Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.06.2012

17:29 Uhr

Siechtum made in USA

Wie GM beim Traditionskonzern Opel versagte

VonCarsten Herz, Mark Christian Schneider, Thomas Jahn

Auf der Hauptversammlung klagt General Motors wieder über die kranke Tochter Opel. Dabei ist das Drama um den deutschen Patienten hausgemacht. Die US-Konzernmutter hat sieben Kardinalsfehler zu verantworten.

Die Szenarien für den deutschen Traditionskonzern sind düster. dpa

Die Szenarien für den deutschen Traditionskonzern sind düster.

Frankfurt/Hamburg/New YorkAls Alfred P. Sloan, Boss des US-Autogiganten General Motors (GM), die Opel-Werke in Rüsselsheim inspizierte, war er begeistert: „70 Prozent des Maschinenparks sind in den vergangenen vier Jahren neu angeschafft worden“, notierte er. Sloan und seine mitgereisten Führungskräfte waren sich schnell einig. Bei Opel handelt es sich um ein gut geführtes, innovatives und vor allem profitables Unternehmen.

Die Chance, diesen Konzern zu kaufen, der jedes vierte in Deutschland verkaufte Auto herstellte und auch die Exportliste anführte, wollten sie sich nicht entgehen lassen. An Ort und Stelle handelten die Amerikaner aus Detroit eine Kaufoption aus. Das war im Oktober 1928 - ein halbes Jahr später wechselte die Mehrheit an der Adam Opel KG, seinerzeit der größte Autobauer außerhalb der USA, für die damals gigantische Summe von 33,3 Millionen Dollar den Besitzer. Eigentümer ist seither General Motors.

Wenn heute, gut 80 Jahre später, Manager aus Detroit über die Flure der Rüsselsheimer Zentrale huschen, ist von Begeisterung nichts zu spüren. Wohl aber von Hilflosigkeit - und Ohnmacht. Denn seit mehr als zwanzig Jahren erlebt das einstmals stolze Unternehmen einen beispiellosen Abstieg.

In Deutschland sinkt der Marktanteil seit den 90er-Jahren - von 17 auf jetzt nur noch gut sieben Prozent. Und im April ist der Absatz hierzulande erneut eingebrochen: um elf Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Mehr als bei allen anderen deutschen Autobauern.

Das jahrelange Ringen von Opel

2001

Der erfolglose Opel-Vorstandschef Robert Hendry muss das Handtuch werfen. Sein Nachfolger Carl-Peter Forster versucht, mit dem europaweit angelegten „Restrukturierungsprogramm Olympia“ die Tochter des US-Autobauers General Motors (GM) wieder profitabel zu machen.

2004

GM legt im Oktober einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter vor, der den Abbau von 12.000 Arbeitsplätzen vorsieht - davon bis zu 10.000 in Deutschland. Die Arbeiter im Bochumer Werk legen aus Protest spontan die Arbeit nieder.

2005

Der Betriebsrat und das Opel-Management unterschreiben einen „Zukunftsvertrag“, der die Existenz der Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern bis 2010 sichern soll.

2008

Nach Absatzeinbruch und massiven Verlusten bittet Opel als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll das Unternehmen stützen.

2009

Um nicht in den Strudel der GM-Insolvenz zu geraten, arbeitet Opel an einem Konzept zur Trennung von dem schwer angeschlagenen Mutterkonzern. Zwei Tage vor der GM-Pleite am 1. Juni einigen sich Bund, Länder, GM und das US-Finanzministerium nach langem Poker mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungskonzept. Im November beschließt GM, Opel doch zu behalten.

2010

Der als harter Sanierer bekannte Nick Reilly wird Opel-Chef. Im Zuge seines Sanierungskurses macht Opel im Oktober das Werk im belgischen Antwerpen mit einst 2500 Beschäftigten dicht. Von den 48.000 Stellen in Europa werden insgesamt 8000 abgebaut.

2011

Der bisherige GM-Chefentwickler Karl-Friedrich Stracke löst Reilly ab, der Chef des GM-Europageschäfts wird. Im zweiten Quartal verzeichnet Opel erstmals seit Jahren wieder einen Gewinn. Im dritten Quartal rutscht der Autobauer aber zurück in die roten Zahlen.

2012

Während GM in Nordamerika einen Rekordgewinn einfährt, verbucht der Konzern in Europa einen Verlust von mehreren hundert Millionen Euro. Das Europageschäft besteht überwiegend aus Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall.

Alle bisherigen Zukunftspläne sind gescheitert, dabei hat Opel längst Werke geschlossen, beispielsweise in der belgischen Hafenstadt Antwerpen. Europaweit halbierte der Hersteller seit 2001 seine Belegschaft auf rund 40.000 Mitarbeiter. Doch reicht das?

„Sparen allein ist kein Konzept, da gebe ich Ihnen völlig recht“, sagte Opel-Vorstandschef Karl-Friedrich Stracke dem Handelsblatt. Sein Revitalisierungsplan, den er am 28. Juni dem Aufsichtsrat vorstellt, soll „ein umfassender und offensiver Wachstumsplan sein, mit Milliarden-Investitionen in 30 neue Modelle bis 2014, in sparsame Motoren, eine profiliertere Marke oder etwa eine Qualitäts- und Kundenzufriedenheitsoffensive“. Strackes Ziel: „Opel muss so bald wie möglich wieder profitabel arbeiten.“

Kommentare (19)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

aruba

12.06.2012, 17:47 Uhr

Guten Tag,... Ich moechte Ihnen nicht widersprechen;... gleichwohl gibt es noch einen anderen Grund. Wer einmal einen Opel kauft.... ist dazu verdammt bei der Marke zu bleiben. Keine Sau gibt ihm nach 3 oder 4 Jahren noch einen annnehmbaren Preis fuer sein Fahrzeug;.... es sei denn,... er kauft wieder einen Opel. Zeit Lebens hatte Ich mit Autos ( indirekt ) zu tun,... Ich bin nie Besitzer eines Opel gewesen,... wohl aber auf vielen gefahren. Es gibt sicher schlechtere biedere und billigere Autos;.... aber " Opel,... Niemals ". Opel und die fruehen Ford Taunus Granada Consul Sierra waren allesammt grosse Kisten mit kleinen Motoren,... ( Moechtegern ),... Dies haftet Opel heute noch an. Besten Dank.

leser

12.06.2012, 18:14 Uhr

Wäre es nur: über sieben Fehler mußt Du gehen.
Seitdem GM Opel gekauft hatte war GM daran interessiert den ehemaligen Brückenkopf Opel dichtzumachen.
Da GM selbst tantiger als tantig aufgestellt ist haben die nichtmal das geschafft.
Das hat imao Tradition bei GM über Opel zu reden wie über den Familiendeppen.
Und der ist mal wieder fällig.
Das sind nicht sieben Kardinalfehler: das kann man nur strategische Bewußtlosigkeit nennen bei GM.
GM hat die Marke systematisch in die Tonne getreten und wundert sich nun, weshalb keine Erträge in Planzahlen erwirtschaftet werden: Ja wie Doof ist das denn?

ps_

12.06.2012, 18:23 Uhr

Man sehe sich doch nur mal das Desaster an, dass das GM Management aus Detroit gemacht hat: GM? Volle Rentnertruppe für abgehalfterte Havard-Absolventen!
Da geht der Rest hin aber nicht die mit Prädikatsexamina.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×