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24.07.2011

10:04 Uhr

Schienenkartell

Kartellamt weitet Ermittlungen aus

VonMartin Murphy , Martin Murphy

Voestalpine und Thyssen-Krupp haben ihr Schienenkartell offensichtlich länger und intensiver betrieben als bisher bekannt. Das Kartellamt weitet seine Ermittlungen aus. Die Unternehmen geraten zunehmend unter Druck.

Gleisarbeiten bei der Sanierung der ICE-Strecke in Gardelegen. Quelle: dpa

Gleisarbeiten bei der Sanierung der ICE-Strecke in Gardelegen.

FrankfurtDas Bundeskartellamt hat seine Ermittlungen gegen Voestalpine und Thyssen-Krupp ausgeweitet. Die Stahlkonzerne sollen demnach das Kartell auf dem deutschen Schienenmarkt länger betrieben haben als bislang vermutet, wie das Handelsblatt aus Branchenkreisen erfuhr. Bis in dieses Jahr hinein habe es Absprachen bei Preisen und Mengen gegeben.

Das Bundeskartellamt hatte Mitte Mai Standorte der beiden Unternehmen sowie Büros einiger Mittelständler durchsucht. Geschädigt wurde durch das Kartell vor allem die Deutsche Bahn. Aber auch Nahverkehrsbetriebe und Industriebahnbetreiber mussten beim Schieneneinkauf mehr bezahlen. In einer ersten Stellungnahme hatten die Bonner Wettbewerbshüter erklärt, dass der illegale Verbund mindestens bis 2008 Bestand hatte.

Die "Schienenfreunde", so nannten sich die am Kartell beteiligten Vertriebsmanager, sind ihrem Treiben aber länger nachgegangen, wie ein Insider sagt. Als ein konkretes Beispiel nannte er das Straßenbahnprojekt "St. Emmeram" der Stadtwerke München, das im Herbst dieses Jahres in Betrieb genommen werden soll. Die neue Strecke ist zwar nur 4,3 Kilometer lang, kostet aber dennoch Millionen.

Das Kartell hatte aber nicht nur länger Bestand als ursprünglich gedacht, es umfasste auch andere Produkte: Das Bundeskartellamt nahm nach der ersten Durchsuchungswelle im Mai nun den Weichenmarkt ins Visier. Besuch von den Ermittlern erhielt dieses Mal die Voestalpine-Tochter BWG im hessischen Butzbach. Die BWG ist der weltweit größte Hersteller von Eisenbahnweichen. Zur Razzia rückten die Beamten am Dienstag vergangener Woche aus - einen Tag nachdem zwei Teilnehmer des Kartells im Handelsblatt erklärt hatten, dass es auch Absprachen auf dem Weichenmarkt gegeben habe.

Voestalpine gerät damit immer stärker unter Druck. Dem österreichischen Konzern drohen nicht nur ein Imageverlust, sondern auch wirtschaftliche Einbußen.

Bislang reklamiert Voestalpine in dem Verfahren die Kronzeugenregelung für sich, womit der Konzern von einem Bußgeld verschont bliebe. Aber diese Position wackelt. Denn vor der Selbstanzeige des Unternehmens gab es eine Anzeige eines ehemaligen Mitarbeiters. Zudem mehren sich die Zweifel, dass Voestalpine das Kartell wie gefordert vollumfänglich angezeigt hat.

In einer Stellungnahme hatten die Österreicher anfangs erklärt, dass es Absprachen lediglich im Schienenmarkt gegeben habe. "Andere Produktbereiche des Konzerns sind nach derzeitigem Wissensstand nicht betroffen", hatte eine Sprecherin erklärt. Mit der Durchsuchung der Tochterfirma BWG zeigt sich nun aber, dass das Bundeskartellamt seine Ermittlungen auf den Weichenmarkt ausgeweitet hat. Voestalpine lehnte gestern eine Stellungnahme ab.

Die Kartellabsprachen werden für den Konzern zur Belastungsprobe. Voestalpine ist stark von seiner Sparte Eisenbahntechnik abhängig, liefert diese doch ein Viertel des Jahresumsatzes von zuletzt elf Milliarden Euro. Zudem weist die Sparte mit 11,3 Prozent die höchste operative Marge (Ebit) im Konzern aus. Bei einem Bußgeld wäre die Marge dahin und der Imageschaden für den weltgrößten Weichenhersteller immens.

Konzernchef Wolfgang Eder hat daher erste Konsequenzen gezogen. Der langjährige Vorstand der Sparte Voestalpine Bahnsysteme, Klaus Meusel, soll seinen Posten räumen, wie aus Konzernkreisen verlautet. Zudem sollen weitere Mitarbeiter ihren Job verlieren, die maßgeblich an dem Kartell beteiligt waren. Noch scheut Eder vor dem Rauswurf der Beschäftigten zurück, da er ihre Aussagen im laufenden Verfahren benötigt.

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