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30.06.2014

18:14 Uhr

Skandal um verspäteten Rückruf

GM entschädigt Zündschloss-Opfer

Seit dem schlampigen Umgang von General Motors mit defekten Zündschlössern prasseln Klagen und Kritik auf den Autobauer ein. Nun hat der Konzern ein Programm zur Entschädigung vorgestellt – die Opfer können hoffen.

Fotos der tödlich verunglückten Menschen in GM-Autos, die ein defektes Zündschloss hatten. Landesweit reichten Anwälte Klagen gegen General Motors ein. AFP

Fotos der tödlich verunglückten Menschen in GM-Autos, die ein defektes Zündschloss hatten. Landesweit reichten Anwälte Klagen gegen General Motors ein.

Washington/DetroitDie Leidtragenden des von General Motors jahrelang ignorierten Zündschloss-Defekts sollen schon bald eine Wiedergutmachung erhalten. Der vom US-Autohersteller bestellte Anwalt Kenneth Feinberg versprach am Montag eine „schnelle Entschädigung“, die im Einzelfall bei mehreren Millionen Dollar liegen könne. Eine Obergrenze für den gesamten Entschädigungsfonds gibt es nicht. Damit wird der Skandal immer teuer für den Opel-Mutterkonzern.

Feinberg stellte den Fonds auf einer Pressekonferenz in Washington vor. Unfallopfer beziehungsweise deren Hinterbliebene können ihre Ansprüche bis Ende des Jahres geltend machen. Die Entschädigungen richten sich dann letztlich nach dem Alter, der Schwere der Verletzungen und im Todesfall auch danach, ob jemand eine Familie zu versorgen hatte.

Knackpunkt könnte aber werden, wen Feinberg und sein Team als Unfallopfer anerkennen. GM selbst spricht von 13 Toten wegen des Defekts, Verbraucherschützer kommen auf mehr als 300. Feinberg verwies darauf, dass zunächst die Anträge überprüft werden müssten. Die Unfälle liegen zumeist schon Jahre zurück.

Das Rückruf-Debakel von General Motors

13. Februar 2014

GM ruft in Nordamerika die ersten 778.000 Wagen wegen Problemen mit den Zündschlössern zurück. Der Schlüssel kann bei voller Fahrt in die „Aus“-Position zurückspringen. GM berichtet von sechs Toten bei Unfällen.

25. Februar 2014

GM weitet den Rückruf auf weltweit 1,6 Millionen ältere Wagen aus. In Europa sind einige Tausend Roadster Opel GT betroffen. Das Unternehmen räumt erste Versäumnisse ein. Nun ist die Rede von 13 Unfalltoten. Verbraucherschützer kommen auf weit höhere Zahlen.

12. März 2014

Aus internen Vermerken geht hervor, dass GM-Ingenieure schon 2001 während der Fahrzeugentwicklung über Probleme mit den Zündschlössern berichteten.

6. März 2014

Barra leitet eine interne Untersuchung ein. Zuvor war bekanntgeworden, dass die US-Sicherheitsbehörde NHTSA überprüft, ob GM den Rückruf verschleppt hat. In US-Medien häufen sich Geschichten von Unfallopfern.

17. März 2014

GM ruft weitere Autos wegen anderer Defekte zurück, etwa wegen Airbag-Ausfällen. Auch aktuelle Modelle sind nun betroffen. Wegen der Zündschlösser gehen die ersten Klagen von Unfallopfern und Autobesitzern ein, die den Wert ihrer Wagen geschmälert sehen.

19. März 2014

Die US-Regierung bestraft Toyota wegen der Pannenserie 2009/2010. Die Japaner müssen 1,2 Milliarden Dollar zahlen. Auch hier lautet der Vorwurf, der Konzern habe die Probleme zunächst vertuscht.

29. März 2014

GM ruft nun auch 1 Million Fahrzeuge neuerer Baujahre wegen der defekten Zündschlösser zurück. Damit steigt die Gesamtzahl für diesen Defekt auf 2,6 Millionen.

31. März 2014

Der nächste Ruf startet wegen ausfallender Servolenkungen. GM beordert nun wegen diverser Mängel insgesamt 6,3 Millionen Wagen in die Werkstätten. Die Kosten schnellen auf 750 Millionen Dollar hoch, später veranschlagt das Unternehmen 1,3 Milliarden Dollar.

2. April 2014

Bei zwei Anhörungen im US-Kongress wird Barra scharf angegangen. Antworten auf die Kernfrage, warum GM so lange mit dem Rückruf der Zündschlösser zögerte, hat sie jedoch nicht.

10. April 2014

GM beurlaubt zwei Ingenieure wegen der Zündschlösser. Zwei Wochen später wird die Entwicklungsabteilung umgebaut und deren Chef scheidet aus. Zwischenzeitlich gehen auch die Personalchefin und der Kommunikationschef.

23. April 2014

GM erklärt, die ersten Ersatzteilpakete mit Zündschlössern versandt zu haben. Nun starten die Reparaturen.

30. Juni 2014

Ein weiterer Rückruf betrifft 8,4 Millionen Wagen weltweit, die meisten davon in den USA. GM zufolge hätten diverse Wagen Defekte. „Unsere Kunden verdienen mehr als das, was wir ihnen mit diesen Wagen geboten haben“, erklärte Firmenchefin Mary Barra in Detroit.

Bei 2,6 Millionen älteren Kompaktwagen des Opel-Mutterkonzerns war der Schalter des Zündschlosses zu schwach ausgelegt, weshalb der Zündschlüssel während der Fahrt zurückspringen kann. Das schaltet nicht nur den Motor, sondern auch Bremskraftverstärker, Servolenkung und schlimmstenfalls die Airbags ab. GM-Ingenieure ignorierten den Mangel trotz früher Anzeichen mehr als zehn Jahre lang.

„Wir übernehmen Verantwortung dafür, was passiert ist“, erklärte GM-Chefin Mary Barra in einer Stellungnahme. Sie zeigte sich überzeugt davon, dass Feinberg die Anträge „fair und zügig“ bearbeiten werde. Die seit Jahresbeginn amtierende Barra hatte volle Aufklärung in der Sache versprochen und sich von 15 Mitarbeitern getrennt, denen sie Fehlverhalten vorwarf.

Ein Anwalt erklärte im US-Wirtschaftssender Bloomberg TV, die Opfer seien „vorsichtig optimistisch“, das sie eine gerechte Wiedergutmachung bekämen. Lange war unklar, ob und inwieweit der Konzern von sich aus zu Zahlungen bereit ist. Gleichzeitig laufen eine ganze Reihe von Schadenersatz-Klagen gegen das Unternehmen, doch deren Ausgang ist ungewiss. Rein rechtlich könnte es sein, das die heutige GM wegen der Insolvenz 2009 für die älteren Unfälle gar nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Das freiwillige Entschädigungsprogramm von GM bietet nun allen anerkannten Unfallopfern einen Weg, an eine Entschädigung zu kommen. „Die Insolvenz wird keine Hürde darstellen“, sagte Feinberg. Sollten sich die Opfer aber auf das individuelle Angebot einlassen, müssen sie ihre Klage zurückziehen.

Für GM steigen damit die Kosten weiter an. Der Konzern hatte wegen des verschleppten Rückrufs schon eine Strafe von 35 Millionen Dollar an die Verkehrssicherheitsbehörde zahlen müssen. Hinzu kommt, dass der Konzern auch andere Modelle schärfer auf Fehler hin kontrolliert. Mittlerweile ruft das Unternehmen weltweit mehr als 20 Millionen Autos in die Werkstätten; die Kostenschätzung für die Reparaturen liegt bei 2 Milliarden Dollar (1,5 Milliarden Euro).

Von

dpa

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