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20.03.2013

11:45 Uhr

Rückrufaktion

China lässt gegenüber VW die Muskeln spielen

Qualitätsmängel und öffentlicher Druck bringen Volkswagen dazu, eine Rückrufaktion in China zu starten. Die Situation zeigt, dass in dem Land selbst Großinvestoren nicht auf staatliche Rückendeckung bauen können.

Volkswagen-Werk in China. (Archiv-Bild) dpa

Volkswagen-Werk in China. (Archiv-Bild)

PekingBei seiner bisher größten Rückrufaktion in China holt der Volkswagenkonzern insgesamt 384 000 Autos wegen Problemen mit dem Getriebe in die Werkstatt zurück. Vier Tage nach der ersten Ankündigung des Vorhabens auf seinem weltweit wichtigsten Absatzmarkt bestätigte ein Volkswagen-Sprecher in Peking entsprechende Zahlenangaben der chinesischen Qualitätsaufsichtsbehörde (AQSIQ).

Der Rückruf erfolgt nach Angaben von Volkswagen „freiwillig“ und nicht auf Druck der Behörden. Die chinesische Qualitätsaufsicht hatte Volkswagen allerdings am Samstag aufgefordert, defekte Autos zurückzurufen. Die Behörde selbst reagierte auf einen Bericht des Staatsfernsehens CCTV vom Vortag über die Getriebeprobleme und unzufriedene Kunden, die ihre Probleme schilderten.

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Immer mehr Hersteller bauen Doppelkupplungsgetriebe in ihre Fahrzeuge ein. Dafür gibt es gute Gründe. Auch wenn die von VW in China zurzeit massive Probleme verursachen.

Mit einem Anteil von 14 Prozent im vergangenen Jahr dominiert VW den Markt. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht würde es jedoch lieber sehen, wenn die Anteile gleicher verteilt wären – und dass die einheimischen Anbieter einen größeren Teil des Kuchens abbekämen. Das mischt sich mit einer subjektiv Wahrnehmung von Arroganz des Weltkonzerns, die chinesische Medien und Kunden zuletzt immer wieder beklagt haben.

Politische Rückendeckung ist gleichwohl in einer Staatswirtschaft wie China die wichtigste Grundvoraussetzung für Geschäftserfolg. Der Staat hat zahlreiche Möglichen, den Absatz zu fördern oder zu bremsen. Er kann beispielsweise Genehmigungen schneller oder langsamer erteilen. Die Autobranche leidet beispielsweise auch 35 Jahre nach der Öffnung des Landes noch unter der Pflicht, in Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Herstellern zu produzieren und dabei ihre Geschäftsgeheimnisse zu offenbaren.

Welche Autostandorte die beste Qualität produzieren

Quelle

In der Studie „European Automotive Survey 2013“ haben die Wirtschaftsprüfer von Ernst&Young 300 europäische Unternehmen der Automotive-Branche befragt, wie sie die Produktqualität der Automobilstandorte bewerten.

Platz 18

Türkei
Nirgendwo wird die Produktqualität schlechter bewertet als in der Türkei. Nur zwei Prozent der befragten Unternehmen halten die Türken für sehr wettbewerbsfähig, 17 Prozent eher wettbewerbsfähig.

Platz 17

Ungarn
Mit Daimler und Audi haben zwei deutsche Hersteller große Werke in Ungarn. In punkto Produktqualität hat das osteuropäische Land enormen Nachholbedarf. Ein Prozent halten die Ungarn in diesem Feld für sehr wettbewerbsfähig, 20 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 16

Indien
Auf Indiens Automarkt regieren die Billigmodelle. Darunter leidet auch die Bewertung der Produktqualität. Vier Prozent bewerten den Standort als sehr wettbewerbsfähig, 22 als eher wettbewerbsfähig.

Platz 15

Polen
Der Nachbar ist ein wichtiger Produktionsstandort für deutsche Autokonzerne, doch die Produktqualität wird nicht sonderlich hoch bewertet. Drei Prozent halten die Polen für sehr wettbewerbsfähig, 23 Prozent für wettbewerbsfähig.

Platz 14

Russland
Die große Wachstumshoffnung in Europa, doch in punkto Produktqualität besteht Nachholbedarf. Drei Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 23 für eher wettbewerbsfähig.

Platz 13

Slowakei
Die Heimat von VW-Tochter Skoda schneidet in der Bewertung der Produktqualität ebenfalls eher schlecht ab. Drei Prozent halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 24 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 12

China
Als Absatzmarkt ist China für die Hersteller immens wichtig, in der Produktion gibt es offensichtlich noch Probleme. Nur fünf Prozent halten China in punkto Produktqualität für sehr wettbewerbsfähig, 27 für eher wettbewerbsfähig.

Platz 11

Spanien
Auch in Spanien werden derzeit die Autoproduktionen wieder hochgefahren. Sechs Prozent halten das Land in punkto Produktqualität für sehr wettbewerbsfähig, 28 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 10

Brasilien
Einen großen Sprung im Ranking macht das südamerikanische Land (+13 Prozentpunkte). Zuletzt haben mehrere Autokonzerne in Brasilien investiert. Die Produktqualität bewerten sieben Prozent als sehr wettbewerbsfähig, 29 als eher wettbewerbsfähig.

Platz 9

Tschechien
Unter Osteuropas Ländern belegen die Tschechen in punkto Produktqualität einen Spitzenplatz, insgesamt reicht das aber nur fürs Mittelfeld. Vier Prozent halten Tschechien für sehr wettbewerbsfähig, 31 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 8

Italien
Auch wenn die Autoindustrie des Landes leidet, an der Produktqualität in der Heimat von Fiat und Ferrari kommen nur wenige Zweifel aus. Sechs Prozent aller befragten Unternehmen halten das Land in diesem Punkt für sehr wettbewerbsfähig, 34 halten Italien für eher wettbewerbsfähig.

Platz 7

Frankreich
Auch wenn der Mittelfeldplatz anderes vermuten lässt: Auch in punkto Produktqualität sind die Franzosen der große Verlierer des Rankings. Satte 15 Prozentpunkte hat der Standort seit 2011 eingebüßt. Mittlerweile halten nur noch zehn Prozent aller befragten Unternehmen halten das Land für sehr wettbewerbsfähig, 34 für eher wettbewerbsfähig.

Platz 6

England
Das Vereinigte Königreich war einst eine stolze Autonation. In punkto Produktqualität halten die Briten immerhin den Anschluss an die Spitzengruppe. 13 Prozent bewerten die Heimat von Mini und Rolls Royce als sehr wettbewerbsfähig, 35 Prozent als eher wettbewerbsfähig.

Platz 5

USA
Volkswagen feiert in Amerika immer neue Wachstumsrekorde, auch in punkto Produktqualität hat das Land zugelegt. 13 Prozent halten den Standort USA für sehr wettbewerbsfähig, 47 für eher wettbewerbsfähig.

Platz 4

Südkorea
Hyundai und Kia sorgen auf dem europäischen Automarkt für Wirbel. Das liegt auch an der Produktionsqualität der südkoreanischen Konzerne. Der Standort gewinnt im Qualitätsranking satte 22 Prozentpunkte – mehr als jedes andere Land. Für 19 Prozent aller befragten Unternehmen ist das Land sehr wettbewerbsfähig, für 42 Prozent eher wettbewerbsfähig.

Platz 3

Schweden
Auch in der Produktqualität belegt die Heimat von Volvo einen Spitzenplatz. 14 Prozentpunkte haben die Skandinavier im vergangenen Jahr hinzugewonnen. 19 Prozent aller befragten Unternehmen halten Schweden für sehr wettbewerbsfähig, 43 Prozent für eher wettbewerbsfähig.

Platz 2

Japan
Die japanische Autoindustrie hat sich erholt und greift nun wieder nach der Weltspitze – auch in punkto Produktqualität. 28 Prozent bewerten Japan als sehr wettbewerbsfähig, 44 als eher wettbewerbsfähig. Das sind satte 18 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.

Platz 1

Deutschland
Geht es nach der Einschätzung der europäischen Automotive-Unternehmen ist kein Land in Europa qualitativ hochwertiger als Deutschland. Satte 51 Prozent halten den Standort für sehr wettbewerbsfähig in punkto Produktqualität, 37 bewerten die Deutschen als eher wettbewerbsfähig

Aktionen wie der plötzliche Angriff durch CCTV und AQSIQ könnten dazu dienen, die Machtverhältnisse noch einmal klar zu zeigen. Volkswagen bleibt in so einer Lage wohl nichts Anderes übrig, als Demut und Kundennähe zu beweisen – daher die blitzartige Ankündigung des Rückrufs, obwohl das Problem nach früheren Konzernangaben schon weitgehend bereinigt ist und mehr in der Wahrnehmung der Kunden weiterlebt.

Es geht um Schwierigkeiten mit einem bestimmten Typ von Doppelkupplungsgetrieben, die seit März 2012 bekannt sind. In einer Serviceaktion sei schon bei mehr als 90 Prozent der betroffenen Autos neue Software aufgespielt worden, berichtete Volkswagen.

Nach Angaben der Aufsichtsbehörde in Peking sind Autos aus chinesischer Produktion vom Typ Passat, Touran, New Bora, Sagitar, Magotan, Lavida und Skoda Octavia, Superb sowie auch importierte Fahrzeuge vom Typ Golf Variant, Scirocco, Cross Golf und Audi A3 betroffen. Die Aktion beginnt am 2. April.

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Schon im vergangenen Mai hatte Volkswagen angesichts der Probleme gemeinsam mit den beiden chinesischen Joint Venture-Partnern entschieden, die Garantie für die Direktschaltgetriebe (DSG) DQ200 und DQ250 in China zu erweitern. Diese gilt jetzt für zehn Jahre oder bis zu 160.000 Kilometer.

Von den 9,1 Millionen Autos des Konzerns weltweit wurden im vergangenen Jahr in China 2,8 Millionen verkauft. VW-Chef Martin Winterkorn hat diesen Monat angekündigt, auf dem wichtigsten Fahrzeugmarkt der Welt in China sieben seiner derzeit zehn weltweit geplanten Werke bauen zu wollen.

Fahrzeuge in Deutschland, Europa, Süd- und Nordamerika seien von dem technischen Problem nicht betroffen, sagte ein VW-Sprecher auf Nachfrage gegenüber Handelsblatt Online. Aus anderen Regionen als China lägen keine Beschwerden von Kunden vor. Zur Ursache hieß es, die besonderen klimatischen Bedingungen (heiß und feucht) könnten zu den Problemen mit der elektronischen Steuerung der komplexen DSG-Mechatronik geführt haben.

Volkswagen hatte als erster Hersteller überhaupt Doppelkupplungsgetriebe seit 2002 in der Serienproduktion eingesetzt, bislang wurden weit über 1,5 Millionen Modelle damit ausgestattet.

Kommentare (10)

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Account gelöscht!

20.03.2013, 08:09 Uhr

"Die Autobranche leidet beispielsweise auch 35 Jahre nach der Öffnung des Landes noch unter der Pflicht, in Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Herstellern zu produzieren und dabei ihre Geschäftsgeheimnisse zu offenbaren."

Wie verblödet sind die die westlichen Unternehmen eigentlich? Und das alles nur um die Gier nach Geld für die Konzerneigner zu stillen?

In 5 Jahren gibt es nur noch Autos made in China! Oder zumindest in chinesischer Hand.

lkjkl

20.03.2013, 08:09 Uhr

Das die einheimischen Produzenten nicht mehr Marktanteile haben wird wohl daran liegen dass deren Fahrzeuge kurz nach dem Kauf explodieren die Bremsen zerbröseln oder die Hupe noch manuell als Tröte betrieben wird. Die Qualitätsaufsichtsbehörde ja so ein scheiss. Die Chinesen liefern, wenn selbst ausgedacht, nur schrott. Wenn geklaut (kopiert), auch nur schrott. Und wenn das QM eines Auftragsgebers vor ort ist können von 100 Stück eines akzeptiert werden. Die Löhne steigen die Rohstoffpreise steigen, bald knallts da drüben.

Jesus

20.03.2013, 08:11 Uhr

In 5 Jahren stehen die Chancen gut dass die Chinesen entweder ihr Volk halb umgebracht haben, oder dem Druck nachgeben und den Markt freigeben...
Egal was passiert, eine Weltmacht kann das nicht sein, zumindest nicht auf dauer.

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