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06.09.2013

18:32 Uhr

Rückzug oder nicht?

VW-Patriarch Piëch: „Totgesagte leben länger“

Ferdinand Piëch widerspricht einem Handelsblatt-Bericht. Er plane keinen Rückzug als Aufsichtsratschef von Volkswagen. Auch der Konzern dementiert – Winterkorn solle noch lange Vorstandsvorsitzender bleiben.

VW-Patriarch Ferdinand Piëch: „Freue mich auf den Konzernabend im Vorfeld der IAA“. dpa

VW-Patriarch Ferdinand Piëch: „Freue mich auf den Konzernabend im Vorfeld der IAA“.

FrankfurtVolkswagen ohne Ferdinand Piëch - das kann und will sich in Wolfsburg so bald niemand vorstellen. Deshalb schlossen sich schnell die Reihen, als das "Handelsblatt" am Freitag unter Berufung auf Vertraute Piëchs über einen Rückzug des 76-jährigen Aufsichtsratschefs in den nächsten Monaten berichtete. "Der Aufsichtsratsvorsitzende (...) Prof. Dr. Ferdinand K. Piëch ist bei bester Gesundheit und bleibt noch lange Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG", teilte der Konzern mit. "Damit erübrigen sich alle weiteren Spekulationen." Der bei VW fast allmächtige Österreicher ließ über das Magazin "Der Spiegel" wissen, er wolle noch auf vielen Automobilausstellungen wie in der nächsten Woche in Frankfurt als Aufsichtsratschef auftreten: "Totgesagte leben länger."

Wie wichtig Piëch noch immer - auch als Integrationsfigur - für den Wolfsburger Konzern ist, machte der einflussreiche Betriebsratschef Bernd Osterloh deutlich: "Es ist eine Sauerei, 550.000 Menschen eines Weltkonzerns so verantwortungslos zu verunsichern und das Unternehmen zu schädigen", teilte er mit. Piëch bleibe Aufsichtsrats- und Martin Winterkorn Vorstandschef - letzterer ist als Piëch-Nachfolger Insidern zufolge gesetzt. "Hier gibt es keinerlei Diskussion. Und damit gibt es auch kein sonstiges Stühlerücken." Volkswagen habe derzeit die beste Führungsspitze der weltweiten Automobilindustrie. "Und dabei bleibt es noch lange." Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte, er wolle sich "derzeit" nicht äußern. Das Land hält 20 Prozent der Stimmrechte an VW.

Piëch hatte sich im vergangenen Jahr als Aufsichtsratschef von Volkswagen für weitere fünf Jahre wiederwählen lassen. Am Ende der Amtszeit wäre er 80 Jahre alt und 15 Jahre Vorsitzender des Gremiums. Von 1993 bis 2002 hatte er den Konzern als Vorstandschef vom Sanierungsfall zum Branchenprimus gemacht, an dem der Familienclan Porsche/Piëch die Mehrheit der Anteile hält. "Ja, ich bleibe", sagte er gewohnt kurz und knapp auf der Hauptversammlung der Lastwagen-Tochter MAN auf die Frage nach einem vorzeitigen Rückzug.

Wie Ferdinand Piëch einen Weltkonzern schuf

1990er-Jahre

1993: Als Ferdinand Piëch im Januar 1993 den Vorstandsvorsitz von VW übernimmt, kämpft der Konzern mit einem Einbruch des Nordamerikageschäfts, hohen Kosten und Verlusten. Der neue Chef holt den Sanierer José Igancio López nach Wolfsburg. Weil der Spanier Betriebsgeheimnisse mitgenommen haben soll, entbrennt ein langwieriger Rechtsstreit mit seinem alten Arbeitgeber General Motors.
1997: Dank Piëchs Internationalisierungsstrategie laufen fast zwei von drei Autos im Ausland vom Band. 
1998: Mit der Übernahme der Marken Bentley (Foto) und Bugatti steigt Volkswagen ins Luxussegment ein. 
1999: Der Lupo kommt als erstes Drei-Liter-Auto auf den Markt. Im gleichen Jahr übertrifft Volkswagen als erster europäischer Hersteller die Schwelle von 100 Millionen produzierten Fahrzeugen

2000

Mit der im Juni eröffneten Autostadt setzt Piëch sich und dem VW-Konzern ein Denkmal in Wolfsburg. 

2001

Mit dem Luxusmodell „Phaeton“ erweitert VW das Oberklassenangebot. Für die Produktion des Kompaktvans Touran wird mit der IG Metall ein eigenes Tarifmodell entwickelt.

2002

Volkswagen übernimmt die schwedische Scania komplett und stärkt damit das Lkw-Geschäft. Der Aufsichtsrat wählt im April des Jahres Bernd Pischetsrieder zum Vorstandschef. Piëch übernimmt den Vorsitz im Aufsichtsrat.

2007

Im Januar tritt Martin Winterkorn das Amt des Vorstandsvorsitzenden an. Der VW-Konzern liefert 6,2 Millionen Fahrzeuge aus - so viele wie noch nie zuvor. Insbesondere in China, Brasilien und Osteuropa vermeldet VW Zuwächse von bis zu 32 Prozent im Vorjahresvergleich.

2009

Der von VW gesponserte VfL Wolfsburg gewinnt die Deutsche Fußball-Meisterschaft.

2011

Volkswagen legt in Silao in Mexiko den Grundstein für ein neues Motorenwerk. Nach zweijähriger Bauzeit eröffnet in den USA das neue Werk in Chattanooga mit einer Jahreskapazität von 150 000 Autos.

2012

VW hält über eine Holding 100 Prozent der Anteile an der Porsche AG, die als eigenständige Marke geführt wird - der integrierte Konzern von Volkswagen und Porsche entsteht.

Doch ist es schwer vorstellbar, dass sich ein Weltkonzern mit 200 Milliarden Euro Umsatz und mehr als einer halben Million Mitarbeitern nicht mit einer Nachfolgeregelung beschäftigt: "Es gibt natürlich einen Plan B, der im Konzern diskutiert wird", sagt ein Insider. Die Weichen könnte Volkswagen schon auf einer Aufsichtsratssitzung Ende September stellen, sollte es Piëch wirklich schlechter gehen.

Der 66-jährige Konzernchef Winterkorn und Piëch sind enge Vertraute, seit sie vor 30 Jahren in der Entwicklungsabteilung der Tochter Audi zusammengearbeitet haben. Das Charisma des Patriarchen hat der Schwabe Winterkorn freilich nicht. Piëch könne übers Wasser laufen, wird in Wolfsburg kolportiert. "Der weiß, wo die Steine liegen, über die man gehen kann", sagte ein Kenner der Nachrichtenagentur Reuters.

Im Vorstandsvorsitz könnte Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch laut "Handelsblatt" Winterkorn folgen - allerdings wäre er mit 62 Jahren nur eine Übergangslösung. Audi-Chef Rupert Stadler könnte dann Pötsch als Finanzchef ablösen. Ein Finanzmann an der Spitze wäre ungewöhnlich für Volkswagen und Piëch. Mit Piëch, Winterkorn und dessen Vorgänger Bernd Pischetsrieder sind die VW-Vorstandschefs seit 20 Jahren Ingenieure. Pötsch will von einem Wechsel auf den Chefposten nichts wissen: "Diese Frage stellt sich nicht. Der Volkswagen-Konzern wird von Martin Winterkorn exzellent geführt", sagte er der "Börsen-Zeitung" (Samstagausgabe).

Piëchs 20 Jahre jüngere Ehefrau Ursula, eine gelernte Kindergärtnerin, gehört dem VW-Aufsichtsrat seit 2012 an und könnte nach ihrem Mann die Interessen des Familienzweigs Piëch dort vertreten.

Piëchs strategisches Meisterstück: den Übernahmeversuch von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking abzuwehren und stattdessen den Sportwagenbauer zu schlucken. Ein Nebensatz Piëchs reichte, um Porsche-Chef Wiedeking dann abzuschießen. "Zurzeit noch" habe dieser sein Vertrauen, plauderte Piëch auf Sardinien bei einer Autovorstellung. "Streichen sie das noch", fügte er maliziös an.

Die Volkswagen-Aktionäre blieben am Freitag ruhig: Die Aktie legte um 0,3 Prozent auf 172,55 Euro zu. Fondsmanager erwarten auch unter einem neuen Führungsduo keine neue Strategie. "Natürlich ist der Aufstieg von VW untrennbar mit Piëch verbunden, aber das Unternehmen ist dennoch keine One-Man-Show", sagte Stefan Bauknecht von der Fondsgesellschaft DWS. "Die DNA von VW bleibt ungebrochen, die Weichen sind gestellt." Winterkorn müsse als Aufsichtsratschef aber mehr integrieren und umsetzen als weitere Luxusmarken wie Porsche, Lamborghini oder Bugatti kaufen, mit denen Piëch ein "Weltreich" aufgebaut habe. "Sollten die Gerüchte zutreffen, wäre das nichts, was mich als Aktionär beunruhigt", sagte Jürgen Meyer von der schwedischen Bank SEB.

Kommentare (2)

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06.09.2013, 16:02 Uhr

Das hat die Konkurrenz gestreut, ganz klar. Möglicherweise der Looser aus Rüsselsheim, der bei VW wegen anhaltender Erfolgslosigkeit und dauernden Geschwätz nach aussen weggejagt wurde.

DVL

06.09.2013, 16:52 Uhr

Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftgrössen Deutschlands spielt Herr Piech in einer anderen Liga.

Obwohl vermögend und restlos unabhänig hebt er sich wohltuhend von den eitlen "Möchtegerns" ab.

Im Gegensatz zu einem B. Beitz wird er immer wissen, wann
es für sein Unternehmen richtig ist Veränderungen vorzunehmen.

Ich wünsche ihm, dass er noch lange die Geschicke
des Konzerns positiv beeinflussen kann !








Ich glaube nicht. dass er wie ein B. Beitz

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