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30.07.2014

16:38 Uhr

Sanktionen gegen Russland

Deutsche Firmen in Sorge vor Sanktionen

Die meisten deutschen Unternehmen sind von den geplanten EU-Sanktionen gegen Russland nicht direkt betroffen. Indirekt spüren sie die Auswirkungen sehr wohl. Nicht nur im Maschinenbau sorgt man sich um sinkende Umsätze.

Dirk Müllers Cashkurs

Russland-Sanktionen: "Eigentlich macht keiner mit"

Dirk Müllers Cashkurs: Russland-Sanktionen: "Eigentlich macht keiner mit"

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Mulfingen/OstfildernDie Spannungen zwischen der Europäischen Union und Russland haben beim Ventilatoren-Hersteller Ebm-Papst längst Spuren hinterlassen. Seit Juni seien die Umsätze nach Russland um 15 Prozent eingebrochen, sagte ein Sprecher der Firma mit Sitz im baden-württembergischen Mulfingen am Mittwoch. „Wir gehen davon aus, dass es noch schlimmer wird.“

Ernst wird es für Ebm-Papst noch nicht. Nur ein zweistelliger Millionenbetrag des Jahresumsatzes von 1,5 Milliarden Euro stammt aus Russland. Trotzdem: „Wir gehen davon aus, dass auch Aufträge von europäischen Kunden sinken werden, die an Russland liefern“, so der Sprecher. Betroffen seien vor allem Ventilatoren für Klimatechnik.

Ein Ende der schwierigen Lage ist aktuell nicht absehbar. Im Gegenteil: Die Botschafter der 28 EU-Mitgliedstaaten hatten sich am Dienstag auf ein Paket von Strafmaßnahmen geeinigt, die bis Donnerstag förmlich von den Regierungen gebilligt werden müssen. Dazu gehören laut Diplomaten der erschwerte Zugang zu den EU-Finanzmärkten für russische Banken, ein Verbot von künftigen Rüstungslieferungen, ein Exportverbot für bestimmte Hochtechnologiegüter an das russische Militär und Ausfuhrverbote für Spezialtechnik zur Ölförderung.

Wie konkret sich die Sanktionen auswirken werden, könne noch nicht beziffert werden, hieß es bei Commerzbank und Deutscher Bank. Auch bei der BASF-Tochter Wintershall, die unter anderem an Gasprojekten in Sibirien und Südrussland beteiligt ist, sind mögliche Folgen noch nicht absehbar. „Von den bislang beschlossenen Sanktionen der Europäischen Union ist Wintershall nicht betroffen“, sagte eine Sprecherin. „Wenn neue Sanktionen verabschiedet werden, prüfen wir natürlich ob und wie diese uns eventuell betreffen.“

Die Russland-Geschäfte deutscher Konzerne

Eon

Der größte deutsche Energiekonzern hat seit 2007 rund sechs Milliarden Euro in den russischen Strommarkt investiert. Er hält knapp 84 Prozent an dem Kraftwerksbetreiber E.ON Rossiya OAO. Der Anteil des russischen Stromgeschäfts am Umsatz lag 2013 bei 1,5 Prozent und am operativen Gewinn bei gut sieben Prozent. E.ON beschäftigt rund 5000 Mitarbeiter in Russland. Der Versorger bezieht zudem 30 bis 40 Prozent seines Erdgases von dort. Die Düsseldorfer sind auch mit 25 Prozent an dem sibirischen Gasfeld Juschno Russkoje beteiligt und mit 15,5 Prozent an der Ostsee-Pipeline, durch die Gas - an der Ukraine vorbei - von Russland nach Deutschland fließt. Die Mehrheit an beiden Projekten hält der russische Gazprom -Konzern.

BASF

Der weltgrößte Chemiekonzern ist vor allem in seinem Öl- und Gasgeschäft kräftig in Russland engagiert. So ist der Konzern mit seiner Tochter Wintershall am Gas-Projekt ZAO Achimgaz, einem Joint Venture mit Gazprom, zu 50 Prozent beteiligt. ZAO Achimgaz produziert in Sibirien etwa 3.500 Kilometer nordöstlich von Moskau Erdgas. Ferner ist Wintershall über die Gesellschaft OAO Severneftegazprom nach eigenen Angaben mit insgesamt 35 Prozent an der Ausbeutung des sibirischen Gasfeldes Juschno-Russkoje beteiligt. Zusammen mit einer Tochter des russischen Erdölproduzenten Lukoil betreibt Wintershall zudem das Gemeinschaftsunternehmen Wolgodeminoil zur Förderung von Erdöl. Die BASF-Tochter hält daran 50 Prozent.

Deutsche Bahn

Die Deutsche Bahn ist im Schienenverkehr sowie im Logistik-Geschäft mit insgesamt fünf Unternehmen in Russland vertreten: Vier davon sind 100-Prozent-Beteiligungen. An einer weiteren Firma, die Schienentransporte quer durch Russland von China nach Deutschland organisiert, hält die Bahn einen Anteil von gut einem Drittel. Es ist ein Gemeinschaftsunternehmen unter anderem mit der russischen Staatsbahn RZD. Bahnchef Rüdiger Grube hatte das Geschäftsvolumen in Russland zuletzt mit rund 250 Millionen Euro beziffert.

Daimler

Der Autokonzern ist zusammen mit der Entwicklungsbank EBRD mit 15 Prozent an dem russischen Lkw-Bauer Kamaz KMAZ.MM beteiligt. Die Stuttgarter lassen in zwei Gemeinschaftsunternehmen in dem Land Lastwagen der Marken Mercedes-Benz und Fuso montieren, die besonders robust und damit an die dortigen Straßenverhältnisse angepasst sind. Im abgelaufenen Jahr wurden 5600 Lkw der beiden Marken in Russland ausgeliefert. Etwa die Hälfte davon wurde vor Ort gebaut, der Rest aus Deutschland importiert.

Metro

Russland ist für den Handelsriesen mit einem Jahresumsatz von rund 4,3 Milliarden Euro und 22.000 Mitarbeitern der wichtigste Auslandsmarkt. Der Konzern betreibt dort 73 Cash&Carry-Märkte und 57 Media-Saturn-Filialen. Den Börsengang seines russischen Großmarktgeschäfts hatte Metro im März wegen der Ukraine-Krise auf Eis gelegt.

Henkel

Für den Konsumgüterkonzern ist Russland der weltweit viertgrößte Markt. Der Hersteller von Persil und Pritt hatte dort 2013 rund eine Milliarde Euro Umsatz erzielt. Die Ukraine zählt zu den zehn wichtigsten Wachstumsmärkten Henkels. Im ersten Quartal war Henkel trotz der politischen Unruhen währungsbereinigt in Russland "im mittleren einstelligen Prozentbereich gewachsen" und in der Ukraine "ganz leicht" geschrumpft.

Adidas

Für den Sportausrüster ist Russland einer der wichtigsten Wachstumsmärkte. Infolge der Ukraine-Krise hat dem Konzern bisher vor allem der Verfall des Rubel zu schaffen gemacht. Schuhe und Kleidung mit den drei Streifen, die in Russland seit Sowjetzeiten etabliert sind, waren dort weiter gefragt. Adidas ist in Russland Marktführer.

Unklar sind aber vor allem die Folgen für Firmen, die sogenannte „dual-use“-Produkte herstellen, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können. Nach Angaben des Maschinenbauverbands VDMA sind im Bundeswirtschaftsministerium bereits jetzt 70 bis 100 Aufträge für „dual-use“-Güter aufgelaufen, weil geprüft werden muss, ob die beteiligten russischen Firmen diese für militärische oder friedliche Zwecke nutzen.

Kommentare (1)

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Herr Pe Em

01.08.2014, 13:23 Uhr

Warum haben deutsche Unternehmen so viel Kapital in ein unsicheres Rechts- und Wirtschaftssystem wie die RF investiert? Und warum beklagen sie sich?
Das ist das unternehmerische Risiko, das jedes Unternehmen zu tragen hat.
Das politische Risiko wurde von den in der RF engagierten Unternehmen völlig ausgeblendet. Waren es die Gier nach guten Geschäften und "billigen" Rohstoffen, die Aussicht auf gute und wohlfeile Gewinne?
"Billig" sind Freiheit, Frieden, Sicherheit und Wohlstand nicht zu haben.

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