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24.11.2015

19:52 Uhr

Rolls Royce

„Schmerzhafte“, aber „lebenswichtige“ Einschnitte

VonCarsten Herz

Kurz vor Weihnachten bangen die Mitarbeiter des Triebwerkeherstellers Rolls Royce um ihre Anstellung: Gut jeder zehnte Job soll in den nächsten Jahren wegfallen. Betroffen sind auch Arbeitsplätze in Deutschland.

Triebwerk von Rolls Royce: „Beispiellose Phase der Veränderung.“ dpa

Rolls Royce

Triebwerk von Rolls Royce: „Beispiellose Phase der Veränderung.“

LondonWarren East weiß, was die Stunde geschlagen hat. Das Unternehmen stehe vor einer „beispiellosen Phase der Veränderung“, sagte der erst seit Juli amtierende Chef des zweitgrößten Triebwerkherstellers der Welt, Rolls-Royce, am späten Dienstagnachmittag vor Investoren in London. Der Topmanager, der im dunklen Anzug und gelblicher Krawatte vor seine Geldgeber tritt, macht keinen Hehl daraus, dass das, was er diplomatisch Veränderung nennt, vor allem eines mit sich bringen wird: harte Einschnitte – daran lassen die Einlassungen des früheren Managers des Chipentwicklers ARM keinen Zweifel. In naher Zukunft stünden „schmerzhafte“ Veränderungen an. Diese seien „lebenswichtig“ für den langfristigen Erfolg des Motorenherstellers. Unter den rund 32.000 Mitarbeiter des 109 Jahre alten Konzerns aus dem nordenglischen Derby hat damit wenige Wochen vor Weihnachten das Bangen um ihre Jobs begonnen.

Volle Schubumkehr. Denn was East am späten Nachmittag in London vorstellt, ist ein massives Sparprogramm. Abläufe sollen vereinfacht und beschleunigt werden, Stellen gestrichen und die Kosten gesenkt werden. In den Sparten Aerospace und im Marine-Geschäft sollen 2015 und 2016 insgesamt 3600 Jobs wegfallen, wie aus der Präsentation hervorgeht, die das Management den Investoren in London präsentierte. Damit steht gut jeder zehnte Job bei dem Konzern auf der Kippe. Mit der Restrukturierung soll ab 2017 jährlich bis zu 200 Millionen Pfund, das sind etwa 285 Millionen Euro, eingespart werden.

Es ist eine Rotstift-Aktion, bei der es auch um die Zukunft deutscher Arbeitsplätze geht: Rund 12.000 Mitarbeiter beschäftigt der Hersteller von Triebwerken und Motoren hierzulande. Mehr Angestellte hat Rolls-Royce nur daheim im Vereinigten Königreich. Besonders viel steht im traditionsreichen Motorenbau in Friedrichshafen, der unter anderem Motoren für Jachten, Panzer und Lokomotiven herstellt, auf dem Spiel: In der über Jahrzehnte hinweg als MTU bekannten Sparte arbeiten allein gut 10.000 Beschäftigte für Rolls-Royce – und die wissen noch nicht sicher, ob und wie die Streichaktion auch Deutschland trifft. Denn Details zu einzelnen Werken nannte Rolls Royce in London nicht. „Wir prüfen die Situation für den gesamten Konzern – und Deutschland ist ein Teil des Geschäfts“, sagte ein deutscher Rolls-Royce-Sprecher in Berlin lediglich. Ein Sprecher des Werks in Friedrichshafen erklärte, es gebe „es zurzeit keine weiteren Informationen mitzuteilen“.

Als die Briten vor vier Jahren in Friedrichshafen einstiegen, stellten sie zwar gemeinsam mit dem damaligen Partner Daimler milliardenschwere Investitionen und Bestandsgarantien für das Werk am Bodensee in Aussicht. Doch der Druck auf Rolls Royce hat seitdem drastisch zugenommen. Denn die britische Industrie-Ikone findet auch unter ihrem neuen Chef nicht aus der Krise. East war im Juli mit dem Ziel angetreten, Rolls-Royce aus dem Umsatz-Tief zu führen. Nur wenige Tage danach schockierte er die Investoren erstmals mit der Ankündigung, dass der Gewinn im kommenden Jahr wohl deutlich einbrechen werde. Doch dabei blieb es nicht. Mitte November musste East die zweite Gewinnwarnung ausgegeben. Das Kerngeschäft mit Flugzeug-Triebwerken sei eingebrochen, begründete der Manager den Schritt. Die Börse reagierte regelrecht geschockt auf die schlechten Nachrichten: Der Rolls-Royce-Aktienkurs fiel daraufhin um zeitweise 20 Prozent.

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Einen Großteil seines Geschäfts macht Rolls-Royce mit Partnern, die stark von Öl- und Gaspreisen abhängen. Die anhaltende Schwäche auf dem Öl- und Gasmarkt drückten zuletzt die Umsätze des Triebwerkehersteller.

Kein halbes Jahr nach seinem Start hat East damit das Wohlwollen der Investoren bereits weitgehend aufgebraucht. Denn Rolls Royce Triebwerke erscheint immer mehr wie ein chronischer Patient. Seit Anfang 2014 hat Rolls-Royce insgesamt sechsmal die Ergebniserwartungen revidiert. Allein im laufenden Jahr haben die Aktionäre bereits Kursverluste von bis zu 40 Prozent erlitten. Es ist eine Krise, die inzwischen aggressive Finanzinvestoren auf den Plan ruft. So stockte der US-Hedgefonds Value Act erst vor wenigen Tagen seinen Anteil an dem Konzern auf rund zehn Prozent auf – und strebt nun einen Platz im Verwaltungsrat an. Dass der aktivistische Investor nicht zu unterschätzen ist, bewies er bereits beim Technologiekonzern Microsoft. Dort trieb er den Rücktritt von Satya Nadellas Vorgänger von der Vorstandsspitze erfolgreich voran.

East weiß deshalb, dass sein Spielraum eng ist. Seine Analyse fällt deshalb ebenso knapp wie hart aus. Er lässt keinen Zweifel daran, dass Rolls-Royce ein Kostenproblem hat: „Unsere fixen Kosten sind einfach zu hoch“, nennt er als eine der größten Schwächen. Bereits relativ geringe Nachfrageeinbußen führten deshalb zu großen Gewinneinbußen. Es sei allerdings keine „Raketen-Technik“ nötig, um dieses Manko zu beheben, machte er sich in London Mut. Der britische Topmanager mit dem schütteren Haupthaar hat sich nun Zeit bis 2017 gegeben, bis seine Rotstift-Aktion sich deutlich für den Konzern auszahlen wird. Doch die Geduld der Investoren ist angesichts des Missmanagements in der Vergangenheit begrenzt. Nicht nur Value Act wird darauf dringen, dass East bereits früher erste Fortschritte aufweisen kann.

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