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02.01.2006

12:01 Uhr

Serie: Deutschland baut um

Abschied in Wolfsburg

VonJosef Hofmann

Volkswagen trennt sich von Traditionen: Die Bewältigung der Korruptionsaffäre und der Einstieg von Porsche beschleunigen den Umbau des Wolfsburger Autoherstellers dramatisch. Den letzten Schritt auf dem Weg zum normalen Industriekonzern könnte die Europäische Union erzwingen.

Bei Volkswagen rumort es. Foto: dpa

Bei Volkswagen rumort es. Foto: dpa

FRANKFURT. Mitten im Sommer des Jahres 2005 war die Atmosphäre in Wolfsburg schwer unterkühlt. In der VW-Zentrale ließ Konzernchef Bernd Pischetsrieder den amtierenden Personalvorstand Peter Hartz und den damaligen Betriebsratschef Klaus Volkert kommen und teilte ihnen mit, dass er den Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer entlassen wird. Eigentlich eine kleine Personalie, doch Gebauer war das Bindeglied zwischen Unternehmen und Betriebsrat, er war das Mensch gewordene „System VW“. Er saß an der Schaltstelle, an der die Gelder für die Aufwendungen des Betriebsrates flossen. Seine Entlassung und die Ankündigung, die Korruption im Unternehmen öffentlich zu machen, markierte das Ende einer Ära.

Volkert und Hartz war das sofort klar. Sie waren die Protagonisten dieses Systems, bei dem es keine trennscharfe Linie zwischen Arbeitnehmern und des Managern gab, bei dem die Kontrollmechanismen versagten und – wie man heute auch weiß – Missbrauch Tür und Tor öffneten. Pischetsrieders Entscheidung aufzuräumen war ein wichtiger Schritt für das Unternehmen auf dem Weg zur Normalität. VW agierte nach außen als globale Aktiengesellschaft, intern wurden aber noch die Strukturen des alten Volks-Unternehmens gepflegt.

Nach dieser ersten Unterredung im Büro des Vorstandschefs ging alles sehr schnell: Wenige Wochen später hatten auch Hartz und Volkert ihre Ämter verloren, mit ihrem Abgang war eine Machtzelle innerhalb des Konzerns gesprengt. Danach war nichts mehr so wie in den fast 60 Jahren zuvor. Die „kooperative Konfliktbewältigung“, die Betriebsrat wie Management immer wieder beschworen hatte, ist ein Auslaufmodell.

Jetzt sind auch bei VW die Rollen klar verteilt: Das Management versucht die Erträge zu optimieren, die Gewerkschaften Arbeitsplätze zu erhalten. Die Korruptionsaffäre um Scheinfirmen und vom Unternehmen finanzierte Lustreisen war der Auslöser, um mit der teuren Tradition, den sozialen Frieden in den deutschen Werken über alles zu stellen, zu brechen. Allein 2005, so undementierte Angaben, haben die deutschen Werke dem Konzern einen Verlust von mehr als zwei Milliarden Euro beschert.

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