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08.01.2009

14:37 Uhr

Software-Hersteller

Bilanzskandal erschüttert indische Wirtschaft

VonTill Hoppe

Beobachter sprechen bereits von einem "schwarzen Tag" für die Branche: Der indische Software-Hersteller Satyam hat über Jahre hinweg seine Bilanzen gefälscht. Der Konzernchef gab alles zu. Hinter dem Skandal steckt offenbar eine lange, peinliche Entwicklung.

Satyam-Gründer Ramalinga Raju: Er trat sofort zurück. Foto: dpa dpa

Satyam-Gründer Ramalinga Raju: Er trat sofort zurück. Foto: dpa

Bloomberg DÜSSELDORF/NEU DELHI. Die aufstrebende indische IT-Industrie wird von einem Bilanzskandal erschüttert. Der viertgrößte Software-Exporteur des Landes, Satyam Computer Services, räumte gestern ein, über Jahre hinweg massiv geschönte Geschäftszahlen veröffentlicht zu haben. Firmengründer und Verwaltungsratschef Ramalinga Raju trat deshalb mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurück.

Die Börse reagierte entsetzt auf das Eingeständnis. Die Aktie Satyams stürzte um 78 Prozent ab und zog das wichtigste indische Marktbarometer Sensex um mehr als sieben Prozent nach unten. Der Chef der Börsenaufsicht, Chandu Bhave, sprach von einer "fürchterlichen" Nachricht.

Satyam-Chef Raju hatte in einem Brief an den Verwaltungsrat und die Börsenaufsicht zugegeben, Gewinne, Umsätze und Vermögen des Unternehmens jahrelang viel zu hoch ausgewiesen zu haben. Von den 53,6 Mrd. Rupien (800 Mio. Euro), die Satyam Ende September als Vermögenswerte in der Bilanz führte, seien 50,4 Mrd. fiktiv, schrieb Raju. Der tatsächliche Umsatz im vergangenen Quartal habe mit 21 Mrd. Rupien (314 Mio. Euro) 22 Prozent unter dem ausgewiesenen gelegen, die operative Gewinnmarge betrage nur drei statt der veröffentlichten 24 Prozent. Noch im Dezember hatte Raju versucht, durch den Verkauf zweier seiner Familie gehörender Firmen an Satyam die Lücken in der Bilanz zu schließen. Der Plan scheiterte aber am Widerstand der Aktionäre.

Die Fälschungen hätten mit einer kleinen Lücke angefangen und sei über die Jahre immer mehr angewachsen, schrieb Raju. "Ich habe einen Tiger geritten, ohne zu wissen, wie ich absteigen kann, ohne gefressen zu werden." Er habe die Zahlen geschönt, um eine Übernahme Satyams zu erschweren. Persönlich habe er aber nicht profitiert. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers, die die Bilanzen Satyams testiert hatte, kündigte an, den Fall zu prüfen. Raju hatte das Unternehmen, dessen Name übersetzt "Wahrheit" bedeutet, 1987 gegründet. Heute beschäftigt die Firma mit Sitz in Hyderabad weltweit 53 000 Mitarbeiter. Zu den Kunden zählen Konzerne wie Nestlé und General Electric, mit der Bertelsmann-Tochter Arvato hat Satyam eine Kooperation vereinbart, um in Deutschland Kunden zu gewinnen. "Es wird ein turbulentes Quartal für uns", sagte Interimschef Ram Mynampati.

Beobachter befürchten, dass der Betrug ähnliche Erschütterungen auslösen wird wie der Enron-Skandal 2001 in den USA. "Das ist ein schwarzer Tag für Indien, die Software-Branche und den Zustand der Corporate Governance", sagte Arun Kejriwal, Gründer von Kejriwal Reasearch and Investment Services. Investoren kündigten an, künftig bei Engagements in Unternehmen des Landes genauer hinzuschauen. "Wir werden nun vorher die Lupe nehmen", sagte etwa Greg Kuhnert vom Londoner Vermögensverwalter Investec.

In Mitleidenschaft gezogen werden könnte vor allem die Informationstechnik-Industrie, die zu den wichtigsten des Landes zählt. Der zweitgrößte Software-Exporteur Infosys äußerte sich bereits besorgt, dass ausländische Konkurrenten den Skandal zu ihrem Vorteil nutzen könnten. tho/Bloomberg

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