Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.05.2014

12:52 Uhr

Siemens-Prozess

Richterin macht Sharef-Ankläger lächerlich

VonCornelia Knust

Die Schmiergeldaffäre hat für Uriel Sharef keine Konsequenzen. Die Richterin sprach den früheren Siemens-Vorstand frei – und richtete scharfe Worte an die Staatsanwaltschaft. Die ließ sich davon nicht einschüchtern.

Uriel Sharef darf das Gericht als freier Mann verlassen. Die Richterin zerpflückte die Anklage gegen den früheren Siemens-Chef. dpa

Uriel Sharef darf das Gericht als freier Mann verlassen. Die Richterin zerpflückte die Anklage gegen den früheren Siemens-Chef.

MünchenWer das Münchner Strafjustizzentrum an einem normalen Morgen besucht, kann sich gewöhnlich entscheiden, ob er mit Ecclestone-Anwalt Sven Thomas vor der Tür eine rauchen will oder dem Bankenverbandchef und Ex-Landesbanker Michael Kemmer an der Sicherheitskontrolle ins Jackett helfen möchte oder dem Ex-Siemens-Vorstand Uriel Sharef oben in Raum 266 beim grimmigen Schweigen zusehen mag.

Die Wirtschaftsabteilung der Staatsanwaltschaft München I, die all diese hochkarätigen Manager mutig vor Gericht gezerrt hat, könnte eigentlich stolz sein. Doch der Freitag war ein schwarzer Tag für sie. Der letzte Strafprozesstag im Siemens-Schmiergeldverfahren endete nicht nur, wie erwartet, in einem Freispruch. Es war sogar ein Freispruch erster Klasse, und in der Urteilsbegründung stellte die Vorsitzende Richterin Jutta Zeilinger die Staatsanwälte ziemlich deutlich als unfähig dar.

Sharef, von 2000 bis 2007 Siemens-Vorstand für Energieerzeugung und -verteilung und zuständig für die Region Amerika, war wegen Untreue in drei Fällen angeklagt. Für das so genannte DNI-Projekt in Argentinien, einen Auftrag zur Herstellung und Verteilung fälschungssicherer Personalausweise, waren Schmiergelder in zweistelliger Millionenhöhe geflossen, bis hinauf zu zwei Staatspräsidenten.

So krempelt Kaeser Siemens um

Größter Umbau seit Jahren

Erst Ruhe und Ordnung, dann der größte Umbau seit Jahren: Ab Mai 2014 packt Siemens-Chef Joe Kaeser überraschend viel an bei Deutschlands größtem Elektrokonzern. Von der Auflösung der Sektoren bis zum weiteren Vorstandsumbau - das Großreinemachen bei Siemens hat begonnen. Und ganz nebenbei traute sich Kaeser noch eine milliardenschwere Übernahme des französischen Industrierivalen Alstom zu und wagte sich dafür in ein Bietergefecht mit dem US-Rivalen General Electric (GE).

Was soll sich bei Siemens verändern?

Die von Kaesers Vorgänger Peter Löscher eingeführte Einteilung in die vier Sektoren Energie, Industrie, Medizintechnik und Infrastruktur & Städte sollte ab Oktober 2014 Geschichte sein, das Geschäft in neun statt bisher 16 Divisionen zusammengefasst werden. Für die Hörgeräte-Sparte, für die vor Jahren ein Verkauf platzte, plant Siemens einen Börsengang. Die restliche Medizintechnik bleibt zwar im Konzern - sollte aber ab Oktober eigenständig außerhalb der neun Divisionen geführt werden und damit unabhängig vom Organisationsaufbau des restlichen Konzerns. Hinzu kommt der Zukauf des Gasturbinen- und Kompressorengeschäfts vom Flugzeugtriebwerkhersteller Rolls-Royce.

Wen treffen die Veränderungen?

Siemens hatte per Sparprogramm 15.000 Stellen gestrichen. Betroffen vom weiteren Umbau sollten vor allem Arbeitsplätze in der Verwaltung sein. Im Zuge des Umbaus gab aber auch der bisher für den Energiesektor zuständige Vorstand Michael Süß seinen Posten an die Shell-Managerin Lisa Davis ab. Süß war 2013 zeitweise sogar als möglicher Nachfolger Löschers gehandelt worden, der nach zwei Gewinnwarnungen in kurzer Folge Ende Juli 2013 Jahres seinen Hut nehmen musste.

Was will Kaeser mit dem Umbau erreichen?

Weniger Bürokratie, schlankere und übersichtlichere Strukturen, eine straffere Führung und mehr Kundennähe dürften zu Kaesers wichtigsten Zielen gehören. Ausdrücklich will er den Konzern auf die Wachstumsfelder Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung ausrichten. Siemens braucht wieder Anschluss an Wettbewerber wie den US-Mischkonzern GE, dem die Münchner seit Jahren in Sachen Rendite hinterherhecheln. Auch in der Akquisitionspolitik will Kaeser nach Rückschlägen seines Vorgängers Löscher zeigen, dass er es besser kann. Vielversprechende Geschäftsfelder stärken und weniger Zukunftsträchtiges abstoßen, heißt dabei seine Devise. Und ganz nebenbei bringt der Umbau weitere Einsparungen: Bis zum Herbst 2016 sollen die Kosten um eine Milliarde Euro sinken.

Welche Rolle spielte der Poker um Alstom?

Beide Baustellen haben zunächst wenig miteinander zu tun. Die Pläne für den Umbau, den Kaeser dem Aufsichtsrat vorlegte, reiften spätestens seit dem Wechsel des früheren Finanzvorstands an die Spitze von Siemens. Wären die Münchner bei den Franzosen zum Zuge gekommen, hätte Kaeser wohl ein weiteres Mal größere Umbauarbeiten beginnen müssen.

Sharef soll die Zahlungen organisiert haben, und zwar über die Ausleitungen aus schwarzen Kassen der Siemens-Transformatorensparte in Dubai und über Scheinrechnungen von Scheingesellschaften in Steuerparadiesen. Überdies soll er einem seiner Nachfolger als Chef der Landesgesellschaft in Kolumbien Hilfe verweigert haben, ein vorhandenes Netz von schwarzen Kassen in Südamerika aufzudecken und die Gelder in den Siemens-Konzernkreislauf zurückzuführen.

Das Gericht bezweifelt zwar nicht, dass es sich mit diesen Zahlungen bei Siemens so zugetragen hat, doch die konkreten Vorwürfe gegen Sharef als Vorstand hätten sich nicht bestätigt, sagte Richterin Zeilinger heute. Es habe sich nicht feststellen lassen, dass der Angeklagte die Zahlungen in die Wege geleitet habe oder auch nur involviert gewesen sei. Und im Fall der schwarzen Kassen habe er nicht handeln müssen, weil sie bei Gesellschaften außerhalb des Siemens-Konzerns angelegt worden seien und er somit keine „Vermögensbetreuungspflicht“ besessen habe – dazu gebe es einschlägige Urteile des Bundessgerichtshofs (BGH).

Den wenigen Belastungszeugen „schenkte die Kammer keinen Glauben“, da sie sich in Widersprüche verwickelt hätten. Sie, allesamt ehemalige Siemens-Manager, hätten offensichtlich ihre eigene Verantwortung beim Angeklagten abladen wollen, sagte Zeilinger. Zum Beispiel hätten sie doch die schwarzen Kassen bei Amtsantritt nicht übernehmen müssen oder hätten sie selbst aufdecken können, beschied die Richterin - ein etwas überraschender Rat, wenn man mit den Gepflogenheiten in Großkonzernen und dem Eifer der amerikanischen Börsenaufsicht vertraut ist.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

30.05.2014, 16:44 Uhr

Tja, die Kleinen hängt man und die Grossen...

Aber ich wette, er hat genug verdient, um das Bundesverdienstkreuz zu bekommen - vielleicht nicht grade dieses jahr...

Account gelöscht!

30.05.2014, 16:55 Uhr

Was sie wohl bekommen haben mag????

Account gelöscht!

30.05.2014, 17:05 Uhr

Ob es Zufall ist, daß das geistige Niveau allerorten so erschreckende Formen angenommen hat, seit Frauen überall Karriere machen?

Auch das überhandnehmende Mobbing ist sicherlich nur eine Zufallserscheinung und keinesfalls das moderne Äquivalent des Giftmordes...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×