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10.10.2016

08:59 Uhr

Sensortechnik

Upgrade statt Verschrottung

Wenn sich die Lebensdauer einer Maschine dem Ende neigt, bekommt die Finanzabteilung schlechte Laune – hohe Kosten für neue Anlagen drohen. Warum also nicht die alten Kisten digital verjüngen und länger nutzen?

Werner Struth, in der Bosch-Geschäftsführung für Industrietechnik und Fertigungskoordination zuständig, präsentiert eine 129 Jahre alte pedalbetriebene und neu mit Sensoren ausgestattete Drehbank – Industrie 4.0-tauglich. dpa

Retrofit-Technik macht die Geschäftsführung stolz

Werner Struth, in der Bosch-Geschäftsführung für Industrietechnik und Fertigungskoordination zuständig, präsentiert eine 129 Jahre alte pedalbetriebene und neu mit Sensoren ausgestattete Drehbank – Industrie 4.0-tauglich.

StuttgartEs war ein ganz tiefer Griff in die Vergangenheit. Um sein neues Produkt zu bewerben, hat der Technologiekonzern Bosch eine Uralt-Werkbank aus dem Jahr 1887 digital aufgerüstet. Vier Sensoren und eine Art Minicomputer – das „Internet of Things Gateway“ – hatten Bosch-Experten angebracht auf der seit gut einem Jahrhundert ausgemusterten Maschine, um die schier grenzenlosen Möglichkeiten der eigenen Technologie darzustellen.

Zwei Azubis bedienten bei der Vorführung die Maschine – eine junge Frau trat auf die Pedale, ein junger Mann schliff mit dem damit gewonnenen Drehmoment Messing-Teile. Das Besondere: Ihre Arbeit wurde dank Sensoren in Echtzeit auf einem Monitor analysiert. Trat die Frau zu hastig aufs Pedal, drohte ein Bohrmeißel schnell zu verschleißen – es gab eine digitale Warnung. Gleiches geschah, wenn die Handgriffe des Mannes bei der Werkteil-Formung ungeeignet waren.

„Wir befördern eine 129 Jahre alte Maschine in das Industrie-4.0-Zeitalter“, sagte Bosch-Geschäftsführer Werner Struth stolz. Mit den ausgewerteten Daten lasse sich die Nutzung von jeder beliebigen Maschine optimieren und deren Verschleiß minimieren, sagte er. „Die Nutzungsdauer der Maschinen lässt sich durch die Aufrüstung deutlich erhöhen.“ Sind manche Maschinen in Fabriken normalerweise 15 bis 20 Jahre im Einsatz, so könnten sie dank „IoT Gateway“ „vielleicht fünf oder zehn Jahre länger“ genutzt werden.

Die Bosch-Schau der Uralt-Maschine war eher ein Werbegag. Doch dahinter steckte mehr: Der Minicomputer, den Bosch auf der Werkbank vorstellte, ist für das Unternehmen der Einstieg in den „Retrofit“-Markt. Hierbei geht es um die Ertüchtigung alter Maschinen. Anstatt sie auszumustern, sollen sie durch Sensortechnik gewissermaßen verjüngt werden und länger laufen.

Chancen und Risiken des deutschen Maschinenbaus

Rückgrat der deutschen Wirtschaft

Mit mehr als einer Million Beschäftigten gilt der Maschinen- und Anlagenbau als größter industrieller Arbeitgeber in Deutschland. Doch die Zeit rasanter Zuwächse scheint für die mittelständisch geprägte Schlüsselindustrie erst einmal vorbei. Die Branche sieht sich einem Mix aus Chancen und Problemen gegenüber.

Quelle: dpa

Bremseffekt China

Die Schwäche wichtiger Märkte wie China bremst die extrem exportorientierten Maschinen- und Anlagenhersteller erheblich, denn das Riesenreich ist ein gewaltiger Absatzmarkt für Maschinen „Made in Germany“. Doch die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sind vorbei. So rechnet der Branchenverband VDMA mit einen Ausfuhr-Rückgang um 6 Prozent auf gut 16 Milliarden Euro im Jahr 2015.

Bremseffekt Russland

Die seit 2014 wirksamen Sanktionen gegen Putins Reich haben in den Bilanzen der deutschen Maschinenbauer deutliche Spuren hinterlassen. 2015 sollte der Maschinen-Export dorthin nach Schätzungen nur noch rund 5 Milliarden Euro betragen, fast 3 Milliarden Euro weniger als zwei Jahre zuvor. In der Tabelle der Exportmärkte fiel Russland von Rang 4 auf Platz 10 zurück.

Entlastung und Risiko Ölpreis (1)

Der Absturz des Ölpreises senkt die Energiekosten bei der Produktion. Zugleich setzt er die Ölindustrie als Kunden der Maschinenbauer unter Druck. Die Folge: Investitionen werden verschoben. Komplizierte und daher teure Förderprojekte werden auf Eis gelegt.

Entlastung und Risiko Ölpreis (2)

Das Wartungsgeschäft entwickle sich dagegen robust, sagte Siemens-Chef Joe Kaeser jüngst. Weil der Verbrauch steige, müsse mehr Öl durch Pipelines gepumpt werden, wovon Siemens mit Ersatzteilen für Pumpen und Kompressoren profitieren könne. Siemens hatte 2014 den US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand gekauft.

Rückenwind Euro

Durch den Kurs-Rückgang der Gemeinschaftswährung werden deutsche Produkte auf dem Weltmarkt tendenziell billiger. Das kann die Nachfrage ankurbeln. Insbesondere auf dem US-Markt sind deutsche Maschinen dadurch preislich im Moment sehr konkurrenzfähig. Auch im Euro-Binnenmarkt lief es zuletzt wegen des Nachholbedarfs besser.

Hoffnung Iran

Das Land hat nach dem Ende der Sanktionen großen Nachholbedarf, es fehlt überall an modernen Maschinen, Anlagen und Komponenten. Daher hofft die Branche auf steigende Nachfrage aus dem traditionell eng mit der deutschen Wirtschaft verknüpften Land. Wichtig ist dabei aus Sicht der Maschinenbauer ein sicheres Finanzwesen - ohne das Risiko, für am Ende doch nicht erlaubte Geschäfte belangt zu werden, etwa von US-Behörden. Der niedrige Ölpreis limitiert zudem die Finanzen der Islamischen Republik, wo auch Konkurrenten wie Frankreich, Italien und China unterwegs sind.

Hoffnung TTIP (1)

In den Verhandlungen zwischen den USA und der Europäischen Union ist dem Maschinenbau ein eigenes Kapitel vorbehalten. Der VDMA verspricht sich einen deutlich verbesserten Zugang zum US-Markt. Die Zölle für Einfuhren seien zwar prozentual eher niedrig, belaufen sich laut Verbandsschätzung für den Maschinenbau aber trotzdem auf hunderte Millionen Euro im Jahr.

Hoffnung TTIP (2)

Noch wichtiger wäre den Unternehmen der Wegfall anderer Handelshemmnisse, wenn es zum Beispiel um unterschiedliche Normen für Stecker, Kabel oder Gewinde geht. Derzeit verteuere die Umrüstung und notwendige Zertifizierung in den USA die deutschen Produkte um 5 bis 20 Prozent.

Hoffnung Afrika

Der afrikanische Kontinent gilt trotz aller Probleme als wachsender Exportmarkt mit Zukunft. Vor allem Länder südlich der Sahara streben nach VDMA-Einschätzung danach, Technologie für den eigenen wirtschaftlichen Fortschritt und die Etablierung einer verarbeitenden Industrie einzukaufen. Man wolle die eigenen Bodenschätze und Agrarprodukte im Land selbst verarbeiten. Allerdings ist bei den dafür notwendigen Maschinen die Konkurrenz groß: Vor allem die Chinesen haben sich große Marktanteile gesichert, aber auch Italien und die USA lagen zuletzt vor den deutschen Anbietern.

Retrofit sei für die ganze deutsche Industrie überaus relevant, sagt Birgit Vogel-Heuser, Professorin für Automatisierungstechnik. „Man will das Potenzial alter Maschinen komplett ausschöpfen, bevor man Neuanlagen kauft.“ Die Personal- und Standortkosten seien in Europa hoch, also müsse eine heimische Industrie möglichst kosteneffizient wirtschaften, sagt Vogel-Heuser. „Ein deutscher Industriekonzern im Maschinen- und Anlagenbau hat praktisch keine Alternative zum Retrofit – da muss er dringend ran.“ Die Nachfrage nach Sensortechnik und Maschinenoptimierung steige.

Die Professorin forscht an der Technischen Universität München daran, wie Altanlagen am besten in das „Industrie 4.0“-Zeitalter gehievt werden können. Dank der Daten könnten relativ leicht Produktionsabläufe verbessert werden, sagt sie. „Die Informationen sind häufig bereits da, aber nur in isolierten, geschlossenen Steuerungseinheiten vorhanden.“ Dieser Informationsfluss wird durch Retrofit-Sensoren und Steuerungsschnittstellen geöffnet.

Ein Haken an der Sache: Für Retrofit-Anbieter sei der Verkauf ihrer Produkte mitunter aufwendig, etwa wenn Betreiber ältere Maschinen mit den Jahren selbst umgebaut hätten und daher langwierige Inspektionen externer Experten in Fabriken nötig seien, sagt Vogel-Heuser. „Das ist ein anstrengendes Geschäft, aber der Industrie wird klar: Es geht nicht ohne.“

Wie groß das Potenzial von Retrofit ist, ist noch unklar. Bosch-Geschäftsführer Struth schätzt das deutsche Marktpotenzial pro Jahr auf einen dreistelligen Millionen-Betrag. Selbst wenn Bosch sich davon ein dickes Stück abschneiden kann, bleibt es in dem Konzern mit weltweit über 70 Milliarden Euro Jahresumsatz eine Nische.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Zumal in dem Bereich bereits Wettbewerber wie die westfälische Automatisierungs-Firma Beckhoff und das Schwarzwälder Unternehmen Sick tätig sind – mit anderen Produkten, aber auch mit dem Zweck des „Upgrades“ von Altmaschinen. Das sind im Vergleich zu Bosch kleine, hoch spezialisierte Konkurrenten.

Mit Blick auf die deutsche Industrie und ihre Fabrikmaschinen sagt Firmenchef Hans Beckhoff, Retrofit komme für einen „sehr großen Anteil der bestehenden Installationen“ in Frage. Auch dank neuer Technologien sei das Geschäft gestiegen, teilt Sick mit.

Weit oben auf der Industrie-Agenda ist Retrofit noch nicht. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) erklärte, das gehöre bei Firmen „allenfalls punktuell schon zum Geschäftsmodell“. Ein Siemens-Sprecher muss beim Thema Retrofit passen. Hinter vorgehaltener Hand ist von Industriemanagern zu hören, Maschinenbauer verkauften lieber neue Anlagen, anstatt alte aufzurüsten. Aus Sicht von Professorin Vogel-Heuser ist das unverständlich: Maschinenbauer erhöhten ihre Attraktivität gegenüber Kunden deutlich, wenn sie Retrofit-Lösungen als Zusatzprodukt anböten.

Von

dpa

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