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11.04.2013

17:32 Uhr

Sparprogramm

Siemens streicht im Industriesegment 4000 Jobs

Siemens spart weiter: Weltweit streicht der Industriekonzern seine Belegschaft zusammen. Teilweise werden ganze Werke aufgegeben. Wie viele Arbeitsplätze das Rendite-Streben von Peter Löscher noch kosten wird, ist offen.

Sparprogramm

Siemens streicht 4.000 Stellen

Sparprogramm: Siemens streicht 4.000 Stellen

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MünchenAuf dem Weg zu höheren Renditen streicht Siemens in seinem Industriesektor weltweit mehr als 4000 Stellen. Der größte Teil davon fällt im Vertrieb weg, rund 1700 Beschäftigte müssen sich dort eine andere Arbeit suchen, wie Spartenchef Siegfried Russwurm am Donnerstag vor Analysten verkündete. Um rund 500 Stellen muss die Zentralverwaltung schrumpfen, ebenso viele Mitarbeiter trifft es im Getriebegeschäft.

Durch Werksschließungen in Pakistan und Indien spart Russwurm nochmals über 300 Stellen ein. In den Industrie-Geschäftsfeldern, die Siemens aufgibt, sind weitere 1000 Mitarbeiter betroffen. Zu den Bereichen gehören margenschwache Bereiche wie der Solarumrichterbau. Zwischen 2009 und 2012 ist die Belegschaft des Industriesektors bereits um 8300 Stellen geschrumpft, wie Sparten-Finanzchef Ralf Thomas sagte.

Siemens-Geschäftsfelder und ihre Zukunft

Energietechnik

Der Sektor hat dem Vorstand im vergangenen Jahr wohl den meisten Kummer bereitet. Siemens verpatzte den rechtzeitigen Anschluss von Windparks in der Nordsee und musste eine halbe Milliarde Euro Strafe zahlen. Zudem drückt verstärkt asiatische Konkurrenz auf den Markt für Transformatoren. Siemens reagierte auf den wachsenden Preisdruck mit dem Abbau Tausender Stellen.

Sortieranlagen

Nach Löschers Ansicht wirft das Geschäft mit Sortieranlagen für Postzentren und Flughäfen mit einer Rendite um die fünf Prozent bei Jahresumsätzen von 900 Millionen Euro zu wenig ab. Der Konzern sucht nun nach einem Käufer für das Segment, rund 3600 Mitarbeiter sind betroffen.

Wasseraufbereitung

Ein ähnliches Schicksal wie die Sortieranlagen-Sparte trifft auch die Wasseraufbereitungstechnik. Als Ausrüster von Wasserwerken setzt Siemens zwar rund eine Milliarde Euro um, unter dem Strich bleibt allerdings nur ein einstelliger Millionenbetrag hängen. Die Einheit soll verkauft werden.

Solarenergie-Technik

Der Ausflug in die Solarenergie-Technik erwies sich für die Münchner als teurer Flop. Mit dem Kauf der israelischen Solel für 418 Millionen Dollar und dem Erwerb von Anteilen an der italienischen Archimede wollte Siemens bei der solarthermischen Stromerzeugung mitmischen. Der Markt etablierte sich nie, Solel machte mehr Verlust als Umsatz. Die Anteile an Archimede hat Siemens bereits zurückgegeben, für Solel wurde ein Abnehmer gesucht.

Industriesoftware

Das Geschäft mit Computerprogrammen für die Industrie hat Siemens in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Für die Übernahme der belgischen LMS etwa zahlte der Konzern 680 Millionen Euro. Insgesamt elf solcher Softwareschmieden hat Siemens für zusammen mehr als vier Milliarden Euro gekauft.

Osram

Siemens verschenkt die große Mehrheit seiner Leuchtmittel-Tochter an die eigenen Aktionäre. Gut 80 Prozent sollen die Eigentümer behalten, der Rest bleibt bei der Mutter und deren Pensionsfonds. Siemens will in das Lampengeschäft nicht mehr investieren, Pläne für einen IPO waren gescheitert. Osram steckt selbst in der Sanierung, zunächst soll es keine Dividende geben. Zwischen 7300 und 8000 Stellen sollen weltweit abgebaut werden, einige Standorte geschlossen werden. Die Börsennotierung erfolgte Anfang Juli. Osram macht einen Jahresumsatz von gut fünf Milliarden Euro und erwartet für das laufende Geschäftsjahr wegen der Sanierungskosten Verlust.

Nokia Siemens Networks

Problem gelöst: Seinen Anteil an Nokia Siemens Networks hat der Münchner Konzern im Juli 2013 komplett an den finnischen Partner abgegeben.

Zusammen mit dem Verkauf der Gießerei im ostdeutschen Wittgensdorf und der Wassertechniksparte will sich Russwurm bis 2014 rund 1,1 Milliarden Euro sparen und die Rendite seines Zuständigkeitsbereichs auf mindestens 14 Prozent trimmen. Die Pläne sind Teil des konzernweiten Sparprogramms, dass Konzernchef Peter Löscher ausgerufen hat, um die Siemens-Marge nach oben zu treiben. Er will sich allerdings nicht festlegen, wie viele Stellen insgesamt dem Profitplänen zum Opfer fallen sollen. Arbeitnehmervertreter rechnen inzwischen mit mehr als 10.000 Jobs.

Mit Unterstützung durch die Weltkonjunktur rechnet Siemens nicht. Konzernchef Löscher erklärte jüngst, eine Belebung in der zweiten Jahreshälfte zeichne sich noch nicht ab. Auf Fragen zur Gewinnprognose für das laufende Jahr, wonach der Konzern aus dem fortgeführtem Geschäft 4,5 bis 5 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaften will, verwies er auf die Quartalsbilanz Anfang Mai.

Der für Siemens so einträgliche chinesische Markt bleibt offenbar hinter den Erwartungen zurück. "China ist gerade nicht ein Ort der Stärke und wird es in den kommenden Quartal auch nicht werden. Es ist eher ein schwacher Markt", räumte Industrie-Chef Russwurm ein. Kunden klagten nach wie vor über die unklaren Pläne der neuen Regierung dort. Langfristig werde sich das Land allerdings als Wachstumsmotor beweisen. Der Markt werde zwischen 2012 und 2018 im Schnitt rund fünf Prozent wachsen.

Die Stärken und Schwächen von Siemens

Solide Kapitalstruktur

Die Finanzschulden sind zum Ende des Geschäftsjahres 2011/12 im Vorjahresvergleich zwar gestiegen, die Bilanzrelationen bleiben aber solide. So lag die Nettoverschuldung zum 30. September 2012 bei 9,3 Milliarden Euro, 4,3 Milliarden über dem Vorjahr. Im Verhältnis zum Eigenkapital macht diese nun etwa 30 Prozent aus.

Umweltportfolio wächst

Siemens sieht sich als Weltmarktführer bei Umwelttechnologien. Der Ausbau des grünen Portfolios ist seither eine Kernstrategie von Konzernchef Peter Löscher. Bislang mit Erfolg: Seit dem Geschäftsjahr 2007 ist der Umsatz des Umweltportfolios im Schnitt um 14 Prozent pro Jahr auf zuletzt gut 33,2 Milliarden Euro gestiegen. Das sind 42 Prozent des Konzernumsatzes. Bis 2014 sollen es über 40 Milliarden Euro werden.

Stabile Dividenden

Die Dividenden-Rendite war bei Siemens über lange Jahre bescheiden. Erst Löscher hob die Ausschüttungsquote deutlich an. So können sich die Aktionäre auch in diesem Jahr freuen: Obwohl der Gewinn 2011/12 sank und der Konzern sparen muss, will Siemens eine stabile Dividende von drei Euro je Aktie bezahlen. Das entspricht einer Ausschüttungssumme von rund 2,5 Milliarden Euro. Bezogen auf den Gewinn nach Steuern liegt die Ausschüttungsquote bei 56 Prozent.

Margen bröckeln

Für 2010/11 hatte Siemens ein operatives Rekordergebnis von mehr als neun Milliarden Euro vorgelegt. In Relation zum Umsatz entsprach das einer Rendite von 12,8 Prozent. Halten konnten die Münchener das Niveau nicht. Im abgelaufenen Geschäftsjahr schrumpfte die Marge wieder auf 9,5 Prozent.

Rückläufiger Auftragseingang

Wichtige Konkurrenten wie General Electric wuchsen zuletzt oft schneller, auch weil sie akquisitionsfreudiger waren. Organisch sind kurzfristig bei Siemens keine Wachstumssprünge zu erwarten: Der Auftragseingang, Indikator für die Umsätze von morgen, sank im vergangenen Geschäftsjahr um 13 Prozent auf knapp 77 Milliarden Euro.

Sonderlasten drücken den Gewinn

Probleme mit Großprojekten gelten als typische Siemens-Krankheit. Auch unter Vorstandschef Peter Löscher hat sich daran nicht viel geändert. Ärgerlichstes Beispiel 2011/12: Die Probleme bei der Anbindung der Offshore-Windparks an das Stromnetz. Die Verzögerungen belasten den Konzern bislang mit 570 Millionen Euro. Die Verzögerungen im finnischen Atomkraftwerk Olkiluoto kosten ebenfalls seit Jahren viel Geld. Und die verspätete Auslieferung der neuen ICE-Generation könnte für Siemens laut Branchenschätzungen etwa 100 Millionen Euro teuer werden.

Die Entwicklung in den USA, wo Siemens eine Wachstumsrate von vier Prozent veranschlagt, sei selbst kurzfristig schwer abzuschätzen. Der Bedarf für Fabrikausrüstung durch die "industrielle Renaissance" sei durch die Erschließung neuer, unkonventioneller Öl- und Gasvorkommen bestimmt. "Langfristig ist das Wirtschaftsklima gut, aber auf kurze Sicht ist die Entwicklung etwas holprig." Der europäische Markt werde nur rund ein Prozent wachsen und könne sich angesichts der schwachen Binnennachfrage nur durch weiterhin starke Exporte behaupten.

Von

rtr

Kommentare (11)

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wer-anderen-eine-grube-graebt

11.04.2013, 17:58 Uhr

Siemens, ist ein "Opfer" deutscher Außenpolitik. Im asiatischen Raum sind mit Sanyo, Samsung, etc. viel größere Player im Spiel, da bleibt nicht viel an Markt übrig. Ähnliches gilt für Amerika, in dem Honeywell und GE den Markt bestimmen. Bleibt für Siemens der europäische Raum und der liegt dank deutscher Sparauflagen am Boden.

So zerstören wir nach und nach unsere eigene Industrie und die damit verbundenen Arbeitsplätze. Auf der anderen Seite schützen wir die Banken, die Hedge-Fonds, die Versicherungen, kurzum das eine unproduktive Finanzindustrie, welche keine Werte und Arbeitsplätze schafft sondern nur zerstört!

Und genau deshalb erlebt Schwarz-Gelb derzeit ein neues Stimmungshoch :-)

Realsatire

11.04.2013, 18:31 Uhr

Ist das das Kerngeschäft von Siemens: der seit Jahren andauernde Personalabbau??? "Erneut" werden Mitarbeiter in der Zentral abgebaut. Wer die Zahlen des (angeblichen) MA-Abbaus der letzten Jahre in der Zentrale verfolgt, wird sich wie ich fragen: wen denn? Da dürfte gar keiner mir sitzen nach den jahrelangen Abbaumassnahmen... Im wesentlichen werden Mitarbeiter im Vertrieb abgebaut? Interessant - wer hält nun den Kontakt zu Markt, Kunden und "Business Oportunities"? Löscher, Vorstände? Eine nachhaltige, evolutionäre Wachstumsstrategie und den "A****" in der Hose auch bei Gegenwind (der Ratingagenturen und Investbanker) durchzuhalten erscheint mir angemessener als diese dauerhafte Rumdokterei an Personalzahlen, Standorten und Strukturen.

Nachwuchs

11.04.2013, 20:00 Uhr

Wieder werden vorsätzlich die Mitarbeiter entlassen um das vorsätzliche Versagen der Manager zu tragen. Wann liest man, die manager wurden wegen erwiesener Unfähig heraus geworfen und verklagt die verursdachten Verluste zu tragen. Wann stehen Sie vor Gericht wegen Verachtung der Menschen ( Arbeitsplatzverlust usw.)?

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