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16.07.2013

14:11 Uhr

Stahlindustrie

Verkauf von Thyssen-Werk in Brasilien zieht sich hin

Eine Entscheidung in den nächsten Tagen käme einem Wunder gleich – das sagen Insider über den Verkauf des Brasilien-Werks von Thyssen-Krupp. Eine brasilianische Zeitung hingegen berichtet von einem Verkauf an CSN.

Das gesamte Werksgelände des neuen Stahl- und Hüttenwerkes von Thyssen-Krupp an der Sepetiba-Bucht bei Rio de Janeiro: An der Börse sorgten die Spekulationen über einen baldigen Abschluss der Verhandlungen für kräftige Kursaufschläge. dpa

Das gesamte Werksgelände des neuen Stahl- und Hüttenwerkes von Thyssen-Krupp an der Sepetiba-Bucht bei Rio de Janeiro: An der Börse sorgten die Spekulationen über einen baldigen Abschluss der Verhandlungen für kräftige Kursaufschläge.

FrankfurtDer Verkauf des verlustreichen Brasilien-Werks des Stahlkonzerns ThyssenKrupp wird sich nach Aussagen eines Insiders noch eine Weile hinziehen. „Zuletzt ist etwas Bewegung in den Prozess gekommen, eine Entscheidung in den nächsten Tagen wäre aber ein Wunder“, sagte eine mit den Verhandlungen vertraute Person am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. „Auf dem Tisch liegen immer noch mehrere Optionen. Wir sind noch nicht an einem Punkt, an dem wir sagen würden, wir verfolgen jetzt eine bestimmte“, fügte sie hinzu.

Die brasilianische Zeitung „O Estado de Sao Paulo“ hatte berichtet, ThyssenKrupp stehe kurz vor dem Verkauf der Mehrheit des Werks an den brasilianischen Konkurrenten CSN. Der Deal solle in den nächsten Tagen bekanntgegeben werden.

ThyssenKrupp wollte sich zu dem Bericht nicht äußern und bekräftigte, dass man eine baldige Lösung für das Übersee-Geschäft anstrebe. Der Stahlkonzern CSN, der für einen Kommentar zunächst nicht zu erreichen war, gilt schon länger als Favorit in den Verkaufsverhandlungen. Dem Zeitungsbericht zufolge soll CSN einen Anteil von rund zwei Drittel an dem Werk erwerben.

Die größten Baustellen von Thyssen-Krupp

Einleitung

Im Geschäftsjahr 2012/13 fuhr Thyssen-Krupp das dritte Mal in Folge einen Nettoverlust ein. Mit einem Fehlbetrag von 1,5 Milliarden Euro fiel dieser zwar niedriger aus als die fünf Milliarden Euro Miese im Jahr zuvor. Die Aktionäre müssen jedoch erneut auf eine Dividende verzichten. Das könnte auch im neuen Geschäftsjahr 2013/14 der Fall sein. Thyssen-Krupp will zwar operativ zulegen, für einen Nettogewinn könnte es aber erneut nicht reichen. Zudem schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte, sondern auch das Geschäft mit dem Werkstoff in Europa und mit Teilen für die Automobilindustrie.

Ertragsschwäche

Thyssen-Krupp fuhr im Geschäftsjahr 2011/12 einen Nettoverlust von fast fünf Milliarden Euro ein. In den ersten neun Monaten des Ende September abgelaufenen Geschäftsjahres 2012/13 waren es rund 1,2 Milliarden Euro. Analysten zufolge schwächelt nicht nur die amerikanische Stahlsparte. Auch das europäische Stahlgeschäft, der Großanlagenbau, der Verkauf von Autoteilen und die Aufzugssparte hätten im Geschäftsjahr weniger verdient. Der Handel mit Werkstoffen und das Dienstleistungsgeschäft habe hingegen zugelegt.

Stellenabbau

Für Unruhe im Konzern sorgen auch die Pläne zum Abbau tausender Arbeitsplätze. In der Verwaltung sollen 3000 Jobs wegfallen. In der Stahlsparte will Thyssen-Krupp 2000 Arbeitsplätze abbauen. Weitere 1800 Stellen könnten durch Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen. „Wir bügeln damit auch die Managementfehler der Vergangenheit aus“, hatte Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath in einem Reuters-Interview gesagt. Thyssen-Krupp will damit die Kosten um 500 Millionen Euro senken. Die Summe ist Teil der insgesamt geplanten Einsparungen des Konzerns bis 2014/15 von nun 2,3 Milliarden Euro. Das Unternehmen beschäftigt rund 156.000 Mitarbeiter, davon etwa 58.000 in Deutschland. Ein weiterer Stellenabbau ist nach den Worten von Personalvorstand Oliver Burkhard derzeit nicht geplant.

Fehlinvestitionen in Übersee

Nach einer langen Hängepartie konnte Thyssen-Krupp das Weiterverarbeitungswerk in den USA verkaufen. Das verlustreiche Rohstahlwerk in Brasilien hängt dem Konzern immer noch wie ein Klotz am Bein. Thyssen-Krupp muss neue Abnehmer für den Werkstoff in Nord- und Südamerika finden, da das US-Werk künftig weniger abnimmt. Die Kosten für beide Werke waren auf fast 13 Milliarden Euro explodiert, mehr als acht Milliarden entfielen auf Brasilien. Das US-Werk bleibt bis zu der erhofften Freigabe des Deals durch die Regulierungsbehörden noch für Monate in den Büchern. Thyssen-Krupp erwartet in der Sparte weitere Verluste - wenn auch niedrigere als bislang.

Schulden

Dem Konzern sitzen die Ratingagenturen im Nacken. Thyssen-Krupp drücken Schulden von fünf Milliarden Euro. Das Eigenkapital schmolz zwischenzeitlich von 4,5 Milliarden auf 2,5 Milliarden Euro zusammen, durch eine im Dezember 2013 durchgezogene Kapitalerhöhung konnte es inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro aufgebessert werden. Die Eigenkapitalquote ist einer der niedrigsten Werte eines Dax-Konzerns. Gespräche mit Banken sorgten Ende September für Erleichterung, nachdem dieser Wert über die Marke von 150 Prozent gestiegen war.

Kartellverstöße und Korruptionsvorwürfe

Der Mischkonzern wird immer wieder von Kartellverstößen und Korruptionsvorwürfen erschüttert. Vorstandschef Heinrich Hiesinger will eine neue Unternehmenskultur, in der für krumme Geschäfte kein Platz ist. Bei illegalen Preisabsprachen war Thyssen-Krupp ein Wiederholungstäter. Einem Aufzugskartell folgten Kungeleien mit Schienenherstellern. Hier einigte sich Thyssen-Krupp nun mit der Deutschen Bahn auf Schadensersatz. Wie ein Damoklesschwert hängt zudem der Verdacht über dem Konzern, sich auch an einem möglichen Kartell von Herstellern von Blechen für die Automobilindustrie beteiligt zu haben. Ob sich dieser Verdacht bestätigt, ist offen. Sollte dies aber der Fall sein, wären die Konsequenzen nicht abzuschätzen - die Autoindustrie gehört zu den größten Kunden von Thyssen-Krupp. Welchen Stellenwert die Aufarbeitung der Verstöße hat, zeigte sich auch auf der Hauptversammlung im Januar 2014: Dort schuf Thyssen-Krupp für den ehemaligen Metro-Manager Donatus Kaufmann einen neuen Vorstandsposten für Compliance.

Ramponierter Ruf

Der Ruf des einst stolzen Unternehmens ist durch Pleiten, Pech und Pannen und die Korruptionsvorwürfe ramponiert. „Es herrschte offenbar bei einigen die Ansicht vor, dass Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, hat Konzernchef Hiesinger beklagt. Er will aufräumen und eine neue Unternehmenskultur einführen, in der Seilschaften und blinde Loyalität nicht wichtiger sind als unternehmerischer Erfolg. Dafür braucht er die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat.

ThyssenKrupp werde mit einer kleinen Beteiligung engagiert bleiben. Zustimmen müsse aber noch der brasilianische Minenbetreiber Vale, der 27 Prozent an dem Werk hält.

In mit den Verhandlungen vertrauten Kreisen hatte es im Mai geheißen, es werde auch eine Joint-Venture-Struktur diskutiert, in der ThyssenKrupp, CSN und Vale jeweils ein Drittel an dem Werk hielten. Die Verhandlungen kreisten um die Bewertung des Werkes und um die Frage, wer die notwendigen Investitionen von 700 bis 800 Millionen Dollar finanzieren solle.

Der Essener Konzern versucht seit Monaten, seine beiden Werke in Übersee - in Brasilien und den USA - zu verkaufen. Vor allem das Engagement in Brasilien stand von Anfang an unter keinem guten Stern: Der Bau der Anlage dauerte viel länger und wurde mehr als doppelt so teuer wie geplant.

Zudem lag die Werksführung mit den brasilianischen Behörden wegen Vorwürfen der Umweltverschmutzung im Clinch. ThyssenKrupp musste Milliarden abschreiben. Zuletzt legte eine Panne einen der beiden Hochöfen lahm, so dass die Kapazität auf weniger als die Hälfte des Normalbetriebs sank.

An der Börse sorgten die Spekulationen über einen baldigen Abschluss der Verhandlungen für kräftige Kursaufschläge. Die ThyssenKrupp-Aktien legten knapp vier Prozent auf 15,96 Euro zu.

Von

rtr

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