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20.08.2012

13:50 Uhr

RWE-Chef Peter Terium

„Es geht nicht um Entlassungen, sondern um Flexiblität“

VonJürgen Flauger, Sandra Louven

ExklusivRWE-Chef Peter Terium glaubt an die Energiewende. Doch mit ihr gerät der Energiekonzern auch an seine finanziellen Grenzen. Wie RWE zu alter Stärke zurückzufinden soll, erklärt Jürgen Großmanns Nachfolger im Interview.

Peter Terium folgte Jürgen Großmann auf dem RWE-Chefsessel. Reuters

Peter Terium folgte Jürgen Großmann auf dem RWE-Chefsessel.

Herr Terium, was halten Sie als Niederländer von der Energiewende in Deutschland? Ist sie eine Blaupause für andere Nationen oder ein Himmelfahrtskommando?

In meinen Augen ist die Energiewende ein faszinierendes Ereignis. Natürlich ist das eine große Herausforderung - vergleichbar mit der ersten Reise zum Mond. Und in den meisten Ländern wäre so etwas auch nicht möglich. Aber wenn die Energiewende überhaupt irgendwo klappen kann, dann hier. Wenn das Experiment gelingt, dann wird es weltweit Nachahmer finden.

Das sind ja ganz neue Töne bei RWE. Ihr Vorgänger Jürgen Großmann hat wie kein Zweiter gegen die Energiewende und den Atomausstieg gekämpft.

Es stimmt, dass sich Jürgen Großmann entschlossen für die Kernenergie eingesetzt hat. Das war während der Debatte über die Energiewende auch richtig. Damals mussten schließlich alle Argumente auf den Tisch. Und sicherlich spricht Jürgen Großmann eine sehr deutliche Sprache. Dieser Abschnitt ist aber beendet. RWE gestaltet die Energiewende nach Kräften mit.

Na ja, der Atom-Dino hat dem Image des Konzerns doch schon geschadet, oder?

Das kann ich so nicht bestätigen. Während und nach der Diskussion haben wir jedenfalls keine Kunden verloren - unser Kundenstamm ist sogar gewachsen.

Wie stehen Sie selbst zur Kernenergie?

Ich bin kein Überzeugungstäter. Wenn ein Unternehmen sichere Technologien anbietet und das in einem Land gewollt ist, dann soll das Unternehmen das auch machen. Das gilt auch für die Kernenergie. Aber wir akzeptieren, dass die Kernenergie in Deutschland gesellschaftlich nicht mehr gewünscht ist.

Das sind die Stärken und Schwächen von RWE

Schwäche 1: CO2-Emissionen

Der Atomausstieg macht RWE an einer Stelle besonders stark zu schaffen – wenn es um die CO2-Emissionen geht. Ex-RWE-Chef Jürgen Großmann hatte lange gehofft, durch eine Verlängerung der Laufzeiten bei den Kernkraftwerken möglichst viel CO2-freien Strom produzieren zu können. Doch nach der Atomkatastrophe von Fukushima ist klar: Der Energiekonzern wird nach wie vor sehr stark abhängig von seinen Kohlekraftwerken und damit auch der größte Emittent des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids bleiben. So hat der Konzern im vergangenen Jahr insgesamt 161,9 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Das sind zwar knapp zwei Prozent weniger als 2010. Doch nur für 116,6 Millionen Tonnen hat RWE kostenlos Zertifikate zugeteilt bekommen. Für den Rest, also 45,3 Millionen Tonnen, musste der Versorger Zertifikate erwerben – und dafür rund 600 Millionen Euro bezahlen.

Schwäche 1: Kohlendioxid-Zertifikate

Doch während RWE heute noch fast drei Viertel der Verschmutzungsrechte kostenlos erhält, muss der Konzern sich darauf einstellen, ab 2013 für alle Zertifikate zu bezahlen. Wie hoch die Mehrbelastung für RWE dadurch sein wird, ist schwer vorauszusagen. Denn allein im Jahr 2011 schwankten die Preise zwischen 7,40 Euro und über 17 Euro pro Tonne. Für den Teil, den RWE bisher noch gratis erhalten hat, wären das Kosten zwischen gut 860 Millionen und knapp zwei Milliarden Euro.

Schwäche 2: Steigende Verschuldung

Der Anstieg der Verschuldung ist ein weiterer Punkt, der dem ehemaligen RWE-Chef Jürgen Großmann angekreidet wird. Denn in seiner Amtszeit haben sich die Nettoschulden deutlich erhöht. Während sie im Jahr 2007 noch bei 16,51 Milliarden Euro lagen, betrugen sie Ende 2011 dagegen stolze 29,95 Milliarden Euro. Die Nettoschulden beinhalten alle Finanzschulden wie etwa Anleihen und Bankkredite abzüglich der flüssigen Mittel. Hinzu kommen Rückstellungen für Pensionen und die Entsorgung im Kernenergiebereich sowie bergbauliche Rückstellungen. Die Nettoschulden machten 2011 175 Prozent des Eigenkapitals und das 3,5-Fache des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) aus.

Schwäche 2: Rating-Abstufung droht

Trotz bereits erfolgter Abstufungen – unter anderem weil die Belastungen durch den Atomausstieg ansteigen – sind die externen Ratings noch ordentlich: Moody’s vergibt ein A3, S&P ein A– und Fitch ein A. Alle drei Ratingagenturen haben ihre Bonitätsnoten aber mit einem negativen Ausblick versehen. Bekommt der Energieriese seine Verschuldung nicht in den Griff, könnte es mit den Ratings weiter abwärtsgehen.

Schwäche 3: Investitionen nicht aus Eigenmitteln

RWE investiert regelmäßig mehr Geld, als der Konzern im operativen Geschäft erwirtschaftet. Im Jahr 2011 standen dem operativen Cash-Flow von 5,5 Milliarden Euro Investitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte von 6,4 Milliarden Euro gegenüber. Der sogenannte freie Cash-Flow lag somit bei minus 843 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es sogar minus 879 Millionen Euro. Konkurrent Eon kam 2011 dagegen auf einen positiven Free Cash-Flow von 394 Millionen Euro, 2010 waren es sogar über drei Milliarden Euro. Der operative Cash-Flow von RWE ist im abgelaufenen Jahr aber relativ konstant geblieben.

Schwäche 3: Kapitalerhöhung für Dividende

Das niedrigere Ergebnis konnte RWE durch eine effiziente Steuerung des Nettoumlaufvermögens ausgleichen. Die Investitionen waren ebenfalls ähnlich wie 2010. Um den Aktionären die Dividende in Höhe von 1,9 Milliarden Euro zahlen zu können, hat RWE daher eine Kapitalerhöhung vorgenommen, bei der dem Konzern 2,1 Milliarden Euro zugeflossen sind. Zugleich hat der Energieriese die Schulden erhöht, indem er eine fällige Anleihe von 1,5 Milliarden Euro durch Ausgabe von Commercial Papers in Höhe von 2,9 Milliarden Euro refinanziert hat. Insgesamt sind so die flüssigen Mittel im Berichtsjahr um 526 Millionen Euro zurückgegangen. Im Vorjahr lag der Rückgang sogar bei 539 Millionen Euro.

Stärke 1: Braunkohle sehr rentabel

RWE musste durch den Atomausstieg zwar unmittelbar auf zwei Kernkraftwerke verzichten. Dafür laufen die Braunkohleanlagen des Konzerns aber auf Hochtouren. Braunkohlekraftwerke sind genauso wie Kernkraftwerke bestens geeignet, die sogenannte Grundlast – den gut zu kalkulierenden Mindestbedarf an Strom – abzudecken. Denn sie laufen am besten rund um die Uhr. RWE hat besonders viele solcher Anlagen. 2011 lag der Anteil an der Stromerzeugung bei 36 Prozent. Der Konzern fördert den Brennstoff in seinen eigenen Tagebaubetrieben im Rheinland.

Stärke 1: Hohe Rohmarge bei Braunkohle

Nur Konkurrent Vattenfall hat ebenfalls eigene Braunkohle, in der Lausitz. Entsprechend günstig ist der Betrieb und ist die Rohmarge hoch – obwohl RWE für die Braunkohlekraftwerke viele Emissionszertifikate einsetzen muss. Analysten schätzen die Brennstoffkosten je produzierter Megawattstunde (MWh) derzeit auf zwölf Euro. Hinzu kommt ein aktuell niedriger Preis für das CO2-Zertifikat von 7,50 Euro. Bei einem Strompreis im Großhandel von 51 Euro je MWh Grundlaststrom bleibt eine Rohmarge von über 30 Euro. Zum Vergleich: Bei Atom summieren sich die Kosten für Brennstoff und Atomsteuer auf 25 Euro, bei Steinkohlekraftwerken kosten Brennstoff und CO2-Zertifikat 42 Euro. Gaskraftwerke sind in der Grundlast derzeit sogar unrentabel. Hier liegen die Kosten bei 58 Euro.

Stärke 2: Hohe Dividende

Natürlich klatschen die Aktionäre regelmäßig Beifall, wenn auf der Hauptversammlung die Dividende erwähnt wird. Für 2011 bekommen sie nur zwei Euro je Aktie ausgeschüttet. Im Vorjahr waren es noch 3,50 Euro gewesen. Aber mehr konnten die Anteilseigener in Anbetracht des schwierigen Jahres auch nicht erwarten. Das nachhaltige – um Sondereffekte bereinigte – Nettoergebnis sank schließlich um 34 Prozent auf rund 2,5 Milliarden Euro.

Stärke 2: Dividendenrendite

RWE verspricht seinen Aktionären stets 50 bis 60 Prozent des nachhaltigen Nettogewinns auszuschütten, in diesem Jahr sind es 50 Prozent. Bezogen auf den berichteten Nettogewinn von knapp 2,2 Milliarden Euro entspricht die Dividendensumme von 1,2 Milliarden sogar 57 Prozent. RWE gehört damit zu den stärksten Dividendenzahlern im Dax. Die Dividendenrendite – das Verhältnis von Dividende zu Aktienkurs – lag zum Bilanzstichtag im Dezember bei 7,4 Prozent. Bei Eon waren es sechs Prozent. Die Aktionäre können sich darauf verlassen, dass RWE auch künftig in der Spitzengruppe bleiben wird. Darauf achten nicht zuletzt die kommunalen Aktionäre – Städte an Rhein und Ruhr, die über 20 Prozent der Anteile halten. Sie brauchen die Dividenden für ihren Haushalt – und pochen stets im Aufsichtsrat auf üppige Ausschüttung.

Stärke 3: Dea schreibt starke Gewinne

Die Konzerntochter RWE Dea, die in der Öl- und Gasförderung tätig ist, konnte ihr Geschäft im Jahr 2011 deutlich ausbauen. Dabei profitierte das Unternehmen von den verhältnismäßig hohen Öl- und Gaspreisen. So legte die Ölförderung 2011 um neun Prozent zu, die Gasproduktion ging allerdings leicht um vier Prozent zurück. Besonders Rohöl war aber ein teurer Rohstoff. Der Preis für ein Barrel des Referenzöls Brent erreichte im Jahresdurchschnitt ein Niveau von rund 111 Dollar. Das bedeutete eine Steigerung von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Vor allem die steigende Nachfrage aus Asien sowie die politischen Unruhen im Nahen Osten trugen zu dieser Einwicklung bei. Daher konnte das Unternehmen den Außenumsatz um 31 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro steigern, das Betriebsergebnis sogar um 83 Prozent auf 558 Millionen Euro. Die operative Marge legte von 20,5 auf 28,7 Prozent zu.

Stärke 3: Dea-Überschuss soll steigen

Dea ist Verbrauchern vor allem noch als Tankstellenkette in Erinnerung. 2002 wurde die Kette von Shell übernommen - und die Tankstellen ab 2004 umgeflaggt. Heute gibt es aus Markengründen nur noch eine Dea-Tankstelle in Haltern am See. RWE Dea konzentriert sich seitdem auf das Upstream-Geschäft. Zeitweise plante der RWE-Konzern zwar, Dea ganz oder teilweise zu verkaufen, um die hohe Verschuldung in den Griff zu bekommen und mehr Spielraum für Belastungen aus dem Atomausstieg und der Brennelementesteuer zu haben. Ein Komplettverkauf ist inzwischen vom Tisch. Trotzdem will der Konzern einige Lizenzen der Tochter zu Geld machen. Das betriebliche Ergebnis von RWE Dea soll 2012 dennoch weiter steigen.

Eine Ihrer ersten Entscheidungen war, dass RWE auch im Ausland nicht mehr auf die Kernenergie setzt. Wollten Sie doch ein Zeichen setzen, dass die Ära des Atomdinos beendet ist?

Das hat vor allem finanzielle und strategische Gründe. Wir sind - nicht zuletzt durch die Energiewende - an die Grenzen unserer Finanzkraft gestoßen. RWE muss Schulden abbauen und sparsam mit Investitionen umgehen. Der Bau von neuen Kernkraftwerken ist für uns nicht mehr tragbar. Unsere vorhandenen Anlagen betreiben wir jedoch weiter auf höchstem Sicherheitsniveau.

Kommentare (1)

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JosefMooser

27.08.2012, 12:27 Uhr

Welch ein Unsinn wird hier verbreitet, um Gründe zu finden, die Bürger zu Gunsten von Gewinnsteigerungen noch mehr zu schröpfen. Hätten sich alle EVUs in den vergangenen Jahren verantwortlich darum gekümmert, ihre Stromnetze auf dem aktuellen Stand der Technik zu halten, dann wären heute keine exorbitanten Maßnahmen erforderlich. Aber die Gewinne wurden lieber für das profilneurotische Engagement in anderen Unternehmen verschwendet, also nicht zweckgebunden eingesetzt. Für diese Versäumnisse der Unternehmensführung sollen nun die Kunden zahlen. Weshalb sollen wir eigentlich ständig für die Unfähigkeit der Konzernführungen aufkommen? Weil wir abhängig von den Anbietern sind und es keine Alternative gibt. Wie? Wir haben einen freien Markt und könnten die Anbieter frei auswählen? Ja, wäre schön, wenn da die offensichtlichen Absprachen nicht wären - oder weshalb steigen die Energiepreise für die Verbraucher ständig an, obwohl nachgewiesener Maßen (siehe Studie der Grünen) die Preise an der Leipziger Strombörse in den letzten Jahren um rund 20 (i.W. zwanzig) Prozent gesunken sind. Wo regelt hier der Markt? Ach so, natürlich regelt der Markt, nämlich marktintern. Meint, dass die Gewinne gegenseitig zugeschoben werden. Es geht nämlich schon, dass der Industrie, egal wie hoch deren Verbrauch auch sein mag, besondere Rabatte gewährt werden. Aber da sprechen die Herren Vorstände ja mit ihresgleichen. Dem profanen Volk können die reduzierten Preise aber nicht gewährt werden, mit solcherlei Gekriech gibt man sich in Vorstandsebenen nicht ab. Das Volk ist so weit weg, so weit unten, außerdem kann es sich ja nicht wehren, weil es sich nicht einig ist und ihm immer wieder hypnotisch indoktriniert wird, dass es eh nichts ändern kann (ausreichend Wiederholung führt zu einem sicheren Lernerfolg). Willkommen im Feudalismus des Mittelalters. Wir haben die Technik des 21ten Jahrhunderts, befinden uns aber sozialpolitisch und sozialwirtschaftlich gesehen längst wieder in den Dark Ages.

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