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14.11.2016

09:24 Uhr

Siemens kauft Mentor Graphics

Joe Kaeser bastelt an der digitalen Fabrik

VonAxel Höpner

Siemens baut sein Geschäft mit Industriesoftware aus: Die Münchener übernehmen für 4,5 Milliarden Dollar die US-Firma Mentor Graphics. Für Joe Kaeser ist das ein weiterer Baustein für die Neuausrichtung des Konzerns.

Der Siemens-Chef baut das Softwaregeschäft weiter aus. AFP; Files; Francois Guillot

Joe Kaeser

Der Siemens-Chef baut das Softwaregeschäft weiter aus.

MünchenSiemens-Chef Joe Kaeser beschleunigt abermals die Transformation des Traditionskonzerns. Am Montag kündigten die Münchener an, den US-Softwarespezialisten Mentor Graphics für 4,5 Milliarden Dollar zu übernehmen. Die Anteilseigner sollen 37,25 Dollar je Aktie erhalten. „Mentor komplementiert unser starkes Angebot bei Mechanik und Software mit dem Design, Test und der Simulation von elektrischen und elektronischen Systemen“, erklärte Siemens-Vorstand Klaus Helmrich. Erst vor einer Woche hatte Kaeser verkündet, die traditionsreiche Medizintechnik seines Hauses an die Börse zu bringen.

Die in Wilsonville im US-Bundesstaat Oregon ansässige Mentor Graphics stellt Software für die Konstruktion von Halbleitern her. Aus der sehr speziellen Welt der Mikrochips war Siemens vor eineinhalb Jahrzehnten mit der Trennung von Infineon ausgestiegen. Siemens kündigte an, in drei Jahren werde Mentor zum Gewinn beitragen. In vier Jahren ließen sich Synergien auf der Ebene des Betriebsgewinns von 100 Millionen Euro erzielen. Der Aktienkurs stieg in einem freundlichen Gesamtmarkt um 1,1 Prozent.

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.

Der umtriebige Mentor-Großaktionär Elliott unterstütze die Transaktion, teilte Siemens mit. Erst im September war der aktivistische Investor mit 8,1 Prozent bei der Firma eingestiegen und hatte erklärt, das Unternehmen sei deutlich unterbewertet. An der Börse war Mentor Graphics zuletzt mit rund 3,3 Milliarden Dollar wert. Siemens zahlt nun gut ein Fünftel mehr.

Mit dem Zukauf baut Siemens die Vormachtstellung im Bereich der digitalen Fabrik weiter aus. Die Münchener sind bereits Weltmarktführer mit der Simatic-Automatisierungstechnik sowie bei Industriesoftware. Das Softwaregeschäft hatte der Konzern unter Vorstandschef Joe Kaeser in den vergangenen Jahren durch Zukäufe massiv verstärkt.

Wichtigster Schritt war vor knapp zehn Jahren der Kauf des PLM-Softwarespezialisten UGS, der die Basis für weitere Akquisitionen bildete. Anfang 2016 verkündete Kaeser die Übernahme des Anbieters von Simulationssoftware, CD-Adapco, für knapp eine Milliarde Dollar. Die Integration der US-Firma komme sehr gut voran, sagte Kaeser vor wenigen Tagen bei der Bilanzvorlage. Erst am Donnerstag hatte Siemens angekündigt, sich am Simulationsspezialisten Bentley zu beteiligen.

Siemens: Wachstum durch Technik

Siemens

Premium Wachstum durch Technik

Der Münchener Konzern Siemens will die Medizintochter an die Börse bringen. Die Arbeitnehmer sind nach den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit alarmiert. Bei anderen Abspaltungen gab es massiven Stellenabbau.

Das Geschäft mit der Digitalisierung der Produktion und der Industrieautomatisierung ist mehr denn je Kerngeschäft von Siemens. Die Aktivitäten in der Windkraft hatte Kaeser kürzlich ausgegliedert und mit den Aktivitäten des Konkurrenten Gamesa zusammengelegt. Auch die Medizintechnik wurde verselbstständigt und soll an die Börse kommen. Zwar will Siemens an beiden Aktivitäten die Mehrheit behalten, doch bekommt der Konzern durch diese Schritte nach Einschätzung in Industriekreisen stärker den Charakter einer Holding – mit dem Herzstück Industrie.

Im vergangenen Geschäftsjahr 2015/16 erzielte Siemens laut Kaeser mit Branchensoftware rund 3,3 Milliarden Euro Umsatz. 29 der 30 führenden Autohersteller nutzten Siemens-PLM-Software. „Siemens wandelt sich Schritt für Schritt zu einem digitalen Unternehmen.“ Das Geschäft ist dabei hochprofitabel. Die Division Digitale Fabrik steigerte ihren Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr leicht auf 10,3 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis lag bei 1,7 Milliarden Euro. Mit einer operativen Umsatzrendite von 16,6 Prozent ist die digitale Fabrik nach der Medizintechnik damit das profitabelste Geschäft von Siemens.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

14.11.2016, 09:50 Uhr

Was mir an der Joe Kaeser Siemens Strategie nicht gefällt....

Der Kaeser verwaltet Siemens wie eine Holding. Er kauft Firmen dazu und verkauft andere. Er hat Siemens seiner eigenen Innovtionskraft beraubt. Forschung und Entwicklung lässt dieser Joe Kaeser nicht mehr dem Unternehmen Siemens zukommen sondern er hat alles ausgelagert mit seinen Zukäufen und Verkaufen von fremden Wissen.
Joe Käser hat aus den stolzen Forschungs- und Entwicklungsunternehmen Siemens eine X-beliebige Ware gemacht, die keine eigene Idendität mehr hat und als Holding das genaue Gegenteil von einen stolzen Einzelunternehmer (Forscher und Entwickler) ist.
Die Manager der letzten Jahren haben Siemens und seinen Mitarbeitern ihren Stolz und Selbstbestimmung beraubt.
Einfach nur noch traurig!

Anno Nymicus

14.11.2016, 10:55 Uhr

@Hofmann
a) kann ich aus der Ferne so nicht beurteilen. Laut Statista recht gleichbleibende Tendenz der F&E Ausgaben: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/248514/umfrage/funde-aufwendungen-der-siemens-ag/

b) und wenn bei gleichbleibendem Aufwand der Output an Innovationen dann stagnieren sollte, da das System der deutschen Großkonzerne anscheinend ein Recruiting-Raster anwendet, welches keine Risiken eingeht und mit Schema-F-Mitarbeitern eben Schema-F-Output erzeugt wird und die Herrschaften weniger nach Leistung, sondern nach Zeit und Betriebsangehörigkeit bezahlt werden, dann muß eben dort zugekauft werden, wo noch eher ein hire-and-fire möglich ist als hierzulande.
Denn wie heißt's so schön: wer Zeit bezahlt, bekommt Zeit geliefert.
Der Kaeser wird's schon richtig machen.

Account gelöscht!

14.11.2016, 12:41 Uhr

@Anno Nymicus
Die Aussage über die Forschung und Entwicklung Aufwendungen mit "recht gleichbleibend" zu machen ist ein Unternehmen, dass sich Innovation aus eigenen Antrieb auf die Fahnen geschrieben hat, ein VERNICHTENDES URTEIL!

"recht gleichbeidend" heißt hier übersetzt...Stillstand und Rückschritt!

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