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30.07.2015

09:56 Uhr

Siemens

Joe Kaesers turbulente Umbaujahre

VonAxel Höpner

Joe Kaeser hat Siemens in zwei Jahren stark umgebaut. Doch die Geduld der Investoren ist nicht unendlich. Das Renditeziel ist in Gefahr, zeigen die neusten Zahlen. Siemens droht die Prognose zu verfehlen.

Der Vorstandschef hat zwei Jahre an Siemens gewerkelt. Reuters

Joe Kaeser

Der Vorstandschef hat zwei Jahre an Siemens gewerkelt.

MünchenEs war ein sonniger Julitag, als Joe Kaeser im Innenhof der Siemens-Zentrale erstmals als künftiger Vorstandschef vor die Öffentlichkeit trat. Er wolle den Abstand zu den enteilten Wettbewerbern verkleinern, versprach Kaeser. „Und wenn man das jedes Quartal macht, ist man ziemlich schnell dort.“

Inzwischen sind zwei Jahre, also acht Quartale, vergangen. Doch zumindest bei den nackten Zahlen tritt Siemens auch unter Kaeser auf der Stelle. Im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres kam der Konzern im industriellen Geschäft gerade einmal auf eine operative Umsatzrendite von 9,5 Prozent. Das Ziel für das Gesamtjahr von 10 bis 11 Prozent ist arg in Gefahr, auch wenn Kaeser bei der Vorlage der Quartalsahlen (hier im Detail) am Donnerstag die Prognose bekräftigte.

Kaeser hat den Konzern in den vergangenen zwei Jahren stark umgebaut. Er strich die vier Sektoren Industrie, Energie, Medizintechnik und Infrastruktur ebenso wie die Ebene der Regionalcluster. Sein Anspruch ist hoch: „Wir wollen besser werden und die nächsten 170 Jahre erfolgreich sein“, sagte er kürzlich im Bayerischen Fernsehen.

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.

Im aktuellen Umfeld aber tut sich auch Siemens schwer. Der Umsatz legte um acht Prozent auf 18,8 Milliarden Euro zu und der Auftragseingang stieg um vier Prozent auf 19,9 Milliarden Euro. Bereinigt um Währungseffekte ergab sich dagegen ein Minus von drei Prozent beim Umsatz und fünf Prozent beim Bestelleingang. Unter dem Strich gab der Gewinn wegen der Umbaukosten und der Probleme im Stromerzeugungsgeschäft um zwei Prozent auf knapp 1,4 Milliarden Euro nach. Für Kaeser ist 2015 das Jahr der operativen Konsolidierung.

Kommentar zu Siemens: Für Kaeser ist die Zeit der Ausflüchte vorbei

Kommentar zu Siemens

Für Kaeser ist die Zeit der Ausflüchte vorbei

Joe Kaeser hat bald bereits die Hälfte seiner ersten Amtszeit als Siemens-Chef hinter sich. Doch der Konzern tritt nach wie vor aufr der Stelle. Die Gelduld der Investoren könnte bald vorbei sein. Ein Kommentar.

Zwar hatte sich der Ex-Finanzvorstand Zeit ausbedungen. Er will den Konzern nachhaltig profitabler und wachstumsstärker machen und nahm dafür bewusst zwei Übergangsjahre in Kauf. Doch ist die Geduld der Investoren nicht unendlich. In den vergangenen zwölf Monaten trat die Siemens-Aktie auf der Stelle, während der Dax 15 Prozent zulegen konnte. Nun droht Kaeser auch noch, dass er erstmal eine seiner Prognosen verfehlen könnte. Vorgänger Peter Löscher hatte nach einer Reihe von Gewinnwarnungen seinen Hut nehmen müssen.

Immerhin: Nach Vorlage der Zahlen gewann die Aktie bis zu 3,8 Prozent auf 95,96 Euro und war damit zweitstärkster Dax-Wert.

Kommentare (3)

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Herr Christoph Weise

30.07.2015, 10:56 Uhr

Siemens leidet aktuell unter den Russland-Sanktionen. Das erwähnt das Handelsblatt nicht. Man könnte beim Unternehmen ja deswegen einmal anfragen.

Herr Peter Schmidt

30.07.2015, 10:57 Uhr

Wer bei Siemens investiert, sollte wissen, dass man Zeit mitbringen muss, wenn man auf Veränderungen spekuliert. Das ist ein gigantischer Konzern. Wenn hier die Ergebnisse tatsächlich den Prognosen entsprechen würden, wäre das ein (glücklicher) Zufall oder wie ein Sechser im Lotto.
Aus meiner Sicht sollten Investoren ein Interesse haben, dass Herr Käser Entscheidungen trifft, die
für den Konzern langfristig einen Sinn ergeben. Dann werden auch Investoren langfristig an Siemens Gefallen finden.

Herr stefan kinlel

30.07.2015, 11:41 Uhr

Wann waren nochmal die letzten richtig erfolgreichen Jahre von Siemens, mit starkem Wachstum, hoher Rendite - trotz erheblichem Arbeitsplatzaufbau? Wer war damals an der Spitze? Kein Kaufmann oder Jurist, der im Technologiekonzern technische Sachverhalte maximal erahnt, sondern ein Ingenieur.

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