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09.06.2015

07:52 Uhr

Siemens-Stellenabbau

Schuld ist das Turbinengeschäft

Die IG Metall protestiert mit einem bundesweiten Aktionstag gegen den Stellenabbau bei Siemens. Vorstandschef Joe Kaeser hält die Maßnahme für unvermeidlich und will die Stellen „überlegt und sozialverträglich“ abbauen.

„Es ist wirklich tragisch, dass wir in Deutschland hervorragend ausgebildete Leute haben, die aber jetzt hier keine Zukunftsbasis mehr haben und woanders gebraucht werden“, sagt Joe Kaeser, Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser. dpa

Siemens-Vorstand Joe Kaeser

„Es ist wirklich tragisch, dass wir in Deutschland hervorragend ausgebildete Leute haben, die aber jetzt hier keine Zukunftsbasis mehr haben und woanders gebraucht werden“, sagt Joe Kaeser, Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser.

BerlinSiemens-Vorstandschef Joe Kaeser hält den geplanten Stellenabbau im Konzern für unvermeidlich. Dieser werde aber „überlegt und sozialverträglich“ verwirklicht, sagte Kaeser der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

An diesem Dienstag protestiert die IG Metall mit einem bundesweiten Aktionstag gegen die Streichung von Arbeitsplätzen. Allein in Deutschland sollen insgesamt 5100 wegfallen. Den Abbau von 2200 dieser 5100 Stellen hatte Kaeser erst im Mai bekanntgegeben.

Hintergrund dieser „zweiten Welle“ sei die neue Situation im Stromerzeugungsgeschäft. „In Deutschland ist im Wesentlichen vor dem Hintergrund der Energiewende die Nachfrage für große Gaskraftwerke eingebrochen. Und auch im restlichen Europa ist es so, dass durch das geringe Wachstum dieser Länder und eine höhere Energieeffizienz der Bedarf insgesamt sinkt“, sagte Kaeser.

Deshalb sei der europäische und deutsche Markt für fossile, große Turbinen „nicht mehr existent“. Das Unternehmen müsse „entsprechend eingreifen“.

So krempelt Kaeser Siemens um

Größter Umbau seit Jahren

Erst Ruhe und Ordnung, dann der größte Umbau seit Jahren: Ab Mai 2014 packt Siemens-Chef Joe Kaeser überraschend viel an bei Deutschlands größtem Elektrokonzern. Von der Auflösung der Sektoren bis zum weiteren Vorstandsumbau - das Großreinemachen bei Siemens hat begonnen. Und ganz nebenbei traute sich Kaeser noch eine milliardenschwere Übernahme des französischen Industrierivalen Alstom zu und wagte sich dafür in ein Bietergefecht mit dem US-Rivalen General Electric (GE).

Was soll sich bei Siemens verändern?

Die von Kaesers Vorgänger Peter Löscher eingeführte Einteilung in die vier Sektoren Energie, Industrie, Medizintechnik und Infrastruktur & Städte sollte ab Oktober 2014 Geschichte sein, das Geschäft in neun statt bisher 16 Divisionen zusammengefasst werden. Für die Hörgeräte-Sparte, für die vor Jahren ein Verkauf platzte, plant Siemens einen Börsengang. Die restliche Medizintechnik bleibt zwar im Konzern - sollte aber ab Oktober eigenständig außerhalb der neun Divisionen geführt werden und damit unabhängig vom Organisationsaufbau des restlichen Konzerns. Hinzu kommt der Zukauf des Gasturbinen- und Kompressorengeschäfts vom Flugzeugtriebwerkhersteller Rolls-Royce.

Wen treffen die Veränderungen?

Siemens hatte per Sparprogramm 15.000 Stellen gestrichen. Betroffen vom weiteren Umbau sollten vor allem Arbeitsplätze in der Verwaltung sein. Im Zuge des Umbaus gab aber auch der bisher für den Energiesektor zuständige Vorstand Michael Süß seinen Posten an die Shell-Managerin Lisa Davis ab. Süß war 2013 zeitweise sogar als möglicher Nachfolger Löschers gehandelt worden, der nach zwei Gewinnwarnungen in kurzer Folge Ende Juli 2013 Jahres seinen Hut nehmen musste.

Was will Kaeser mit dem Umbau erreichen?

Weniger Bürokratie, schlankere und übersichtlichere Strukturen, eine straffere Führung und mehr Kundennähe dürften zu Kaesers wichtigsten Zielen gehören. Ausdrücklich will er den Konzern auf die Wachstumsfelder Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung ausrichten. Siemens braucht wieder Anschluss an Wettbewerber wie den US-Mischkonzern GE, dem die Münchner seit Jahren in Sachen Rendite hinterherhecheln. Auch in der Akquisitionspolitik will Kaeser nach Rückschlägen seines Vorgängers Löscher zeigen, dass er es besser kann. Vielversprechende Geschäftsfelder stärken und weniger Zukunftsträchtiges abstoßen, heißt dabei seine Devise. Und ganz nebenbei bringt der Umbau weitere Einsparungen: Bis zum Herbst 2016 sollen die Kosten um eine Milliarde Euro sinken.

Welche Rolle spielte der Poker um Alstom?

Beide Baustellen haben zunächst wenig miteinander zu tun. Die Pläne für den Umbau, den Kaeser dem Aufsichtsrat vorlegte, reiften spätestens seit dem Wechsel des früheren Finanzvorstands an die Spitze von Siemens. Wären die Münchner bei den Franzosen zum Zuge gekommen, hätte Kaeser wohl ein weiteres Mal größere Umbauarbeiten beginnen müssen.

Siemens werde das aber nicht überhastet tun. „Wir verzichten auf betriebsbedingte Kündigungen. Dazu gibt es eine Vereinbarung mit der Gewerkschaft und dem Betriebsrat, aber das ist auch einfach eine Frage des respektvollen Umganges mit hervorragenden Arbeitskräften“, fügte der Vorstandsvorsitzende hinzu. „Es ist wirklich tragisch, dass wir in Deutschland hervorragend ausgebildete Leute haben, die aber jetzt hier keine Zukunftsbasis mehr haben und woanders gebraucht werden.“

Auf die Energiewende und den Trend zu dezentraler Energieversorgung habe man unter anderem mit dem Kauf des Gasturbinen-Geschäfts von Rolls-Royce reagiert. Nun habe Siemens die dafür benötigte „flexible, kompatible Turbinentechnik“, die zuvor gefehlt habe. „Damit sind wir ein Komplettanbieter in der Branche wie sonst keiner auf der Welt.“

Der Stellenabbau solle gemeinschaftlich mit den Arbeitnehmervertretern bewältigt werden. Die Versetzung deutscher Mitarbeiter auf andere Stellen im Inland werde aber „nicht immer klappen“. Kaeser wies auf die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland von 2,5 Milliarden Euro in diesem Jahr hin. Zudem werde in die deutschen Fabriken 700 Millionen Euro investiert, in ähnlicher Größenordnung werde das auch 2016 so sein.

„Daraus entsteht natürlich auch Bedarf“, sagte Kaeser. „Die Zahl unserer Mitarbeiter ist weltweit zuletzt gestiegen, in Deutschland zumindest gleich geblieben.“ Ende März waren es nach Siemens-Angaben weltweit 342 000, rund 2000 mehr als ein Jahr zuvor. In Deutschland blieb die Zahl konstant bei 114 000.

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Siemens: Umbau oder doch nur Abbau?

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dpa

Kommentare (2)

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Herr Michael W. Ulbrich

09.06.2015, 08:42 Uhr

Das ist ja wohl ein verstecktes Zugeständnis einer Niederlage - hervorgerufen durch ein Handeln völlig an den Marktentwicklungen vorbei. Der Hinweis von Kaeser auf den Zukauf der RR-Aktivitäten mit dem Ziel Komplettanbieter zu werden ist sicherliche eine Satire. Denn wenn ein Weltmarkt dieses "Komplettangebot" schmäht und Personal reduziert werden soll taugt dieser Firmenzukauf nur als Abschreibungstitel für den Konzernabschluß... Ich bin gespannt, wie die weitere Entwicklung sein wird. Dresser-Rand könnte unter Umständen ebenfalls in eine völlig andere Richtung abdriften.

Herr Riesener Jr.

09.06.2015, 09:32 Uhr

Schuld ist das Turbinengeschäft. Und die Schuld daran ist die Energiewende. Letztere schafft also keine Arbeitsplätze, sondern verschiebt sie nur. Die alten Arbeitsplätze haben sich aber selbst getragen, die "erneuerbaren" Arbeitsplätze kosten uns jedes Jahr 'zig Milliarden EUR. Und wofür das alles? Der CO2 Ausstoß sinkt auch nicht, weil wir die Kernkraftwerke abschalten. Unser Deutschland kann als echtes Vorbild dienen, allerdings als abschreckendes....

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