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31.12.2016

16:49 Uhr

Schwieriges Jahr für VW

Volkswagen in der Selbstfindungsphase

Erschüttert vom Diesel-Skandal, hat VW dieses Jahr den Aufbruch in eine bessere Zukunft inszeniert. 2017 soll dieser Plan Konturen annehmen. Doch es gibt einige Hindernisse auf dem Weg zur erfolgreichen Kernsanierung.

Der e-Golf soll VW wieder zu einem besseren Image verhelfen. dpa

Nachhaltigkeit statt „Dieselgate“

Der e-Golf soll VW wieder zu einem besseren Image verhelfen.

WolfsburgVW kämpft um seine Zukunft. Doch das schwierige Erbe von jahrelangem Abgasbetrug und aufgeblähten Strukturen wird der Konzern auch 2017 wohl nicht so schnell abschütteln können.

Es ist und bleibt eine Gratwanderung für Deutschlands größtes Unternehmen. Einerseits in Richtung E-Mobilität, Digitalisierung und Dienstleistungen umsteuern – andererseits die „Dieselgate“-Folgen mit Milliardenkosten, Ermittlungen und Vertrauensschwund bewältigen. Der Crash vom September 2015, als VW millionenfache Manipulationen mit einer Täuschungssoftware zugeben musste, dürfte weiter nachwirken.

Immerhin konnten die Wolfsburger kurz vor dem Jahreswechsel einige Erfolge verbuchen. In den USA, wo der Skandal seinen Ursprung hat, gelang mit Behörden und Kunden auch bei größeren Dieselmotoren eine Grundsatzeinigung über Reparaturen, Rückkäufe und Entschädigungen. Und die Rückrufaktionen für Millionen Autos kommen nach einem schleppenden Beginn jetzt auch in Europa besser voran – wenngleich VW schon mit möglichen Umrüstungen für alle manipulierten Wagen warb, während noch gar nicht alle Genehmigungen dafür vorlagen.

Was der Zukunftspakt für die VW-Standorte bedeutet

Wolfsburg

Bis 2020 sollen am Stammsitz rund 1000 Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern entstehen. Der nächste Golf 8 für die USA soll in Wolfsburg gefertigt werden, außerdem ein SUV für die spanische Tochter Seat. In anderen Bereichen läuft die Fertigung bis 2022 aus – unter anderem beim Lenkstangenrohr und der Räderfertigung.

Kassel

Das größte Teilewerk des Konzerns soll im VW-Konzern das Leitwerk für den Elektro-Antriebsstrang werden – samt Entwicklungsaufgaben. Zudem sollen in Nordhessen auch mehr Ersatzteile gefertigt werden.

Salzgitter

Das Motorenwerk in Salzgitter gilt als einer der Verlierer aufkommender E-Antriebe. Der Standort soll daher die Federführung bei der Entwicklung von Batteriezelltechnologien erhalten und – soweit wirtschaftlich tragbar – auch die Serienfertigung der Zellen. Die Produktion von Hauptkomponenten für E-Motoren soll sich Salzgitter mit Kassel teilen.

Emden

Ab 2019 soll Emden ein viertes Modell bekommen, um die Auslastung des Werkes an der Küste zu sichern. Im Zuge der Abgasaffäre hatte VW im März angekündigt, die Verträge von 2150 Leiharbeitern nicht zu verlängern.

Hannover

Die Gießerei und der Bereich Wärmetauscher standen auf dem Prüfstand, bleiben aber erhalten und sollen auch Komponenten für die E-Antriebe der Zukunft liefern. Zudem wird in der Gießerei der 3D-Druck von Teilen angesiedelt. In beiden Bereichen fallen jedoch Stellen weg.

Braunschweig

Das Werk bekommt die Entwicklung für Batteriesysteme in den Produktionsbaukästen des Konzerns sowie die Montage von einigen Batterien. Zudem soll die Produktion von Lenkungen ausgebaut werden. Die Kunststofffertigung wird dagegen bis 2021 eingestellt, auch Fahrwerke werden wohl Arbeit verlieren.

Zwickau

Neue Golf-Modelle sollen auch weiter in Zwickau gebaut werden, zudem soll das Werk ein Elektromodell erhalten. Dennoch wird die Zahl der Beschäftigten sinken.

Außerdem scheint das einst erfolgsverwöhnte – und für manchen Kritiker selbstherrliche – Mehrmarken-Reich die Dringlichkeit einer Runderneuerung verstanden zu haben. Im nun dritten Krisenjahr will die VW-Spitze die „Strategie Together 2025“ vorantreiben. Das Ziel: ein „neues, besseres Volkswagen“. Weniger Hierarchie und blinder Gehorsam gegenüber Top-Managern, mehr Selbstkritik und Transparenz.

Erste Schritte sind getan. Ein Instrument der angestrebten Selbstbefreiung heißt „Moia“. In dem Berliner Ableger, der zur 13. Konzernmarke wird, bündelt VW Dienstleistungen wie Vermittlung von Fahrten oder Einbindung des öffentlichen Nahverkehrs. Zusätzliche IT-Experten werden eingestellt. Man setze nun auf „nachhaltige, kluge Mobilitätslösungen“. Der Nachhaltigkeitsbericht, in dem der Autobauer im Dezember auch Kritiker zu Wort kommen ließ, brachte es auf eine ähnliche Formel: sich neu „erfinden, um Zukunft zu gewinnen“.

Große Worte, an denen sich die Führung demnächst messen lassen muss. Nach dem Rücktritt von Vorstandschef Martin Winterkorn im Herbst 2015 hatten nicht wenige Beobachter noch den Eindruck, der von Nachfolger Matthias Müller ausgerufene „Kulturwandel“ bei Europas Autoprimus gestalte sich eher schwerfällig.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

Unglückliche Auftritte des Neuen wie ein US-Radiointerview Anfang 2016, in dem er die Abgas-Affäre als „technisches“ Problem abzutun schien, stärkten nicht gerade den Glauben an ein Ende von Hochmut und Kommandoton in Wolfsburg. Als Müller in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ dann suggerierte, die Kunden in Europa seien zum Teil selbst Schuld am mauen Anlauf der E-Mobilität und hätten zudem keine Aussicht auf Diesel-Entschädigung, war die Ernüchterung enorm.

Angesichts früherer Verhältnisse lässt aber schon die Bereitschaft zu Selbstkritik aufhorchen. Der Wirt Bruno Corigliano, der die Kneipe „Tunnelschänke“ an einem Wolfsburger Werkseingang betreibt, darf im neuen VW-Magazin „Shift“ sagen: „Ich kann mir nicht erklären, was die Verantwortlichen angetrieben hat, vermutlich Gier.“

Müller persönlich räumt ein: „So bitter die Krise war und ist – sie hat uns wach gerüttelt und den Blick für die Erfordernisse der Zukunft geschärft.“

Kommentare (1)

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Herr Wolfgang Trantow

05.01.2017, 09:35 Uhr

VW Selbstfindung? Wo sind die Strafen bzw. die Ersatzpflicht für Feheler des Managemen?. Was macht bzw. wofür benötigt ein einzelner Mann 3100 Euro Rente am Tag wo das Management aufschreit: Wir gehen Pleite, da der Mindestlohn erhöht wird??

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