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29.07.2014

14:27 Uhr

Russland blickt gen Osten

„Made in Germany“ zieht nicht mehr

Zuverlässigkeit ist für deutsche Firmen kein Wettbewerbsvorteil mehr. Russische Kunden schauen immer öfter gen Osten, wo die Konkurrenz bereits in den Startlöchern steht. Der Kampf um die Aufträge nimmt absurde Züge an.

Eine Karte mit der Aufschrift „Made in Germany“. In Russland ist das Siegel kein Trumpf mehr. dpa

Eine Karte mit der Aufschrift „Made in Germany“. In Russland ist das Siegel kein Trumpf mehr.

FrankfurtZuverlässigkeit, Qualität und ein schneller Service – damit konnten deutsche Industriefirmen bisher in Russland punkten. Doch mit den drohenden Wirtschaftssanktionen wegen der Ukraine-Krise treten die bisherigen Wettbewerbsvorteile in den Hintergrund. Russische Auftraggeber sind vorsichtig geworden und schauen immer öfter gen Osten: In Südkorea, Japan und vor allem China stehen die Unternehmen in den Startlöchern, um der deutschen Konkurrenz Geschäfte in Russland abspenstig zu machen. „Das geht sogar so weit, dass chinesische Firmen zum Teil damit werben, zuverlässiger zu sein als deutsche, weil sie sanktionsfreie Warenströme gewährleisten könnten. Das nimmt schon absurde Züge an“, berichtet Bernd Hones von seinen Erfahrungen. Als Vertreter der Gesellschaft zur Außenwirtschaftförderung Germany Trade & Invest in Moskau berät er deutsche Firmen, die in Russland Geschäfte machen wollen.

Die EU, die sich bei ihren Maßnahmen gegen Russland bisher auf Einreiseverbote und Kontensperrungen für einzelne Personen beschränkte, will nun weiterreichende Wirtschaftssanktionen beschließen, die zum ersten Mal auch ganze Branchen betreffen. Deutschland gehört nach China zu den wichtigsten Handelspartnern Russlands. Umgekehrt steht das riesige Schwellenland mit einem Handelsvolumen von 76,5 Milliarden Euro an elfter Stelle der deutschen Handelsstatistik.

Bei den meisten der 6300 in Russland tätigen deutschen Firmen schrillen daher die Alarmglocken. Und bei den Wirtschaftsverbänden laufen die Drähte heiß: „Deutsche Unternehmen berichten uns, dass die russischen Firmen sagen: Sorry, ihr seid für uns keine verlässlichen Geschäftspartner mehr“, sagt Volker Treier, Außenhandelschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Allein die Diskussion über Sanktionen führe bereits dazu, dass sich langjährige russische Geschäftspartner abwendeten.

Vor allem die Maschinenbaubranche ist betroffen. Anlagen und Maschinen machen mit 24 Prozent einen Großteil der deutschen Exporte nach Russland aus. In den ersten fünf Monaten 2014 brachen die Ausfuhren hiesiger Firmen nach Russland um fast 15 Prozent ein, die Exporte der Maschinenbauer um fast 20 Prozent.

Die wichtigsten Fakten zum deutschen Gütesiegel

Ursprung in Großbritannien

Die Bezeichnung „Made in Germany“ - in Deutschland hergestellt - war ursprünglich als Schutzmaßnahme für die britische Wirtschaft gedacht. Nach dem 1887 erlassenen britischen Handelsmarkengesetz mussten alle nach Großbritannien eingeführten Waren als ausländische Erzeugnisse gekennzeichnet sein.

Schutz vor den Deutschen

Das Gesetz zielte hauptsächlich gegen die aufstrebende deutsche Industrie, die britische Industriemarken kopierte. Dem britischen Käufer sollte so vermeintlich „schlechte und billige“ Massenware angezeigt werden, damit er sie schnell von einheimischer Ware unterscheiden konnte.

Symbol der Zuverlässigkeit

Schon bald wurde die Bezeichnung allerdings zu einem Symbol für Zuverlässigkeit und Qualität, gegen das auch das Motto „Buy British“ nicht ankam. Die deutsche Wirtschaft entschloss sich, das Qualitätssiegel „Made in Germany“ auch beim Export in Länder zu nutzen, die eine solche Ursprungsbezeichnung nicht forderten.

Die Zeit der Teilung

Die Teilung Deutschlands führte zu Problemen: Die Bezeichnung „Made in Germany“ wurde auch für DDR-Unternehmen zugelassen. Die West-Firmen wollten keine Verwechslung aufkommen lassen und änderten die Bezeichnung nach einem entsprechenden Urteil des Bundesgerichtshofs von 1974 in „Made in West Germany“. Einige Jahre nach der deutschen Einheit war der West-Hinweis wieder verschwunden.

Intervention aus Brüssel

Die Europäische Kommission stellte im Jahr 2004 nationale Herkunftsbezeichnungen wie „Made in Germany“ infrage. Doch Bundesregierung, Opposition und Wirtschaft sprachen sich einhellig für die Erhaltung des Gütesiegels „Made in Germany“ aus.

Die Firma Eisenmann, die unter anderem Lackieranlagen und Umwelttechnik an die Autoindustrie liefert und rund 15 Prozent ihres Umsatzes in Russland macht, kann davon ein Lied singen. „Wir haben zum Beispiel eine Lackieranlage geliefert, bei der Verschleißteile, etwa Filter oder andere Komponenten, regelmäßig gewechselt werden müssen. Da kam die Frage vom Kunden: Was ist, wenn Sanktionen erhoben werden? Woher bekomme ich dann die Ersatzteile?“, erzählt Thomas Dehm, Geschäftsführer der russischen Niederlassung des Böblinger Familienunternehmens mit weltweit 3800 Mitarbeitern. Einem ostdeutschen Maschinenbauer brach ein Millionenauftrag weg, obwohl er die Ausschreibung gewonnen hatte. ”Der Kunde hatte Angst, dass er eine Anzahlung für Produkte machen muss, die dann wegen der Sanktionen nicht geliefert werden können“, sagt der Geschäftsführer, der anonym bleiben will.

Kommentare (10)

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Herr Josef Schmidt

29.07.2014, 14:38 Uhr

Wer hätte das gedacht ? Die Russlandkredite europäischer Banken werden demnächst auch auf dem Prüfstand stehen.

Vielleicht sollte man wieder neue Sanktionen verhängen weil sie keine deutsche Produkte mehr kaufen.

Herr Ribbentrop

29.07.2014, 14:50 Uhr

Gemach, gemach!
Sollen Sie doch chinesische Produkte kaufen; die die Qualität haben werden ja in deutschen JV vor Ort in China produziert! Und das was die Russen an Qualität wirklich brauchen, kriegen sie schwer in China, weil es das einfach nicht gibt dort mit der Lebensdauer und Wirkungsgrad!
Die und der Rest der Welt kaufen nicht bei uns weil sie uns besonders gern haben. Es hat schon seinen Grund
und Service bei chinesischen Produkten? Fehlanzeige! Das beginnt schon mit der Bedienungsanleitung. Englisch und Deutsch nicht verständlich, bin gespannt bei russisch?! :-)

Herr Josef Schmidt

29.07.2014, 14:55 Uhr

Gemach gemach denn danach kommt Gute Nacht.

Chinesische Unternehmen haben schon genug Know How gesaugt um gute Qualität preiswert anzubieten. Vielleicht keine deutsche Qualität aber viele deutsche Erzeugnisse sind overengineert und damit überteuert.

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