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25.07.2013

17:03 Uhr

Schlechte Geschäfte

Siemens kassiert die Gewinnprognose

Das milliardenschwere Sparprogramm „Siemens 2014“ verfehlt wohl die geplanten Gewinnziele. Weil die Geschäfte schlechter laufen, muss der Konzern zum zweiten Mal die Jahresprognose nach unten korrigieren.

Der Schriftzug des Technologiekonzerns Siemens an einem Gebäude des Unternehmens in München: Der Konzern kommt mit der zweiten Gewinnwarnung in nicht einmal drei Monaten. dpa

Der Schriftzug des Technologiekonzerns Siemens an einem Gebäude des Unternehmens in München: Der Konzern kommt mit der zweiten Gewinnwarnung in nicht einmal drei Monaten.

MünchenDer Elektrokonzern Siemens bekommt seine Probleme nicht in den Griff und muss sein Gewinnziel auch für das kommende Jahr aufgeben. Wegen „geringerer Markterwartungen“ sei die für 2014 angepeilte Marge im operativen Geschäft von mindestens zwölf Prozent voraussichtlich nicht erreichbar, teilte das Unternehmen am Donnerstag in München mit. Siemens leidet unter der Wachstumsschwäche in Schwellenländern wie China. Es ist bereits die zweite Gewinnwarnung in nicht einmal drei Monaten. Erst Anfang Mai musste Konzernchef Peter Löscher die Prognose für das laufende Geschäftsjahr, das am 30. September endet, kassieren.

Die Marge, die den Anteil des Ergebnisses am Umsatz bezeichnet, war eines der Herzstücke des Sparprogramms „Siemens 2014“, mit dem der Konzern auf mehr Profitabilität und Effizienz getrimmt werden soll. So will Siemens bis zum kommenden Jahr mehr als sechs Milliarden Euro einsparen. Das wird auch tausende Jobs kosten - wie viele genau, will Siemens erst zum Geschäftsjahresende beziffern. Außerdem stellte der Konzern Geschäftsfelder wie die Gepäckabfertigung zum Verkauf.

Mit den Maßnahmen zur Optimierung des Portfolios sowie zu Kostensenkungen sei man „weitestgehend“ auf Kurs, erklärte das Unternehmen am Donnerstag. Ein Siemens-Sprecher wollte sich zu Details auf Nachfrage nicht äußern. Das Thema wird aber auch im Fokus der Quartalsbilanz stehen, die Siemens am kommenden Donnerstag (1.8.) vorlegt. In Medienberichten war bereits über durchwachsene Zahlen spekuliert worden.

Der Aktienkurs des Dax-Schwergewichts sackte nach dem neuerlichen Paukenschlag zeitweise um fast sieben Prozent ab. Das Unternehmen kämpft seit Monaten mit der Konjunkturflaute und einer ganzen Serie von Pannen, darunter hohe Belastungen durch Verzögerungen bei der Auslieferung von ICE-Zügen an die Deutsche Bahn und die verspätete Anbindung von Nordsee-Windparks.

Siemens-Geschäftsfelder und ihre Zukunft

Energietechnik

Der Sektor hat dem Vorstand im vergangenen Jahr wohl den meisten Kummer bereitet. Siemens verpatzte den rechtzeitigen Anschluss von Windparks in der Nordsee und musste eine halbe Milliarde Euro Strafe zahlen. Zudem drückt verstärkt asiatische Konkurrenz auf den Markt für Transformatoren. Siemens reagierte auf den wachsenden Preisdruck mit dem Abbau Tausender Stellen.

Sortieranlagen

Nach Löschers Ansicht wirft das Geschäft mit Sortieranlagen für Postzentren und Flughäfen mit einer Rendite um die fünf Prozent bei Jahresumsätzen von 900 Millionen Euro zu wenig ab. Der Konzern sucht nun nach einem Käufer für das Segment, rund 3600 Mitarbeiter sind betroffen.

Wasseraufbereitung

Ein ähnliches Schicksal wie die Sortieranlagen-Sparte trifft auch die Wasseraufbereitungstechnik. Als Ausrüster von Wasserwerken setzt Siemens zwar rund eine Milliarde Euro um, unter dem Strich bleibt allerdings nur ein einstelliger Millionenbetrag hängen. Die Einheit soll verkauft werden.

Solarenergie-Technik

Der Ausflug in die Solarenergie-Technik erwies sich für die Münchner als teurer Flop. Mit dem Kauf der israelischen Solel für 418 Millionen Dollar und dem Erwerb von Anteilen an der italienischen Archimede wollte Siemens bei der solarthermischen Stromerzeugung mitmischen. Der Markt etablierte sich nie, Solel machte mehr Verlust als Umsatz. Die Anteile an Archimede hat Siemens bereits zurückgegeben, für Solel wurde ein Abnehmer gesucht.

Industriesoftware

Das Geschäft mit Computerprogrammen für die Industrie hat Siemens in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Für die Übernahme der belgischen LMS etwa zahlte der Konzern 680 Millionen Euro. Insgesamt elf solcher Softwareschmieden hat Siemens für zusammen mehr als vier Milliarden Euro gekauft.

Osram

Siemens verschenkt die große Mehrheit seiner Leuchtmittel-Tochter an die eigenen Aktionäre. Gut 80 Prozent sollen die Eigentümer behalten, der Rest bleibt bei der Mutter und deren Pensionsfonds. Siemens will in das Lampengeschäft nicht mehr investieren, Pläne für einen IPO waren gescheitert. Osram steckt selbst in der Sanierung, zunächst soll es keine Dividende geben. Zwischen 7300 und 8000 Stellen sollen weltweit abgebaut werden, einige Standorte geschlossen werden. Die Börsennotierung erfolgte Anfang Juli. Osram macht einen Jahresumsatz von gut fünf Milliarden Euro und erwartet für das laufende Geschäftsjahr wegen der Sanierungskosten Verlust.

Nokia Siemens Networks

Problem gelöst: Seinen Anteil an Nokia Siemens Networks hat der Münchner Konzern im Juli 2013 komplett an den finnischen Partner abgegeben.

Nun hat der Konzern auch noch Probleme mit Windkraftanlagen auf dem Festland: Nach einem Unfall im Mai in einem Windpark in der kalifornischen Wüste, bei dem sich ein Rotorblatt löste und zu Boden stürzte, musste Siemens nun alle baugleichen Anlagen überprüfen. Bei einer geringen Anzahl der Rotorblätter seien Mängel festgestellt worden. Diese würden nun ausgetauscht, sagte ein Sprecher am Donnerstag.

Die zusätzlichen Kosten für Siemens waren in einem Bericht von „Spiegel Online“ auf rund 100 Millionen Euro geschätzt worden. Dies wollte der Sprecher nicht kommentieren. In Industriekreisen war jedoch zu hören, dass die Zahl etwas zu hoch gegriffen sein dürfte. Zum Vergleich: Die Probleme mit Windlagen auf See (Offshore) hatten in den vergangenen eineinhalb Jahren mit 682 Millionen Euro zu Buche geschlagen.

Auch für das laufende Jahr musste Siemens die Messlatte tiefer hängen: Angesichts der Konjunkturflaute und der hausgemachten Projekt-Pannen geht der Konzern statt der ursprünglich angepeilten 4,5 bis 5 Milliarden Euro Gewinn im fortgeführten Geschäft nur noch davon aus, sich dem unteren Ende der Spanne anzunähern. Beim Umsatz stellt sich der Dax-Konzern auf einen moderaten Rückgang ein, nachdem sich die Erlöse ursprünglich den 78,5 Milliarden Euro aus dem Vorjahr annähern sollten.

Von

dpa

Kommentare (31)

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nobum

25.07.2013, 15:21 Uhr

Konjunkturflaute? Die Konkurrenz prosperiert. Vielleicht wissen die ja mehr.

Realsatire

25.07.2013, 15:26 Uhr

Was für eine Fiasko! Kommt Siemens nochmal positiv in die Schlagzeilen? Ich wünsche mir mehr Aufrichtigkeit im Umgang mit negativer Geschäftsentwicklung. So eine Entwicklung ist nicht über Nacht entstanden oder realisierbar. Hat man gewartet bis die lieben Mitbewerber laut über Markprobleme lamentieren um sich eher unauffällig an das Ende der Schlange zu stellen? So oft wurde es an diversen Stellen angesprochen: dieser Vorstandsvorsitzende hat seinen Zenit in diesem Unternehmen überschritten. Er sollte logisch handeln. Mal sehen, was die Herren Kaeser, Süß etc. jetzt machen. Ins Gespräch gebracht bei anderen Unternehmungen haben sie sich ja bereits.

HofmannM

25.07.2013, 15:30 Uhr

Ein Skileherer Löscher aus Österreich kann halt einen Heinrich von Pierer aus Erlangen nicht das Wasser reichen!
Dieser Corporate Governance Kodex ist der größte Schwachsinn, der für deutsche Unternehmen von der Politik eingeführt worden ist!
Dieser Kodex und die Umstellung von Siemens auf die sog. "Grüne Erneuerbaren Energie" war von jeher als Unwirtschafltich und als Kostentreiber einzustufen. Die Demotivation der Mitarbeiter von Siemens wurde dadurch sehr stark ausgebaut. Das eingeführte Personl-Einspar-Programm "Siemens 2014" tut sein übriges dazu.
Ausstieg aus der Öko-Energie und die Besinnung auf die gute und zukunftträchtige Kernkraft wäre angebracht. Weiterhin sollte diesem Kodex nicht so viel beigemessen werden, damit die Mitarbeiter und hier vor allem der Vertrieb wieder Luft und Lust zum Atmen und Arbeiten verspürt. Danke!

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