zusätzliche 250 Milliarden Pfund abgerufen werden. Wenn notwendig, will die Bank of England auch erhebliche Liquidität in Fremdwährungen bereitstellen. Experten rechnen auch mit Zinssenkungen.

Kreditwürdigkeit

Der Abschied Großbritanniens aus der EU kann der Ratingagentur Moody's zufolge die Kreditwürdigkeit drücken. „Das Ergebnis bedeutet eine längere Zeit der politischen Unsicherheit, die auf der wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit des Vereinigten Königreichs lasten wird“, erklärte Moody's. Das wiederum sei negativ für die Bonität. Moodys's bewertet die Kreditwürdigkeit Großbritanniens derzeit eine Note unter der Bestnote AAA. Wird das Rating herabgestuft, kann das höhere Kosten bei der Schuldenaufnahme zur Folge haben.

Vergangenes Jahr hat Rolls-Royce 4.011 Autos verkauft, sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Mit welchen Erwartungen gehen Sie in das Jahr 2017?
Das ist sehr schwer zu prognostizieren. Uns stehen sehr viele Unwägbarkeiten bevor, denken Sie nur an den Präsidentschaftswechsel in den USA. Auch unsere Klientel reagiert durchaus sensitiv auf Veränderungen. 80 Prozent unserer Kunden sind Unternehmer. Es spielt daher sehr wohl eine Rolle, wie deren Unternehmen läuft. Rolls-Royce kann da durchaus als Konjunkturbarometer dienen. Es kann schnell aufwärts gehen, aber auch schnell abwärts.

Herr Müller-Ötvös, vielen Dank für das Interview.

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