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12.03.2014

10:37 Uhr

Schiefergas

Chemieindustrie fordert Fracking für Energiewende

Die Schiefergas-Förderung ist in Deutschland weiterhin umstritten. Jetzt prescht die Chemiebranche vor und fordert die Nutzung der heimischen Reserven. Die energieintensive Industrie könnte so entlastet werden.

Protestflaschen der Grünen in Schleswig-Holstein gegen Fracking: Die chemische Industrie will die Schiefergas-Förderung auch in Deutschland, um die Kosten der Energiewende für die Industrie zu drücken. dpa

Protestflaschen der Grünen in Schleswig-Holstein gegen Fracking: Die chemische Industrie will die Schiefergas-Förderung auch in Deutschland, um die Kosten der Energiewende für die Industrie zu drücken.

FrankfurtBei der Energiewende muss nach Auffassung der deutschen Chemiebranche radikal umgesteuert werden. Die energieintensiven Industrien könnten weitere Kostensteigerungen nicht verkraften, warnt der Verband der Chemischen Industrie (VCI) und schlägt ein neues Konzept vor, das vor allem auf die Nutzung heimischen Schiefergases setzt. Dessen massenhafte Förderung durch das umstrittene „Fracking“-Verfahren hat die Energiepreise in den USA in den vergangenen Jahren fallen lassen.

Nach einer vom VCI in Auftrag gegebenen Studie des Beratungsunternehmens IHS könnte Deutschland Mitte der 2030er Jahre kostengünstig mehr als ein Drittel seines derzeitigen Gasbedarfs aus eigener Förderung decken. Das entspräche dem gegenwärtigen Import aus Norwegen. Das zusätzliche Gas solle in Kraftwerken verfeuert werden, die an die Stelle der bisherigen Kohle-Meiler treten könnten, so dass die CO2-Emissionen insgesamt deutlich reduziert würden. Die Förderkosten würden wesentlich von den geologischen Umständen bestimmt und lägen daher voraussichtlich nicht höher als in den USA.

Die Berater erwarten deutlich positive wirtschaftliche Auswirkungen einer konsequenten Nutzung des heimischen Schiefergases, das in größeren Mengen unter anderem in Niedersachsen, in Nordrhein-Westfalen und im Rheingraben lagert. Schon im Jahr 2030 könne das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2,3 Prozent über dem Wert liegen, der unter Beibehaltung der jetzigen Politik erreicht würde.

Was hinter „Fracking“ steckt

„Fracking“ - umstrittene Förderung von Erdgas

Das umstrittene „Fracking“ wird seit mehreren Jahrzehnten zur Gewinnung von Erdgas aus Gesteinsporen eingesetzt. Bei dem „Hydraulic Fracturing“ wird Gestein in 1000 bis 5000 Metern Tiefe mit hohem hydraulischen Druck aufgebrochen.

Künstliche Fließwege

Um das Gas fördern zu können, werden künstliche Fließwege geschaffen. Dazu wird ein flüssiges Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst, so dass Risse im Gestein entstehen. Durch sie entweicht das Gas und gelangt schließlich an die Oberfläche.

Gefahr für das Grundwasser

Unter den Chemikalien sind auch gefährliche Stoffe, die bei unsachgemäßer Verwendung Mensch und Umwelt gefährden können. Kritiker weisen darauf hin, dass der Chemikalien-Cocktail bei Bohrpannen oder dem Durchstoßen von Wasserspeichern ins Grundwasser gelangen kann. Auch das Umweltbundesamt äußert Bedenken.

Beherrschbarkeit des Verfahrens

Energiekonzerne wie ExxonMobil betonen dagegen die Beherrschbarkeit des Verfahrens: Jeder Eingriff („Frac“) werde durch eine stabile Ummantelung der Bohrung von der Umwelt getrennt.

Lagerstätten in Deutschland

In Deutschland wird das Gas in „unkonventionellen Lagerstätten“ vor allem in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Nord-Hessen und dem Oberrheingraben vermutet.

... und in der Welt

Über das weltweit größte Vorkommen verfügt laut einer Studie des US-Energieministeriums China, danach kommen die USA und Argentinien. In den USA sind die Energiepreise durch die massive Erschließung von Gasvorkommen eingebrochen - allerdings gibt es Berichte über massive ökologische Folgen.

Der von der EU-Kommission angestrebte Wegfall der Umlage-Befreiungen für energieintensive Unternehmen hätte laut der Studie hingegen verheerende Folgen: Mit um 60 Prozent gestiegenen Energiepreisen müsste sich Deutschland für 2030 auf ein um 5 Prozent rückläufiges BIP und um 290 Milliarden Euro verringerte Exporte einstellen. Der Untersuchung zufolge gibt es in diesem Fall auch deutlich niedrigere Pro-Kopf-Einkommen und über eine Million weniger Jobs.

Einstweilen beurteilt die drittgrößte Industriebranche des Landes ihre Situation aber noch positiv, wie VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann erklärte. Nach der am Dienstagabend vorgestellten Konjunktur-Prognose des Verbands soll die Produktion um 2,0 Prozent wachsen und zu einem erneuten Umsatzrekord von geschätzten 191,5 Milliarden Euro führen. Das vergangene Jahr hat die Branche vor allem dank der gestiegenen Inlandsnachfrage mit einem um 1,0 Prozent gestiegenen Umsatz von 188,7 Milliarden Euro abgeschlossen.

Im Schlussquartal des vergangenen Jahres konnte die Branche mit Größen wie BASF, Bayer und Evonik ihre Produktion um 3,7 Prozent ausweiten. Der Branchenumsatz stieg um drei Prozent auf 44,4 Milliarden Euro. Dabei senkten die Unternehmen ihre Preise um 2,6 Prozent. Im Schnitt waren die Anlagen der Unternehmen von Oktober bis Dezember 2013 zu 84,4 Prozent ausgelastet.

Kommentare (3)

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12.03.2014, 12:29 Uhr

Diese Studie möchte ich gerne einmal sehen. Experten schätzen die Schiefergas-Reserven in Deutschland als sehr gering ein, so dass Schiefergas nur sehr kurzfristig Entlastung beim Gasimport bringen dürfte. Auch wird erwartet, dass die Förderkosten in D gegenüber den USA erheblich höher liegen werden und somit der Preisvorteil zu Importgas minimal sein wird.
@Redaktion: Ist die Studie öffentlich zugänglich?

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12.03.2014, 19:22 Uhr

Klar, wenn ich mit 30 Mio Kubikmeter pro Bohrung den dreißigfachen Bohraufwand hab gegenüber konventionellen Vorkommen mit 1 Mrd m³/Bohung, dann wird das gaaaaanz bestimmt billiger.
Nach GB hat nun auch Polen die Besteuerung weitestgehend ausgesetzt, um überhaupt wen zu locken. Denn wie die die USA zeigen, verdient man mit Fracking kein Geld. BP bereitet auch gerade den Ausstieg vor... Mehr Aufwand muss auch mehr Kosten - oder man hat's mit einer Blase zu tun, die über kuz oder lang ihre eigenen Akteure auffrisst. Siehe Chesapeak, das "Enron mit Bohrtürmen". wer sich vom Gasfracken noch nicht ins lukativere Öl retten konnte, geht gerade gnadenlos unter.

Account gelöscht!

13.03.2014, 09:01 Uhr

tolle Idee, Gas in Kraftwerken zu verfeuern, besonders weil die reinen Gaskosten den Strom somit auf 7...8cent/kWh verteuern würden (max52% Wirkungsgrad ex Generator). Da würde es der Chemieindustrie aber billiger kommen, ab morgen die vollen EEG-Umlage zu bezahlen tsts.
Setzen - 5, Grundschulmathematik durchgefallen, der Rest ist voll Demagogie und BLÖD-Zeitungsniveau. Wer baut "zuNull" Gaskraftwerke mit albanischem 1€-Fachkräften, wer läßt seinen Acker vergiften, wer wird "im Rheingraben" Dörfer umsiedeln? Die Pfalz ist nicht Texas!

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