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28.02.2013

18:06 Uhr

„Schwierige Verhandlungen“

Gnadenfrist für Opel Bochum

Jetzt ist es offiziell: GM gewährt dem Standort Bochum eine Gnadenfrist bis 2016. Damit können sich die Gewerkschaften nur teilweise durchsetzen. Der Konflikt mit der eigenen Belegschaft ist damit vorerst abgewendet.

Die Opel-Werksuhr in Bochum läuft weiter. dpa

Die Opel-Werksuhr in Bochum läuft weiter.

Rüsselsheim/BochumDie IG Metall hat sich mit dem kriselnden Autohersteller Opel auf einen Zukunftsplan für die deutschen Werke verständigt. Für den bedrohten Ruhrgebietsstandort Bochum sehe die Vereinbarung vor, dass auch nach dem Ende der Autoproduktion ab Ende 2016 dort "weiterhin mindestens eine vierstellige Zahl hochwertiger Industriearbeitsplätze erhalten bleiben solle", teilte die IG Metall am Donnerstag in Frankfurt am Main mit. Der Betrieb solle von drei auf zwei Schichten umgestellt werden, wofür 700 Beschäftigten Abfindungen angeboten würden. Im Werk Bochum arbeiten 3300 Menschen.

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Die abgeschlossene Vereinbarung für Opel in Deutschland umfasse einen Zeitraum von zehn Jahren bis Ende 2022, erklärte Opel-Betriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug. Betriebsbedingte Kündigungen im Unternehmen seien bis Ende 2016 ausgeschlossen. Der Standort Bochum werde umgebaut. Künftig würden dort Teile für Opel hergestellt und die Logistik abgewickelt. Auch für die anderen Werke sei eine "konkrete Zukunftplanung und -absicherung" vereinbart worden.

"Wir müssen zwar noch Details regeln und die Vereinbarungen in einen Tarifvertrag und Betriebsvereinbarungen gießen, aber im Grundsatz ist das jetzt der Durchbruch", erklärte Schäfer-Klug. Mit den jetzt erreichten Vereinbarungen habe die Schließung des Standorts Bochum verhindert werden können, betonte er.

Opel in Bochum

1962

Das Werk entsteht nach ungefähr zwei Jahren Bauzeit auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Dammbaum. Das erste Auto, das vom Band rollt, ist ein Kadett A. Das Werk ist für 10.000 Beschäftigte konzipiert, viele der damaligen Arbeiter kommen aus dem Bergbau.

1967

Der Mittelklassewagen Olympia kommt ins Programm. Drei Jahre später sind es der Ascona und der legendäre Manta, die ab 1970 in dem Werk vom Band rollen.

1979

Höchststand bei der Beschäftigung: Zum Jahresende arbeiten mehr als 20 000 Menschen im Bochumer Opel-Werk.

1991

Der Astra löst den Kadett ab. Bis 2004 wird das Fahrzeug gefertigt, ab 1999 der Siebensitzer Zafira.

2004

Die Konzernmutter General Motors legt einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter auf, bei der bis 2006 rund 10 000 Stellen gestrichen werden sollen. Opel beschäftigt in Bochum noch etwa 9000 Mitarbeiter.

2005

Betriebsrat und Management unterschreiben einen „Zukunftsplan“, der die Existenz des Bochumer Werks sichern soll. In dem Jahr kommt ein neues Zafira-Modell nach Bochum.

80er und 90er Jahre

Der Personalstand schwankt nach Angaben der Bochumer Werksleitung zwischen 15 000 und 17 000.

2009

GM kündigt einen weiteren drastischen Stellenabbau von Opel in ganz Europa an, rund 9000 der noch 55 000 Stellen sollen wegfallen.

2011

Seit dem Jahr wird der Zafira Tourer in Bochum gebaut. Es ist vermutlich die letzte Produktionslinie an dem Standort.

2012

Opel beschäftigt noch rund 3200 Menschen in Bochum. Seit Bestehen wurden in dem Werk 13,5 Millionen Autos gebaut. Das Werk besteht nun seit 50 Jahren.

2013

Die Bochumer Belegschaft sagt Nein zu einem neuen Sanierungsplan, der die Autoproduktion bis Ende 2016 vorsieht. Der Opel-Aufsichtsrat beschließt darauf das Aus für das Werk. Nur ein Warenverteilzentrum soll erhalten bleiben.

Mit dem Ende der Autoproduktion werde den Beschäftigten für zwei Jahre der Übergang in eine Transfergesellschaft angeboten, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende. Zuletzt beschäftigte Opel noch rund 3300 Menschen in Bochum.

Nach Betriebsratsangaben wurden auch alle Überlegungen begraben, die zentrale Fertigungsplanung oder den Prototypenbau von der Rüsselsheimer Zentrale an Fremdfirmen zu vergeben oder ins Ausland zu verlagern. Im Ingenieursbereich galten deshalb 700 Jobs als bedroht. Das sei nun vom Tisch, sagte Schäfer-Klug: „Im Engineering bleiben alle Stellen erhalten.“

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Der Bochumer Opel-Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel hat den Sanierungsplan kritisiert. Für das Bochumer Opel-Werk enthalte die Rahmenvereinbarung nichts außer Absichtserklärungen, sagte Einenkel. Er habe gegen die Vereinbarung gestimmt, „weil alle Punkte für Bochum weiterhin offen sind“. Es bestehe die Gefahr, dass 2016 mehr als 2000 Menschen in Bochum vor einer Kündigung stehen. „Das muss doch vorher geklärt werden.“ Das Management habe auf seine Fragen aber keine Antworten gegeben.

Seit Juni 2012 hatten das Management, die IG Metall und der Betriebsrat über ein Sparprogramm für den defizitären Autobauer verhandelt. Opel leidet unter der Absatzkrise in Europa, fährt massive Verluste ein und muss die Kosten daher drücken. Die US-Mutter General Motors (GM) erwartet zur Mitte des Jahrzehnts wieder schwarze Zahlen in Europa.

Das sind Opels Baustellen

Worum geht es bei den Verhandlungen zum Deutschland-Plan?

Generell geht es um die Frage, wie der kriselnde Hersteller mehr Autos verkaufen, Beschäftigung sichern und wieder Geld verdienen kann. Im Detail wird über neue Modelle, Motoren und Märkte, die Fertigung markenfremder Modelle wie Chevrolets in Opel-Werken sowie über Einsparungen gesprochen. Das Management will Produktionskosten senken, aber auch am Personal sparen. Nach aktuellen Stand sollen betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2016 und damit zwei Jahre länger als bisher festgelegt ausgeschlossen werden.

Drohen Werkschließungen oder Massenentlassungen?

Jedenfalls nicht sofort. Das Management hatte angeboten, das Werk Bochum nicht wie ursprünglich angestrebt Anfang 2014 sondern erst mit dem Auslaufen der Zafira-Produktion zwei Jahre später zu schließen. Damit gewinnt der Standort Zeit. Die Hoffnung auf eine bessere Marktentwicklung bleibt erhalten.

Wie kann Opel ohne Werksschließungen auf Überkapazitäten reagieren?

Bei den Verhandlungen ging es auch um freiwillige Abfindungsprogramme und Vorruhestandsregelungen. So soll nach und nach sozialverträglich Beschäftigung abgebaut werden. Aktuell hat Opel nach Betriebsratsangaben noch etwa 38 000 Beschäftigte - nach der jüngsten Sanierung Ende 2010 waren es noch 40.000.

Welchen Sanierungsbeitrag könnten die Beschäftigten leisten?

Zunächst verzichten die Mitarbeiter erneut auf Lohn. Von November an wird die jüngste Metall-Tariferhöhung von 4,3 Prozent erneut gestundet. Falls es eine Einigung über die Zukunft der deutschen Opel-Werke gebe, könnten die erneut gestundeten Millionen auch „in einer Gesamtkonzeption aufgehen“, sagt der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel. Wie das aussehen könnte, ist unklar. Kommt keine Einigung zustande, zahlt Opel das gestundete Geld nachträglich aus.

Was bedeutet die Allianz mit PSA für die Opel-Beschäftigten?

Glaubt man dem Unternehmen, wird die Zusammenarbeit mit Peugeot-Citroën keine Jobs bei Opel kosten. Selbst wenn die Partner eines Tages Autos nicht nur gemeinsam entwickeln sondern auch bauen sollten, dürfe das nicht auf Kosten des anderen gehen, betont GM-Vize und GM-Europachef Stephen Girsky: Keine Seite werde ihre Probleme zulasten der anderen lösen. Bei Opel könnten zudem schon 2016 Chevrolets vom Band laufen, um die Überkapazitäten zu senken.

Fallen durch die Allianz in den Entwicklungszentren Stellen weg?

Zwar wollen GM und PSA zunächst vier Fahrzeugplattformen gemeinsam entwickeln. Weder Betriebsrat noch Unternehmen sehen aber Jobs im Rüsselsheimer Entwicklungszentrum gefährdet. Vielmehr könnten die freigesetzten Kapazitäten genutzt werden, um wie versprochen die Entwicklung neuer Modelle voranzubringen.

Wie ernst ist die Lage von Opel?

Opel schreibt seit Jahren Verluste. Jetzt leidet der Hersteller zudem unter der aktuellen Absatzkrise in Europa. Im dritten Quartal schrieb GM in seinem Europageschäft einen Verlust von 500 Millionen Dollar. Für das Gesamtjahr wird ein Betriebsverlust von 1,5 bis 1,8 Milliarden Dollar erwartet.

Davon ist Opel noch weit entfernt: Im vergangenen Jahr schrieb GM in Europa einen operativen Verlust von 1,8 Milliarden Dollar (1,3 Mrd Euro). Allein im Schlussquartal verloren die Amerikaner auf dem schwierigen europäischen Markt rund 700 Millionen Dollar - und damit genauso viel wie im gesamten Jahr 2011.
Auch 2013 dürfte schwer werden, wie Opel-Personalvorstand Holger Kimmes erst am Montag auf einer Betriebsversammlung in Bochum sagte: „Reden wir nicht lange drum herum: Auch 2013 werden wir noch deutliche Verluste schreiben.“ Allerdings rechnet Opel mit Rückenwind durch neue Modelle wie den SUV Mokka oder den City-Flitzer Adam. Das Ergebnis solle 2013 besser ausfallen als im Vorjahr.

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Von

dpa

Kommentare (4)

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Atze

28.02.2013, 13:36 Uhr

Nun aber mal langsam...! Wenn das das alles entscheidende Argument sein soll, dann werden wohl einige andere Hersteller auch keine Autos mehr verkauft bekommen. Checken Sie doch mal, wer von den ach so gelobten deutschen Herstellern seine Fahrzeuge im Ausland biollig fertigen lässt.
Und ja, es tut mir auch leid um die Mitarbeiter in Bochum, aber wo bekommt man denn die Möglichkeit, bei drohender Arbeitslosigkeit sich bereits über zwei Jahre vorher nach einem neuen Job umzusehen? Bei den meisten Firmen steht man von heute auf morgen auf der Strasse.
Und seien wir doch mal ehrlich - jedem, der sich intensiv mit diesem thema beschäftigt hat,war schon viel länger klar, dass Bochum nicht in dieserArt zu halten ist.
Danke!

Account gelöscht!

28.02.2013, 14:48 Uhr

Bis es soweit ist, können ja noch Facharbeiter aus Südeuropa und Rumänien eingestellt werden...

koggge

01.03.2013, 10:00 Uhr

Hätte mich auch nicht erpressen lassen.
Die Arbeiter von Opel haben nun einige Mal auf Geld verzichten müssen.Merken die Opel-Leute nicht,daß GM nur die Löhne der Werker drücken will um sich selber zu bereichern.
Eine Masche die zum Schluss nicht aufgeht.Aber das wissen Sie ja selber.Nach dem Motto,vor dem Ende nochmal abschöpfen und vor Insolvenz die bevorstehenden Allgemeinkosten reduzieren.
Wenn es Gm ernst mit der Marke Opel meinen würde, hätte man doch schon lange die Märkte für Opel geöffnet.
GM hat nur das eine Ziel,Ihre eigene Marke Chevrolet platz zu machen.

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