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08.12.2015

10:20 Uhr

Siemens und die Innovations-Kultur

Joe Kaeser gründet ein Start-up

VonAxel Höpner

Siemens ist nicht innovativ genug. Das Problem will Vorstandschef Joe Kaeser nun nicht mit einer neuen Sparrunde lösen, sondern mit Freiräumen. Doch eine Start-up-Kultur lässt sich nicht verordnen. Eine Analyse.

Der Siemens-Chef will den Technologieriesen innovativer machen. dpa

Joe Kaeser

Der Siemens-Chef will den Technologieriesen innovativer machen.

Kürzlich diskutierte Joe Kaeser mit Studenten der Münchener Uni über Start-ups. Die Aula war rappelvoll, junge Gründer stellten ihre Firmen vor. Wer denn einmal bei Siemens arbeiten wollte? Nur ganz wenige Hände gingen in die Höhe.

Für Siemens ist das ein Warnsignal. Für viele Ingenieure war es früher das Traumziel, einmal beim Technologieriesen zu arbeiten. Heute gehen viele kreative Köpfe lieber zu kleinen, innovativen Firmen. Auch deshalb will Vorstandschef Kaeser eine Start-up-Kultur etablieren.

Das sind die größten Baustellen von Siemens

Energiesparte

Hier hat Siemens den Trend zu dezentralen Lösungen verpasst. Die Münchener ließen sich für ihre riesige Weltmeister-Gasturbine der H-Klasse feiern. Doch in Zeiten der Energiewende waren vor allem kleine Modelle gefragt, die die Konkurrenz im Portfolio hatte. Auch in Sachen Innovationskraft verlor Siemens den Anschluss. Mit teuren Akquisitionen, einem Stellenabbau und mehr Investitionen in Forschung & Entwicklung versuchen Joe Kaeser und Energievorstand Lisa Davis gegenzusteuern.

Wachstumsschwäche

Vor einer guten Dekade war Siemens doppelt so groß wie BMW. Inzwischen ist der Autobauer an dem Technologiekonzern vorbeigezogen. Das hat mehrere Gründe: Zum einen trennte sich Siemens immer wieder von Geschäftssparten, ohne im gleichen Maß zuzukaufen. Zudem war Siemens auch organisch in den meisten Jahren wachstumsschwach und fiel hinter die besten Konkurrenten zurück. Kaeser setzt auf mehr Innovationen und einen besseren Kundenzugang. Ab dem Geschäftsjahr 2016 soll Siemens schneller wachsen als die Wettbewerber.

Ertragsschwäche

Kaesers Vorgänger Peter Löscher wähnte Siemens schon in der Champions League der weltbesten Unternehmen. Doch nach einem Zwischenhoch bröckelten die Renditen wieder ab. Für das Geschäftsjahr 2014/15 hatte Kaeser eine operative Umsatzrendite von zehn Prozent im Industriegeschäft versprochen. Angesichts der Kosten für den Umbau ist das ordentlich. Doch die besten Konkurrenten wie General Electric sind in vielen Bereichen besser. Durch kürzere Hierarchiewege, eine Sanierung der renditeschwachen Bereiche und den Abbau von Stellen will Kaeser mit seiner „Vision 2020“ Boden gut machen.

Dresser-Rand

Der Kauf des US-Kompressorenherstellers für zunächst 7,6 Milliarden Dollar war einer der größten Zukäufe in der Unternehmensgeschichte. Kaeser hatte sich, auch von seinem Vorgänger Peter Löscher, in einen Bieterwettbewerb treiben lassen. Doch seit der Übernahme ist der Ölpreis drastisch gefallen, die Förderer stellen ihre Investitionen zurück. Der Kaufpreis war im Nachhinein viel zu hoch. Nun muss Kaeser auf eine Erholung der Ölpreise hoffen und Dresser-Rand wenigstens erfolgreich integrieren.

Autor: ax

Dazu gründet er eine „Innovation AG“, die im oft bürokratischen Umfeld Freiräume zum Experimentieren schaffen soll. Im laufenden Geschäftsjahr will Kaeser 300 Millionen Euro mehr für Forschung und Entwicklung ausgeben. Rund 400 neue Stellen in der Forschung sollen geschaffen werden, davon 300 in China und 100 in Deutschland. Zudem legt Siemens einen Innovationsfonds auf, der mit bis zu 100 Millionen Euro gefüllt werden soll.

Die Offensive ist dringend notwendig. Die Wachstumsschwäche von Siemens in den vergangenen Jahren resultiert auch aus der Tatsache, dass der Technologiekonzern nicht innovativ genug war. In Bereichen wie dem Energiesektor ließ sich das teils auch an den Bruttomargen ablesen: Konkurrenten wie General Electric oder ABB konnten höhere Preise erzielen, weil ihre Produkte innovativer waren.

Es ist daher richtig, dass Siemens-Chef Kaeser nach den strukturellen Umbauten nun das Thema Innovation ganz oben auf die Agenda setzt. Mit immer neuen Sparrunden lässt sich Zukunft nicht gestalten. Kaeser will in Sachen Wachstum und Profitabilität zu den besten Wettbewerbern aufschließen und sie wenn möglich überholen. Das aber kann nur gelingen, wenn man bei den Produkten immer einen halben Schritt voraus ist. Technologie von gestern können andere Konkurrenten zum Beispiel in Asien günstiger produzieren.

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Joe Kaeser hat bei Siemens keinen Stein auf dem anderen gelassen, doch seine Bilanz ist durchwachsen. 2016 muss er „liefern“, fordern Aktionärsvertreter. Tatsächlich gibt es inzwischen erste Lichtblicke.

Zudem muss Siemens aufpassen, dass es bei den disruptiven Veränderungen vor allem durch die Digitalisierung nicht noch einmal den Fehler begeht, die entscheidende Innovation zu verpassen. In der Telekommunikation war Siemens einst Weltmarktführer. Doch als die Ciscos dieser Welt aufkamen, konnten sich die erfolgsverwöhnten Siemensianer nicht so recht vorstellen, dass sich die Kommunikation über das Internet durchsetzt. Das Ende ist bekannt: Das Aus für die Telekommunikation bei Siemens. Das, lautet Kaesers Mantra, darf dem Konzern nicht noch einmal passieren.

Dabei muss ein Spagat gelingen: Siemens muss die Ressourcen des Großkonzerns nutzen. Doch gleichzeitig muss sich auch eine Start-up-Kultur etablieren, in der man etwas ausprobiert, wo man auch einmal scheitern darf und keine bürokratische 9-to-5-Atmosphäre herrscht.

Mit seiner neuen AG will Kaeser genau dies erreichen. Ob es gelingt, wird sich aber erst in der Praxis zeigen. Schöne Worte reichen nicht. Die Start-up-Kultur kann nicht verordnet, sie muss gefördert und gelebt werden.

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