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18.05.2011

10:45 Uhr

Sperrminorität

Susanne Klatten attackiert VW im Kampf um SGL Carbon

Susanne Klatten hat mit SGL Carbon Großes vor: Die Quandt-Erbin und BMW-Aktionärin stockt ihre Beteiligung beim Grafitspezialisten auf. Die spannende Frage ist, wie der Autobauer VW reagiert, der auch Anteile besitzt.

Die Quandt-Erbin Susanne Klatten schafft bei SGL Fakten. Quelle: ap

Die Quandt-Erbin Susanne Klatten schafft bei SGL Fakten.

Frankfurt/HamburgSusanne Klatten schafft im Kampf um die Mehrheit bei SGL Carbon Fakten: Die Quandt-Erbin und BMW-Aktionärin stockt ihre Beteiligung beim Wiesbadener Grafitspezialisten auf. Ihre Investmentgesellschaft habe bei SGL die Schwelle von 25 Prozent überschritten und am 11. Mai 26,98 Prozent der Stimmrechte gehalten, teilte das MDax-Unternehmen am Mittwoch mit. Damit geht Klatten im Kampf mit VW um die Macht bei SGL auf Nummer sicher.

Innerhalb der nächsten zwölf Monate wolle die Beteiligungsgesellschaft der Großaktionärin zudem Wandlungsrechte auf SGL-Aktien ausüben, wodurch die Beteiligung dann auf rund 29 Prozent erhöht werde. Mit der Investition werde ein langfristiges strategisches Engagement bei SGL angestrebt. Eine Komplettübernahme ist aber momentan nicht geplant: "Wir haben derzeit keine Übernahmepläne", sagte ein Skion-Sprecher.

An der Börse kam die Nachricht gut an. Die SGL-Aktie gewann 1,85 Prozent auf 34,38 Euro. Es sei sehr wahrscheinlich gewesen, dass Skion eine Sperrminorität bei SGL anstrebe, schrieben die Analysten der DZ Bank: „Allerdings sind die angepeilten 29 Prozent eine gewisse Überraschung, was aus unserer Perspektive eine starke Bindung anzeigt.“

Anfang April hat die SGL-Führung kräftig Aktien des Unternehmens gekauft: Für rund vier Millionen Euro erwarb das Management rund 112 300 Anteilsscheine. Der Vorstand habe 1,6 Millionen Euro, Mitglieder des weiteren Managements rund 2,3 Millionen Euro in SGL-Aktien investiert.

Volkswagen hingegen plant derzeit keine Aufstockung seines Anteils an SGL. "Eine Erhöhung, die über zehn Prozent gehen würde, ist derzeit nicht geplant", sagte ein VW-Sprecher am Mittwoch. Der Autobauer war erst im Februar überraschend mit acht Prozent bei dem Unternehmen eingestiegen, um vom Wachstum der Firma zu profitieren. Der Wolfsburger Autobauer hatte seinen SGL-Anteil jüngst auf 9,9 Prozent erhöht.

Wer damals Martin Winterkorn nach dem Einstieg von Volkswagen beim Leichtbauspezialisten SGL Carbon nach dem Zweck des Deals fragte, dem stellte er eine Gegenfrage: "Haben Sie einen Pullover an?" Findet sich jemand mit Woll-Oberteil, wird der VW-Chef handgreiflich, zeigt auf die groben Maschen, deren Luft Wärme speichern. Karbon dagegen sei wie ein dicht gewebter Anzug, verdeutlicht Winterkorn mit Griff zum Revers seines Brioni-Zweireihers.

Karbon, schwarze Magie im Autobau?

Was ist Karbon?

Mit Karbon bezeichnet man in der Automobilherstellung Bauteile, die aus industriell hergestellten Fasern kohlenstoffhaltiger Ausgangsmaterialien stammen. Dabei ist die einzelne Faser zehnmal dünner als ein menschliches Haar. Karbonfasern haben dennoch eine hohe Zugfestigkeit. Um sie für den Einsatz im Fahrzeugbau zu veredeln, müssen die Stränge erst oxidiert und dann bei 1.500 Grad Celsius karbonisiert werden. Für den automobilen Einsatz werden sie anschließend mit Siliciumcarbid kombiniert. Aus den Fasern werden maschinell Gewebe geflochten, rund 500.000 Fasern können dabei pro Quadratzoll ineinander verflochten sein. Diese Gewebematten werden in mehreren Lagen übereinander zu Bauteilen z.B. im Autoklav-Verfahren bei ca. 150 Grad gebacken. Zur Anwendung kommt im Autobau auch verstärkt CFK, das ist kohlefaserverstärkter Kunststoff.

Was sind die Vorteile?

Karbon ist hochfest und sehr leicht. Im BMW M3 spart ein Karbondach fünf Kilo Gewicht an einer für den Fahrzeug-Schwerpunkt relevanten Stelle ein. Beim getunten Mini Cooper S bringt eine Karbon-Motohauben-Diät schon 20 Kilo. Karbon absorbiert außerdem z.B. bei einem Auffahrunfall als Bauteil extrem viel Energie, deswegen wird es bevorzugt im Rennsport eingesetzt. Das Material kann in fast jede beliebige Form gepresst bzw. gebacken werden und es rostet nicht. Bei künftigen Elektroautos ist es wichtig, die Karosserien leichter zu machen, da die Batterien sehr schwer sind.

Warum ist die Herstellung so teuer?

Ein Beispiel: McLaren und Mercedes haben extra für die Produktion des Kofferraumdeckels des SLR Roadsters ein Pressverfahren entwickelt, bei dem die Herstellung von Karbonteilen kaum noch länger dauert als die von Stahlelementen. Doch müssen andere Komponenten mit dem Skalpell ausgeschnitten und aus bis zu 20 Schichten modelliert werden, bevor sie im so genannten Autoklaven bei bis zu 150 Grad unter hohem Druck wie im Schnellkochtopf gebacken werden. Bis zu 20 Stunden für ein Bauteil sind dabei keine Seltenheit. Daher würde eine A-Klasse aus Karbon mindestens doppelt so viel kosten wie eine herkömmliche - und hätte trotzdem keine Chance auf eine Serienfertigung: Die erforderlichen Stückzahlen sind bislang in der Karbon-Fertigung einfach nicht möglich.

Nachteile im Fahrzeugbau

Karbon ist durch die aufwendige Herstellung sehr teuer. Ein Nachteil für den Einsatz im Straßenverkehr ist die Eigenschaft des Materials, bei einem Unfall unkontrolliert zu zersplittern. Die teils sehr scharfen Kanten können zu schweren Verletzungen bzw. Beschädigungen führen. Außerdem kann Karbon nicht einfach repariert werden, - etwa durch schweißen, spachteln, schrauben -, was in jedem Fall einen (teuren) Austausch eines beschädigten Bauteils nötig macht. Dazu kommt die noch ungelöste Frage des Recyclings.

Kommentare (1)

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elherby

18.05.2011, 22:22 Uhr

Und was machen die anderen Autobauer dieser Welt? Was planen die Amerikaner, also Ford, GM und Co.? Früher oder später werden die sicherlich auch verstärkt auf Carbon setzen. In Amerika wäre dann Hexcel Corp. ein interessanter Partner, der schon jetzt im Flugzeugbau Boing UND Airbus beliefert.
Wäre schön, wenn es im Handeslblatt eine Serie über Firmen gibt, die stark am Thema Carbon dran sind. Sei es als Nutzer oder Liferant.

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