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28.07.2013

22:45 Uhr

Siemens

Peter Löscher – Absturz eines Hoffnungsträgers

Tiefer Fall nach hoffnungsvollem Start: Peter Löscher muss nach sechs Jahren als Siemens-Chef seinen Hut nehmen. Hinter ihm liegen eine Berg- und Talfahrt – und eine ganze Serie von Rückschlägen.

Ende einer schwierigen Amtszeit: Peter Löscher ap

Ende einer schwierigen Amtszeit: Peter Löscher

MünchenDer geschasste Siemens-Chef Peter Löscher hat in seinen sechs Jahren bei dem Elektrokonzern einen beispiellosen Niedergang erlebt. Einst wurde der Österreicher als Hoffnungsträger mit offenen Armen bei Deutschlands größtem Elektrokonzern empfangen, doch vor allem in den vergangenen Monaten kamen die Rückschläge in Serie. Nun ziehen die Aufsichtsräte die Reißleine und geben Löscher den Laufpass. Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser soll das Unternehmen jetzt wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen. Er hat eine Mehrheit im Aufsichtsrat hinter sich, muss aber formell am kommenden Mittwoch (31. Juli) noch zum neuen Chef bestimmt werden.

Krisen musste der 1,95-Meter-Mann Löscher bei Siemens während seiner Amtszeit durchaus meistern und konnte dabei auch Erfolge verbuchen. Allen voran die Bewältigung des milliardenschweren Schmiergeld-Skandals, der Siemens vor die Zerreißprobe gestellt hatte. Doch in anderen Dingen blieb Löscher glücklos: Akquisitionen wie die Übernahme des US-Medizintechnik-Unternehmens Dade Behring oder des israelischen Solarunternehmens Solel erwiesen sich als teure Fehlgriffe. Hinzu kam zuletzt mangelnder Rückwind durch die Konjunktur, mit der Konkurrenten wie General Electric allerdings derzeit besser fertig zu werden scheinen. Doch das Fass zum Überlaufen brachte am Donnerstag die x-te Gewinnwarnung von Siemens während Löschers Amtszeit.

Die Ära Löscher: Wie sich Siemens verändert hat (Teil 1)

Abgang

Peter Löscher war der erste Siemens-Boss, der von außen kam. Schon zu seinem Amtsantritt warnten Aktionärsschützer, es werde dem Manager schwerfallen, eine Hausmacht in dem komplexen Konzern aufzubauen. Doch seine Erfolge überdeckten alle Zweifel - zumindest in der ersten Halbzeit. Deutlich vor seinem Vertragsende 2017 musste der Fußballfan Löscher im Jahr 2013 vom Platz.

Quelle: dpa

Seine Aufgabe

Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Crommee präsentierte 2007 überraschend den in Deutschland unbekannten Pharmamanager Peter Löscher als Nachfolger von Klaus Kleinfeld. Löscher beginnt seinen Job am 1. Juli 2007. Vor allem muss er die milliardenteure Schmiergeldaffäre in den Griff bekommen. Dabei geht es um eine Reihe von Korruptionsvorwürfen, die seit 2006 rund um schwarze Kassen in dreistelliger Millionenhöhe von der Staatsanwaltschaft aufgedeckt worden waren.

Eine neue Struktur

5. Oktober 2007: Der neue Chef verpasst dem Konzern eine neue, schlankere Struktur, die auf den drei Säulen Infrastruktur, Energie und Gesundheit beruht. Darüber installiert er einen kleineren Vorstand.

Gewinneinbruch

30. April 2008: Löscher muss gleich für sein erstes komplettes Geschäftsjahr die Jahresprognose nach einem Gewinneinbruch im zweiten Quartal kassieren. Am 8. Juli setzt Löscher den Rotstift an und streicht fast 17.000 Stellen im Konzern, mehr als 5.000 davon in Deutschland. Er will die Kosten um 1,2 Milliarden Euro senken.

Die Schmiergeldaffäre

15. Dezember 2008: Siemens einigt sich mit den US-Behörden auf ein Strafmaß für die Schmiergeldaffäre - damit ist der größte Brocken des Skandals aus dem Weg geräumt. Ein weiteres Jahr später einigt sich Siemens mit früheren Managern auf millionenschweren Schadenersatz für die Schmiergeldaffäre und schließt dieses Kapitel damit weitgehend ab.

Gewinnwarnung, Stellenstreichung und Rekordwerte

29. April 2009: Anders als zunächst erhofft muss Löscher angesichts ausbleibender Aufträge in der Krise doch die Gewinnprognose für das Geschäftsjahr kappen.

28. Januar 2010: Nach einem überraschend guten Start ins Jahr schockt Löscher die Belegschaft mit neuen Plänen für Stellenstreichungen. 2000 Jobs in Deutschland sollen wegfallen.
11. November 2010: Löscher kann für das Geschäftsjahr 2009/2010 Rekordwerte präsentieren. Er selbst kassiert in diesem Jahr fast 9 Millionen Euro Salär.

Siemens wird umgebaut

25. Januar 2011: Auf der Hauptversammlung loben Aktionäre Löscher für den Konzernumbau und seine Politik insgesamt. Es ist vermutlich das erfreulichste Aktionärstreffen für den Manager.
29. März: Löscher baut weiter um und will einen vierten Sektor für Infrastruktur und Städte schaffen, die Lichttochter Osram soll an die Börse gebracht werden.
27. Juli: Der Aufsichtsrat von Siemens verlängert den Vertrag mit Löscher vorzeitig bis 2017 - vor allem wegen der Erfolge, die der Manager beim Umbau des Konzerns erzielt hat.
4. September: Angesichts von Turbulenzen an den Aktienmärkten verschiebt Siemens den geplanten Börsengang von Osram.

Aber auch atmosphärisch hatte Löscher zu kämpfen: Sein vielzitierter Satz „Ich reihe mich heute in die Reihe von 475 000 Siemensianern ein“, den er zu seiner Berufung im Mai 2007 symbolträchtig auf dem Wittelsbacher Platz zu Protokoll gab, blieb nur ein frommer Wunsch. Im Gegenteil: Zuletzt geriet der Fußball-Fan immer mehr an den Rand des Spielfeldes, jüngst zu besichtigen bei der Grundsteinlegung für die neue Siemens-Konzernzentrale: Nach dem offiziellen Festakt war es wieder einmal Kaeser, und nicht Löscher, der von Journalisten umringt und mit Fragen bestürmt wurde. Kaeser beschrieb die Lage des Konzerns vieldeutig als „Blechschaden“ - doch für Löscher ist sie nun zum Totalschaden geworden.

Auch die Beschäftigten hatte Löscher nicht mehr hinter sich. Noch vor einem Jahr bekam er Lob von Siemens-Gesamtbetriebsratschef Lothar Adler für seine konstruktive Art, Konflikte anzugehen. Doch mittlerweile sprach der Arbeitnehmervertreter von Angstkultur und von „kurzsichtiger Portfolio-Politik“.

Löscher, Sohn eines Sägewerksbesitzers aus Kärnten, hatte in Wien, Hongkong und Harvard Betriebswirtschaft studiert und in der Pharmaindustrie Karriere gemacht: Bei Hoechst in den USA, bei Aventis in Japan, in der Medizinsparte des Siemens-Konkurrenten General Electric und zuletzt als Vorstand beim US-Konzern Merck. Unbelastet und welterfahren, galt er einst als der richtige Mann, um Siemens wieder auf Kurs zu bringen und das Vertrauen der wichtigen US-Investoren zurückzugewinnen. Doch im Laufe der Zeit mehrten sich Stimmen, dass Löscher überfordert wirke und im Unternehmen nie richtig angekommen sei.

Die Ära Löscher: Wie sich Siemens verändert hat (Teil 2)

Gewinneinbruch

24. Januar 2012: Der Start ins neue Jahr misslingt, der Gewinn bricht ein. An seinen Zielen für das Jahr hält Löscher aber fest.
25. April: Es hilft nichts: Löscher muss erneut eine Prognose kassieren. Neben Lieferschwierigkeiten bei Zügen sind es vor allem Probleme bei der Windkraft. Löscher räumt Fehler ein.
1. Juli: Löscher hat die erste Amtszeit hinter sich. Vor allem gibt es Lob. Betriebsrat, Gewerkschaft und Aktionärsschützer stellen Löscher ein überwiegend positives Zeugnis aus.

Kritik an Löscher

26. Juli 2012: Wieder wackelt eine Prognose. Ein klassischer Osram-Börsengang wird ganz abgesagt, es läuft nicht rund. Löscher verkündet ein neues Sparprogramm. Die Kritik an seiner Führungsarbeit wird lauter.
8. November: Löscher muss einen Gewinneinbruch bekanntgeben und präzisiert sein Sparprogramm mit dem Namen Siemens 2014. Um sechs Milliarden will er die Kosten drücken, wie viele Stellen das kosten soll, sagt er nicht.
Dezember/Januar: In Medien wird Löschers Zukunft bei Siemens infrage gestellt. Etliche Indiskretionen scheinen aus dem Unternehmen selbst zu kommen. Sogar von einer drohenden Revolte ist zu lesen.

Löscher wehrt sich

18. Januar 2013: Im Interview mit dpa wehrt sich Löscher gegen die Vorwürfe. Gerüchte über seinen Abschied oder eine Revolte weist er weit von sich.

Gewinnziel fällt

2. Mai 2013: Wieder muss Löscher ein Gewinnziel in den Wind schreiben. Die Kritik bringt den Konzernchef weiter in Bedrängnis.

Holpriger Börsengang

8. Juli 2013: Im dritten Anlauf schafft der Lichtspezialist Osram den Börsenstart. Statt eines klassischen Börsengangs erhalten die Siemens-Aktionäre für je 10 Papiere des Elektrokonzerns eine Osram-Aktie.

Blamage

25. Juli 2013: Es ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Löscher muss auch das langfristige Gewinnziel für 2014 kappen, das ein Kern seines Sparprogramms war.

Das Ende

31. Juli 2013: Löscher muss gehen. Die Aufsichtsräte beschließen bei ihrer regulären Sitzung seine vorzeitige Ablösung. Eine Mehrheit der Aufseher ist für Siemens-Finanzchef Joe Kaeser als Nachfolger.

Er selbst wies das bis zum Schluss weit von sich und gab sich noch am Tag vor seinem Rauswurf kämpferisch: „Mir bläst jetzt der Wind ins Gesicht, aber es war noch nie meine Art, aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen“, sagte Löscher in seinem letzten Interview als Siemens-Chef und nannte Gerüchte über Streit im Vorstand ein „Märchen“. Nach dem tiefen Fall wird die Landung trotzdem nicht allzu hart ausfallen: Weil Löschers Vertrag eigentlich noch bis 2017 gelaufen wäre, winkt ihm eine hohe Abfindung. Auf rund neun Millionen Euro dürften sich die Zahlungen laut Zusagen im Geschäftsbericht summieren.

Von

dpa

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