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27.12.2012

06:44 Uhr

Schadenersatz in USA

Toyota erkauft sich Frieden

Vermeintlich klemmende Gaspedale bei Toyota-Modellen hatten in den USA für Schlagzeilen gesorgt. Tatsächlich dürften eher Fahrfehler für Unfälle verantwortlich gewesen sein. Dennoch zahlt Toyota jetzt Milliarden.

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WashingtonDer japanische Autobauer Toyota hat sich nach Massenrückruf-Aktionen in den USA wegen ungewollter Beschleunigung zur Zahlung von 1,1 Milliarden Dollar (832 Millionen Euro) bereiterklärt. Damit sollen US-Autobesitzer entschädigt werden, die wegen der Probleme beim Verkauf ihrer Fahrzeuge Einbußen erlitten haben. Außerdem will das Unternehmen Millionen Modelle nachrüsten.

Mit der Zahlung soll eine in Kalifornien anhängige Sammelklage beigelegt werden. Dem mit Vertretern der Kläger geschlossenen Vergleich muss noch ein Gericht zustimmen, wie Toyota Nordamerika am Mittwoch selbst mitteilte. US-Medien hoben hervor, dass der Vergleich kein Schuldbekenntnis Toyotas beinhalte. Mit dem Schritt bleibe dem Unternehmen aber ein möglicherweise langwieriger Prozess mit allen damit verbundenen Risiken erspart, schrieb beispielsweise das „Wall Street Journal“.

Toyota hatte wegen Problemen mit Fußmatten und klemmenden Gaspedalen 2009 und 2010 etwa acht Millionen Fahrzeuge in den USA zurückgerufen. Wie die Zeitung „USA Today“ schrieb, will Toyota nun einen Fonds für die Nachrüstung von 3,2 Millionen Toyota- und Lexus-Modellen mit einem Sicherheitssystem schaffen, das ein Anhalten in Paniksituationen erleichtert. Für Modelle, bei denen dies nicht möglich sei, gebe es Bargeld. Wer wegen der Probleme für sein Auto beim Verkauf zwischen dem 1. September 2009 und dem 31. Dezember 2010 weniger Geld erhalten habe, erhalte einen finanziellen Ausgleich.

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„Diese Vereinbarung ist für unser Unternehmen ein bedeutender Schritt vorwärts“, erklärte der leitende Rechtsvertreter von Toyota Nordamerika, Christopher Reynolds, laut einer schriftlichen Mitteilung des Unternehmens. Es sei ein Schritt, der es der Firma ermögliche, „nun mehr an Energie, Zeit und Ressourcen auf Toyotas Hauptziel zu verwenden: die bestmöglichen Fahrzeuge zu bauen“.

Zehn Monate lang hatte das US-Verkehrsministerium mit Unterstützung von Elektronikexperten der Raumfahrtbehörde NASA vor zwei Jahren untersucht, ob und warum sich Autos von Toyota und der noblen Schwestermarke Lexus vermeintlich zu Tausenden von selbst in Gang setzten. Das Fazit: Ja, es gab derartige Fälle. Aber nein, es war beileibe kein Massenphänomen, wie von einigen US-Medien und der Politik suggeriert.

Von 2000 bis 2010 waren bei der Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA insgesamt 3054 Beschwerden eingegangen, in denen darüber berichtet wurde, dass Toyota- und Lexus-Autos sich nicht mehr stoppen ließen. Die Zahl sprang sprunghaft hoch, als der japanische Hersteller selbst einräumte, dass das Gaspedal sich verklemmen kann, und den größten Rückruf der Firmengeschichte startete.

Die meisten der gemeldeten Vorfälle liefen glimpflich ab, 75 Mal kam es aber auch zu nachweislich schweren Unfällen, bei denen 93 Menschen starben. Nicht jede Beschwerde müsse aber bedeuten, dass tatsächlich der Hersteller die Schuld trage, betonte die Verkehrssicherheitsbehörde. Sie hat lediglich zwei schwere Unfälle mit Konstruktionsmängeln an Toyota-Fahrzeugen in Verbindung bringen können. Dabei starben fünf Menschen.

„Es gibt Sicherheitseinrichtungen, die ein ungewolltes Beschleunigen verhindern, sagte NASA-Chefingenieur Michael Kirsch bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse. Nach seinen Erkenntnissen waren es vielmehr Fahrfehler, die zu den schweren Unfällen führten. Am Ende machten die Fahrer oder ihre Hinterbliebenen dann Toyota verantwortlich, teils erst Jahre nach dem Unfall, als der Rückruf durch die Presse ging.

Von

dpa

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

27.12.2012, 10:13 Uhr

Wer die sogenannte Qualitätsgeschichte hinter Toyota wirklich kennt - kauft sich keinen.

Voedergründig waren es z.B. die Produktions - und Qualitätsprozesse. Legendär und hochgeachtet.

In Wirklichkeit war es eine extrem kluge PR. Ich rate jedem, der bisher anders dachte (und dazu gehörte ich bis vor geraumer Zeit auch noch), sich mal alle Unternehmensbeteiligungen von Toyota z.B. in den USA genau anzuschauen. Und das bitte einige Zeit zurück, da mittlerweile wieder einige aufgegeben wurden.

Da gehen einem die Augen über, was der Konzern für ein PR-Netz gewoben hat. Seitdem die Beteiligung am - nennen wir es PR-Flaggschiff - aufgegeben wurde, gings bergab. Ja richtig, dass ist schon einige Jahre her. Und angeblich war es eine stille Beteiligung.

Seltsame Koinzidenz? Nein, purer Kommerz. Und die Deppen fahren darauf ab. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Account gelöscht!

27.12.2012, 10:21 Uhr

Wer sich eine 2 cm dicke Fußmatte kauft, die dann lose unter den Fahrerfüßen herumrutscht, dem ist nicht zu helfen. Und wer nicht weiß, daß das Auto ein Zündschloß hat, sollte nicht autofahren.
Die Schadenersatzsummen, die amerikanische Gerichte zusprechen und die weder dem Grunde noch der Höhe nach gerechtfertigt sind, haben schon ganze Branchen das Leben gekostet und sind unter anderem auch ein Grund für die Desindustrialisierung der USA.
Beispiel: Ein Privatflugzeug stürzte ab, da die Tanks leergeflogen wurden. Die Witwe ging mit einer 7-stelligen Schadenersatzsumme weg, weil laut Urteil der Hersteller versäumt hatte, in der Betriebsanleitung darauf hinzuweisen, daß das Flugzeug ohne Kraftstoff nicht betrieben werden könne.

Richter

27.12.2012, 13:11 Uhr

Die rachsüchtige amerikanische Justiz, ja Amerika schlechthin, scheint die Erpressung von Strafzahlungen zunehmend als einträgliches Geschäftsmodell zu entdecken. BP zahlt für den Ölunfall im Golf 38 Mrd. $ (die Anwälte alleine beanspruchen 600 Mio. $), UBS 1,4 Mrd. $, früher schon 700 Mio. $, HSBC 1,9 Mrd. $ für Sanktionsverstöße usw. Samsung soll 1 Mrd. an Apple für angebliche Patentversetzungen zahlen, Toyota 1 Mrd. $ an dusselige Autofahrer für verklemmte Fußmatten.
Hat jemand schon davon gehört, dass die amerikanischen Banken, die mit ihren wertlosen Subprimes eine Weltfinanzkrise mit Multimilliardenabschreibungen auslösten, auf Mrd. Strafen verklagt wurden? Auch die Länder Ecuador, Nigeria, Brasilien, warten bis heute auf Entschädigungszahlungen für die von amerikanischen Ölfirmen angerichteten Ölschäden.Zweierlei Maß?

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