Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.04.2016

15:39 Uhr

Siemens-Betriebsrat

Harsche Kritik an Kaesers Abbau-Kurs

Der Siemens-Betriebsrat ist unzufrieden mit Joe Kaeser. Die Mitarbeiter lebten in einer „Dauer-Unsicherheit“. Der Vorstandschef müsse ein Konzept vorlegen – und schlechte Phasen auch mal ohne Stellenabbau durchstehen.

„Wir hoffen, dass wir Verlagerungen verhindern können.“ AP

Joe Kaeser

„Wir hoffen, dass wir Verlagerungen verhindern können.“

MünchenBei den Siemens-Arbeitnehmervertretern wächst angesichts neuer Einschnitte der Unmut über Konzernchef Joe Kaeser. Statt ein seit langem gefordertes Zukunftskonzept zum Erhalt der Arbeitsplätze vorzulegen, jage bei dem Elektrokonzern ein Stellenabbau den nächsten, sagte Siemens-Gesamtbetriebsratschefin Birgit Steinborn der Deutschen Presse-Agentur in München am Rande einer Tagung von IG Metall und Siemens-Betriebsräten. „Wir befürchten, dass die industrielle Basis aus Deutschland rausgehen soll.“

Erst vor wenigen Wochen hatte Siemens nach einer ganzen Serie von Stellenstreichungen den Abbau oder die Verlagerung von insgesamt 2500 Arbeitsplätzen in der Sparte Prozessindustrie und Antriebe angekündigt, davon rund 2000 in Deutschland. Etwa jeweils die Hälfte der Jobs soll wegfallen beziehungsweise verlagert werden, schwerpunktmäßig treffen die Maßnahmen Bayern. Zur Begründung verwies das Unternehmen unter anderem auf die die Nachfrageflaute aus der Öl- und Gasbranche.

Siemens-Chefkommunikator: Mehrere Kandidaten, ein Favorit für Kaeser-Nachfolge

Siemens-Chefkommunikator

Premium Mehrere Kandidaten, ein Favorit für Kaeser-Nachfolge

Seit diesem Monat tritt Joe Kaeser bei Siemens in einer Doppelrolle auf: als Vorstands- und als Kommunikationschef. Die Suche nach einem neuen Sprecher gestaltet sich schwierig. Doch es gibt inzwischen einen Favoriten.

Die Arbeitnehmervertreter machen seither Front gegen die Pläne. „Wir hoffen, dass wir Verlagerungen verhindern können. Es braucht Zeit, um über Alternativen zu reden“, sagte Steinborn. Einmal gestrichene oder verlagerte Jobs seien unwiderruflich weg aus Deutschland. „Wenn man so weiterdenkt, wie Siemens argumentiert, stellt das auch das Exportmodell Deutschland in Frage.“

Das Unternehmen hatte auch darauf verwiesen, dass die Zahl der deutschen Arbeitsplätze seit Jahren stabil bei rund 114.000 liege und zudem neue Arbeitsplätze geschaffen würden - auch in Deutschland. Auf Marktveränderungen in einzelnen Geschäftsfeldern müsse man aber reagieren. Von einem Rückzug aus Deutschland könne aber keine Rede sein, auch wenn die Maßnahmen für die betroffenen Standorte durchaus schmerzlich seien. Weltweit hat Siemens rund 347.000 Beschäftigte.

Die Arbeitnehmervertreter stoßen sich aber auch daran, dass die Pläne nur wenige Wochen nach der Hauptversammlung verkündet wurden, bei der Kaeser noch auf den weitgehend abgeschlossenen Konzernumbau verwiesen habe. Die Beschäftigten lebten in einer „Dauer-Unsicherheit“, die massiv auf die Stimmung schlage, sagte Siemens-Aufsichtsrat Jürgen Kerner, der auch Vorstandsmitglied der IG Metall ist, und das, obwohl Siemens beileibe kein Sanierungs-, sondern ein „Profitfall“ sei.

Bilanzcheck Siemens: Die Stunde der Wahrheit für Joe Kaeser

Bilanzcheck Siemens

Premium Die Stunde der Wahrheit für Joe Kaeser

2015 hat Siemens seine wenig ambitionierten Ziele erreicht – doch nur die Hälfte der Divisionen schaffte die Margenziele. Jetzt muss Wachstum her. Der Siemens-Chef weiß, dass er dabei die Profitabilität im Blick behalten muss.

Eigentlich müsse es darum gehen, Innovationen voranzutreiben - jedoch: „Menschen in Verunsicherung sind nicht innovativ“, sagte Kerner. Unternehmen wie Siemens müssten zudem in der Lage sein, sich für Marktentwicklungen wie das gegenwärtige Ölpreis-Tief mit flexiblen Modellen zu wappnen.

Betriebsrat und IG Metall machen sich seit längerem für ein Konzept stark, das die Stärkung der Wertschöpfung bei Siemens in Deutschland, eine divisionsübergreifende Zusammenarbeit und Zukunftsinvestitionen vorsieht. Außerdem gehe es um attraktive Arbeitsbedingungen und eine neue Unternehmenskultur, sagte Steinborn. Ziel dabei müsse auch mehr Mitbestimmung in dem Unternehmen sein. „Dieser Kulturwandel hat noch nicht richtig stattgefunden.“

Das sind die größten Baustellen von Siemens

Energiesparte

Hier hat Siemens den Trend zu dezentralen Lösungen verpasst. Die Münchener ließen sich für ihre riesige Weltmeister-Gasturbine der H-Klasse feiern. Doch in Zeiten der Energiewende waren vor allem kleine Modelle gefragt, die die Konkurrenz im Portfolio hatte. Auch in Sachen Innovationskraft verlor Siemens den Anschluss. Mit teuren Akquisitionen, einem Stellenabbau und mehr Investitionen in Forschung & Entwicklung versuchen Joe Kaeser und Energievorstand Lisa Davis gegenzusteuern.

Wachstumsschwäche

Vor einer guten Dekade war Siemens doppelt so groß wie BMW. Inzwischen ist der Autobauer an dem Technologiekonzern vorbeigezogen. Das hat mehrere Gründe: Zum einen trennte sich Siemens immer wieder von Geschäftssparten, ohne im gleichen Maß zuzukaufen. Zudem war Siemens auch organisch in den meisten Jahren wachstumsschwach und fiel hinter die besten Konkurrenten zurück. Kaeser setzt auf mehr Innovationen und einen besseren Kundenzugang. Ab dem Geschäftsjahr 2016 soll Siemens schneller wachsen als die Wettbewerber.

Ertragsschwäche

Kaesers Vorgänger Peter Löscher wähnte Siemens schon in der Champions League der weltbesten Unternehmen. Doch nach einem Zwischenhoch bröckelten die Renditen wieder ab. Für das Geschäftsjahr 2014/15 hatte Kaeser eine operative Umsatzrendite von zehn Prozent im Industriegeschäft versprochen. Angesichts der Kosten für den Umbau ist das ordentlich. Doch die besten Konkurrenten wie General Electric sind in vielen Bereichen besser. Durch kürzere Hierarchiewege, eine Sanierung der renditeschwachen Bereiche und den Abbau von Stellen will Kaeser mit seiner „Vision 2020“ Boden gut machen.

Dresser-Rand

Der Kauf des US-Kompressorenherstellers für zunächst 7,6 Milliarden Dollar war einer der größten Zukäufe in der Unternehmensgeschichte. Kaeser hatte sich, auch von seinem Vorgänger Peter Löscher, in einen Bieterwettbewerb treiben lassen. Doch seit der Übernahme ist der Ölpreis drastisch gefallen, die Förderer stellen ihre Investitionen zurück. Der Kaufpreis war im Nachhinein viel zu hoch. Nun muss Kaeser auf eine Erholung der Ölpreise hoffen und Dresser-Rand wenigstens erfolgreich integrieren.

Autor: ax

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×