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28.01.2017

10:49 Uhr

Siemens-Hackathon

Der Pioniergeist von München-Perlach

VonAxel Höpner

Von Princeton über Wien, München und Karlsruhe: Siemens hat einen „hybriden Hackathon“ mit 1.700 Teilnehmern organisiert. Rund um die Uhr haben die Entwickler an digitale Innovationen für den Technologiekonzern gefeilt.

Für Siemens ist es der bislang größte „Hackathon“. Allein im München-Perlach wurden 1.000 Meter Elektrokabel und 15.000 Datenkabel verlegt. PR

Hackathon

Für Siemens ist es der bislang größte „Hackathon“. Allein im München-Perlach wurden 1.000 Meter Elektrokabel und 15.000 Datenkabel verlegt.

MünchenDas muss er sein, der viel beschworene Start-up-Geist. Gleich hat sich Siemens-Chef Joe Kaeser zu Besuch angesagt beim ersten großen „Hackathon“ des Technologiekonzerns. Die Kleiderordnung, sagt Patrick Pernegger, ist aber locker. In Jeans und Turnschuhen wird er gleich auf der Bühne stehen und hat sich auch schon überlegt, wie er den Chef begrüßt: „Hey Joe, from CEO to CEO.“ Ein Gruß von Vorstandschef zu Vorstandschef also. Denn Pernegger ist Chef des internen, noch virtuellen Start-ups #idea Company. Normalerweise entwickelt die Einheit kleine digitale Helferlein wie Apps und Programme, die den Kollegen den Alltag leichter machen soll. Und nun hat #idea den ersten großen „Hackathon“ von Siemens organisiert.

„Hackathons“ sind seit einigen Jahren in der Wirtschaft beliebt. In der Regel arbeiten dabei teils interne, teils unabhängige Programmierer, Software-Entwickler und Projektmanager ein bis zwei Tage in Arbeitsgruppen zusammen und entwickeln bei diesen Marathon-Sitzungen gemeinsam Software. Die besten Ergebnisse werden prämiert. Ziel ist es, die Entwicklungszeiten für Softwarelösungen in sich schnell wandelnden Branchen drastisch zu reduzieren und Netzwerke zu knüpfen. Bei Siemens bekommen die Mitglieder der fünf besten Teams je 250 Euro. Zudem können sie einer Jury später ihr Projekt vorstellen. Wenn sie dabei einen Sponsor für sich gewinnen können, gibt es dieselbe Summe noch einmal obendrauf und die Chance, dass die Idee tatsächlich umgesetzt wird. Der Siemens-„Hackathon“ ist kein ganz klassischer: Er war nur intern ausgeschrieben, die Teams haben ihre Ideen teilweise vorab vorbereitet. Doch der Pioniergeist in der zentralen Technologie in München-Perlach ist groß. In den Nebenräumen sind Feldbetten aufgeschlagen für die Teilnehmer aus aller Welt, im großen Saal sitzen Hunderte von jungen Leute vor ihren Laptops, programmieren und entwickeln Ideen.

„Für uns ist der Hackathon wie ein Experiment“, sagte der Chief Information Officer von Siemens, Helmuth Ludwig, dem Handelsblatt. „Sie mischen Fantasie und Kreativität mit verschiedenen Kulturen und Talenten und sehen, was am Ende dabei herauskommt.“ Bislang sieht es gut aus: Nach den ersten Eindrücken hofft Ludwig, dass beim großen Siemens-Hackathon rund 30 Erfindungen am Ende herauskommen könnten.

Gute Chancen könnte das Projekt von George Kähler haben. Mit einem Kollegen ist der Siemens-Mitarbeiter auch in seiner Freizeit öfter auf „Hackathons“ unterwegs. Am ersten Abend hat er in Neu-Perlach seinen 29. Geburtstag gefeiert. Um die Geldprämie, die er gewinnen kann, geht es ihm und den anderen nicht. „Entscheidend ist der Spirit.“ Mit Kollegen hat er auf eigene Rechnung schon das Modell eines Bahnsitzes aus Holz gebastelt, der Werkzeugkoffer für die letzten Feineinstellungen steht noch unter dem Tisch. Ziel ist es, personalisierte Sitze auf Basis der Siemens-Internetplattform „MindSphere“ zu entwickeln. Wenn der Fahrgast in den Zug kommt, ist der Idee zufolge der reservierte Sitz schon nach seinen Gewohnheiten eingestellt, ein gebuchter Film ist abspielbereit, beim Umsteigen geht es nahtlos auf dem neuen Platz weiter.

Das sind die größten Baustellen von Siemens

Energiesparte

Hier hat Siemens den Trend zu dezentralen Lösungen verpasst. Die Münchener ließen sich für ihre riesige Weltmeister-Gasturbine der H-Klasse feiern. Doch in Zeiten der Energiewende waren vor allem kleine Modelle gefragt, die die Konkurrenz im Portfolio hatte. Auch in Sachen Innovationskraft verlor Siemens den Anschluss. Mit teuren Akquisitionen, einem Stellenabbau und mehr Investitionen in Forschung & Entwicklung versuchen Joe Kaeser und Energievorstand Lisa Davis gegenzusteuern.

Wachstumsschwäche

Vor einer guten Dekade war Siemens doppelt so groß wie BMW. Inzwischen ist der Autobauer an dem Technologiekonzern vorbeigezogen. Das hat mehrere Gründe: Zum einen trennte sich Siemens immer wieder von Geschäftssparten, ohne im gleichen Maß zuzukaufen. Zudem war Siemens auch organisch in den meisten Jahren wachstumsschwach und fiel hinter die besten Konkurrenten zurück. Kaeser setzt auf mehr Innovationen und einen besseren Kundenzugang. Ab dem Geschäftsjahr 2016 soll Siemens schneller wachsen als die Wettbewerber.

Ertragsschwäche

Kaesers Vorgänger Peter Löscher wähnte Siemens schon in der Champions League der weltbesten Unternehmen. Doch nach einem Zwischenhoch bröckelten die Renditen wieder ab. Für das Geschäftsjahr 2014/15 hatte Kaeser eine operative Umsatzrendite von zehn Prozent im Industriegeschäft versprochen. Angesichts der Kosten für den Umbau ist das ordentlich. Doch die besten Konkurrenten wie General Electric sind in vielen Bereichen besser. Durch kürzere Hierarchiewege, eine Sanierung der renditeschwachen Bereiche und den Abbau von Stellen will Kaeser mit seiner „Vision 2020“ Boden gut machen.

Dresser-Rand

Der Kauf des US-Kompressorenherstellers für zunächst 7,6 Milliarden Dollar war einer der größten Zukäufe in der Unternehmensgeschichte. Kaeser hatte sich, auch von seinem Vorgänger Peter Löscher, in einen Bieterwettbewerb treiben lassen. Doch seit der Übernahme ist der Ölpreis drastisch gefallen, die Förderer stellen ihre Investitionen zurück. Der Kaufpreis war im Nachhinein viel zu hoch. Nun muss Kaeser auf eine Erholung der Ölpreise hoffen und Dresser-Rand wenigstens erfolgreich integrieren.

Autor: ax

Organisator Pernegger kann sich gut vorstellen, dass aus der Idee einmal ein echtes Start-up aus Siemens heraus entstehen könnte. Und er spricht den engagierten Kollegen – auch Kähler fügt sich mit Vollbart, in Jeans, T-Shirt und mit knallroten Turnschuhen perfekt in die Kleiderordnung ein – bei der Gelegenheit auch gleich an, ob er sich vorstellen kann, nächstes Jahr den „Hackathon“ mitzuorganisieren. Solche Veranstaltungen sind schließlich vor allem eine große Kontaktbörse.

Siemens nannte das Event der vergangenen Tage den weltweit ersten „hybriden Hackathon“. 700 der weltweit 1.700 Teilnehmer aus 61 Ländern kamen an weltweit fünf Siemens-Standorten zusammen – von Princeton über Wien bis München-Perlach und Karlsruhe. Die anderen 1.000 stießen virtuell über das Internet dazu. Aufgabe war es, divisions- und hierarchieübergreifend neue Digitalprojekte für das Siemens-Geschäft zu entwickeln. So beschäftigte sich eines der 300 Teams mit einer Möglichkeit, die Türen von Behindertentoiletten via Bluetooth-Sensor des Handys zu öffnen. Eine andere Gruppe entwickelte eine Software, mit deren Hilfe Handys online den Zustand einer Maschine überprüfen können. Auch der Einsatz von sogenannter Augmented Realitiy in der Medizin, bei der Realbilder mit digitalen Projektionen verknüpft werden, war ein Thema.

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