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20.12.2012

13:51 Uhr

Sergio Marchionne

Kapitän im Auge des „Carmageddons"

VonLukas Bay

Kein Automanager hat das Jahr geprägt wie Fiat-Chef Marchionne. Mitten im „Carmageddon“, wie er die Autokrise nennt, wechselte er mutig den Kurs. Fraglich ist aber, ob er auch die Stürme im neuen Jahr umschiffen kann.

Kurswechsel: Fiat-Chef Marchionne will die Italiener durch die Krise manövrieren.

Kurswechsel: Fiat-Chef Marchionne will die Italiener durch die Krise manövrieren.

DüsseldorfEs mag dieses Jahr erfolgreichere Automanager gegeben haben als Sergio Marchionne: VW-Chef Martin Winterkorn beispielsweise, der die Marktanteile der Wolfsburger in der Krise gesteigert hat und mit einem Investitionsprogramm von 50 Milliarden Euro nun die Weltspitze ins Visier nimmt. Oder BMW-Chef Norbert Reithofer, der im Dreikampf der Premiumhersteller nicht nur die Spitzenposition behauptet – sondern den Vorsprung sogar ausgebaut hat. Doch kein Automanager hat das Jahr 2012 so geprägt wie der Fiat-Chef Sergio Marchionne.

Keiner verkörpert das Auf und Ab der Autoindustrie besser: die Wiedergeburt des US-Marktes genauso wie die Krise in Europa. Und kein Manager hat im Jahr 2012 stärker polarisiert als der Italo-Kanadier. In der Heimat wurde er angefeindet für seinen Sparkurs, im Ausland lieferte sich der freundlich-zahm wirkende Manager bissige Wortgefechte mit der scheinbar übermächtigen Konkurrenz.

Vor allem hat Marchionne als Kapitän im Auge des Orkans einen kühlen Kopf bewahrt, Gefahren früher erkannt als die Konkurrenz bei PSA und GM – und im Notfall umgesteuert. Bereits Ende 2011 schloss er die Fiat-Werke auf Sizilien. Seitdem wird er nicht müde zu betonen, dass weitere Werke in Europa geschlossen werden müssen. Mit dem Aussprechen der unangenehmen Wahrheit hat er nicht nur die Wut seiner Landsleute auf sich gezogen, selbst alte Freunde und Weggefährten wie der Lederwaren-Unternehmer Diego Della Valle greifen Marchionne öffentlich an.

Die größten Autohersteller in Europa

Platz 10

Nissan - 239.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Im Vergleich zum Vorjahr büßen die Japaner Marktanteile ein. Die Zahl der Neuzulassungen schrumpfte um drei Prozent.

Platz 9

Toyota - 295.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Weltweit gehören die Japaner zu den größten Autokonzernen. In Europa stagnieren die Absätze allerdings. Im Vergleich zum Vorjahr wurden ein Prozent weniger Neuwagen verkauft.

Platz 8

Daimler - 349.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Der deutsche Premiumhersteller kann sich freuen: Als einziger Hersteller in der europäischen Top Ten verkauften die Stuttgarter mehr Autos als im Vorjahr. Die Verkäufe legten um ein Prozent zu.

Platz 7

BMW - 421.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Trotzdem kann BMW die Premiumkrone auch in Europa behaupten. Die Münchner verkauften zwar ein Prozent weniger Neuwagen als im Vorjahr - doch das ist immer noch besser als die Konkurrenz.

Platz 6

Fiat - 456.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Sorgenfalten von Fiat-Chef Sergio Marchionne dürften zunehmen. Mit einem Minus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr befinden sich die Italiener in einer der tiefsten Absatzkrisen der Unternehmensgeschichte.

Platz 5

Ford - 533.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch für den US-Autobauer, dessen größtes Werk in Europa nördlich von Köln liegt, sind die Verkäufe in Europa eingebrochen. 11 Prozent weniger Fahrzeuge wurden an den Mann gebracht.

Platz 4

General Motors - 573.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Die Zahlen sind besorgniserregend. So besorgniserregend, dass zuletzt auch Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke gehen muss. In Europa brachen die Verkäufe des US-Riesen im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent ein.

Platz 3

Renault - 583.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Noch schlimmer trifft es den französischen Autoriesen Renault. Satte 17 Prozent weniger Autos konnten die Franzosen im ersten Halbjahr absetzen. Die Regierung denkt bereits über Staatshilfen für die angeschlagene heimische Autoindustrie nach.

Platz 2

Peugeot/Citroën - 827.000 Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Auch der größte französische Autobauer klagt über Absatzprobleme und kündigte zuletzt an, 8000 Stellen streichen zu wollen. Im ersten Halbjahr schrumpften die Verkäufe um 14 Prozent.

Platz 1

Volkswagen - 1,66 Millionen Neuzulassungen im 1. Halbjahr 2012

Es ist einsam an der Spitze: Die Wolfsburger deklassieren die Konkurrenz um längen. Im schwierigen europäischen Massenmarkt verliert Volkswagen zwar ein Prozent - doch insgesamt nehmen die Marktanteile zu.

Von nationalen Animositäten ließ sich Marchionne allerdings nicht beeindrucken, er blieb stets der Mann der rationalen Realitäten. Und die sehen düster aus: Fiat hat zuletzt in Europa einen Verlust von 700 Millionen Euro vorgelegt, die italienischen Werke sind gerade einmal zu 54 Prozent ausgelastet. Der Autoabsatz in Europa ist so niedrig wie seit 1995 nicht mehr. Im neuen Jahr ist keine Besserung in Sicht: Die europäische Schuldenkrise dürfte die Automärkte weiter belasten, prognostiziert Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer. „Das Jahr 2013 wird nach unserer Prognose die schlechtesten Autoverkäufe seit 1993 bringen“, heißt es in einer Studie seines Center Automotive Research (CAR) der Uni Duisburg-Essen. Auch der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) prognostiziert für Westeuropa einen Absatz von 11,4 Mio. Neuwagen, das wären drei Prozent weniger als 2012 - und der schlechteste Wert seit 20 Jahren.

Weil in Europa kein Geld mehr zu verdienen ist, will Marchionne den Fiat-Konzern, den automobilen Stolz der Italiener, in einen internationalen Autokonzern umbauen. Einst prognostizierte der Manager, dass Autokonzerne nur überlebensfähig seien, wenn sie mindestens fünf bis sechs Millionen Autos im Jahr verkaufen. Deswegen buhlte er um neue Kooperationspartner - jedoch vergeblich. PSA und General Motors gaben Marchionne einen Korb - und kooperierten stattdessen miteinander. Mittlerweile ist Marchionne sogar bereit, seine eigenen Dogmen über Bord zu werfen.

Kommentare (5)

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Hans_Glueck

20.12.2012, 14:17 Uhr

Dieser Mann hat gar nichts saniert, weder Fiat und schon gar nicht Chrysler.

Dass Fiat nicht noch mehr Verluste macht und Chrysler sogar Gewinne, liegt einzig und alleine am Herunterfahren der Entwicklungstätigkeiten nahe Null und den sich daraus ergebenden Einsparungen. Das mag zwar kurzfristig ein gutes Bild abgeben und ihn gut dastehen lassen - bei Fiat/Alfa/Lancia gehen ihm nur leider bereits die verkäuflichen Modelle aus (u.a. ein Grund, warum er Fiat auf den 500 und ein paar jämmerliche Reste reduziert).

Und genau das gleich wird in 4-5 Jahren mit Chrysler passieren. Es hat seine Gründe, dass er ständig nach neuen Zusammenschlüssen sucht - weil er ganz genau weiß, dass er demnächst nur noch Ladenhüter anbieten kann, deren Entwicklung 10 Jahre zurückliegt.

Aber vielleicht rettet er sich bis dahin doch noch in die nächste Kooperation - oder zumindest in die Rente. Es wäre aber schön, wenn das Handelsblatt solche "Erfolgsgeschichten" ein wenig stärker hinterfragen würde.

darkstar242

20.12.2012, 14:20 Uhr

"Doch kein Automanager hat das Jahr 2012 so geprägt wie der Fiat-Chef Sergio Marchionne"

Durch "mutiges Gegensteuern"? "Klaren Kurs"? ... oder nicht doch eher durch aggressive Sprüche und aktives Eintreiben von EU-Subventionen zu Lasten der deutschen Steuerzahler?

Ich find den Typen widerlich. Fiat soll also auf eine ziemlich beliebige Sammlung diverser Modelle und Marken umgemodelt werden...? Alfa Romeo, Jeep, Chrysler in einem Portfolio.. klar... sicher.... und von Fiat selber bleiben nur noch 2 Typen? Sorry, sowas kann man doch nicht zum Manager des Jahres erklären... hat den Text die Progagandaabteilung von Fiat geschrieben? Am Ende zählt das war rauskommt und nicht wie große Töne man spuckt.
Schade um Fiat, die hatten in den 60ern und 70ern mal gute Autos.

marc_mos

20.12.2012, 16:26 Uhr

Lancia wäre durchaus noch zu retten, wenn man sich bei Fiat dazu entscheiden würde die Marke wieder im obersten Segment des Marktes anzusiedeln wo sie bis in die 60er Jahre etabliert war, allerdings mit Elktroantrieb also in direkter konkurrenz zu Fisker, Tesla und telweise Lexus (obwohl das bei Toyota dort Hybridautos sind). Ein Lancia war zwar auch damals kein Rolls Royce aber immerhin ein durchaus nobles und technisch oft zukunftsweisendes Fahrzeug. Bei der späteren uebernahme durch Fiat ist da Einiges verloren gegenagen so wie es anfaenglich auch bei Alfa Romeo geschehen ist. Momentan stehen sich beide Marken gegenseitig im Weg wobei es bei Alfa Romeo wegen dem Potential auf dem US Markt um einges besser aussieht als bei Lancia. Ein gosser Lancia "Elktra" ähnlich dem Fisker Karma oder Tesla Model S und stylistisch als Nachfolger von modellen wie Lancia Astura, Aurelia oder Flaminia würde sicher in den USA und Asien punkten koennen und moeglicherweise auch in Europa. Zugleich wuerdeneine auf nur 4 bis 5 Modelle reduzierte Palette mit rein elktrische Lancia Stratos, Delta integrale und Fulvia coupé und cabrio nicht den selben Platz von Alfa Romeo und Maserati besetzen. Es wäre sogar Platz für einen zu 100% elektrischen luxus Lancia Y.

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