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05.05.2012

13:52 Uhr

Stasi-Beauftragter

Firmen sollen DDR-Häftlingsarbeit offenlegen

Nicht nur Ikea bezog Produkte aus DDR-Gefängnissen - auch deutsche Unternehmen sollen Zwangsarbeiter produziert haben lassen. Der Stasi-Beauftragte fordert jetzt Aufklärung. Doch große Unternehmen wehren sich vehement.

Stasi-Beauftragter Roland Jahn. dpa

Stasi-Beauftragter Roland Jahn.

München, BerlinDer Stasi-Bundesbeauftragte Roland Jahn hat von deutschen Firmen Aufklärung darüber verlangt, ob sie vor 1989 von DDR-Häftlingsarbeit profitiert haben. „Ich würde es begrüßen, wenn westliche und vor allem bundesdeutsche Unternehmen, die in der DDR produzieren ließen, für Transparenz sorgen würden“, sagte Jahn dem Magazin „Focus“. Seine Behörde stehe für Recherchen zur Verfügung.

Der Vorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Hugo Diederich, forderte im „Focus“ eine Entschädigung. „Wenn die Firmen nicht mehr existieren, muss eben der Staat nach Möglichkeiten für eine Entschädigung suchen.“ Er habe sich mit diesem Anliegen an Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) gewandt. Diederich erklärte, dass er als DDR-Häftling von 1986 bis 1987 im sächsischen Stahlwerk Gröditz an der Herstellung von Röhren für den bundesdeutschen Stahlkonzern Klöckner beteiligt war.

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Bisher zeigt sich kein deutsches Unternehmen zu Entschädigungen bereit. Ein Sprecher von Klöckner & Co bestätigte „Focus“ intensive Geschäftskontakte der damaligen Klöckner-Gruppe zur DDR. Nach mehreren Eigentümerwechseln sei das heutige Unternehmen aber kein Rechtsnachfolger. „Folglich sieht sich die heutige Klöckner & Co. nicht in der Verantwortung.“

Auch Karstadt lehnte auf „Focus“-Anfrage eine Verantwortung ab. „Die Karstadt Warenhaus GmbH ist nicht Rechtsnachfolger von Quelle oder Hertie und hat gegenwärtig keine Kenntnis von Verbindungen der beiden Unternehmen zu Zwangsarbeit politischer Gefangener der ehemaligen DDR“, teilte das Unternehmen mit. Nach Aussagen ehemaliger politischer DDR-Häftlinge hatten Insassen des Frauengefängnisses Hoheneck Bettwäsche für den Quelle-Versand nähen müssen.

„Unsere Produkte sind definitiv nicht unter Zwangsarbeit in der DDR produziert worden“, sagte Michael Huggle, von 1975 bis 1996 Vorstand bei Schiesser, dem „Tagesspiegel“ (Sonntag). „Aktuell haben wir keine Kenntnis von solchen Vorgängen“, teilte der Versandhändler Neckermann dem Blatt mit. Das Unternehmen bestätigte aber, es habe zu DDR-Zeiten Waren „wie Spielzeug, Möbel und Textilien von Lieferanten aus der DDR bezogen“.

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Der Kosmetikhersteller Beiersdorf hat nach eigenen Angaben ebenfalls keine Kenntnisse zur Zwangsarbeit von politischen Häftlingen, will „diesen Themenkomplex aber weiter untersuchen“. Eine Sprecherin des Schuhherstellers Salamander sagte: „Wir sehen im Moment keinen Anlass, in diese Nachforschungen mehr Energie hineinzustecken.“ Auch der Stahlkonzern Thyssen-Krupp weist Vermutungen, sein Vorgängerunternehmen Thyssen habe Waren aus Haftzwangsarbeit bezogen, dem „Tagesspiegel“-Bericht zufolge zurück.

Von

dpa

Kommentare (5)

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nobum

05.05.2012, 14:11 Uhr

Ist das die Aufgabe eines Stasibundesbeauftragten? Nein, das ist eher die Kompetenzübertretung eines Unterforderten.

WFriedrich

05.05.2012, 20:20 Uhr

Die Anschuldigungen gegen Unternehmen beruhen auf völliger Unkenntnis der Wirtschaft. Verträge werden auf Messen oder im Büro geschlossen - im feinen Zwirn. Im Ost-West-Handel lief alles über das Ministerium für Außenhandel oder die Außenhandelsbetriebe (AHB) der zahlreichen Industriefachministerien. Dort waren keine politischen Häftlinge beschäftigt. Völlig irrational ist die Vermutung von "Kungelrunden" auf der Ebene der Wirtschaftsfachleute und -manager; solche hätte Karrieren sofort beendet. Zugang in Zuchthäuser erhielte Personal aus westlichen Unternehmen nicht. Andere Annahmen sind böswillig. Arnold Vaatz hat richtigerweise zwar die Verantwortung für Ausbeutung politischer Häftlinge dem SED-Staat zugewiesen, aber zugleich jene Umstände verharmlost, die den Vorwurf von Mitwisserschaft und Zurückhaltung von Häftlingsinformationen begründen. Dazu gehört, dass die bekannt gewordenen Häftlingsverstümmelungen durch Einsatz von Psychopharmaka als Arbeitsunfälle infolge überalterter Ausrüstungen dargestellt worden sind. Obwohl es diese Unfälle sicherlich gegeben hat, sind sie nicht Anlass der Empörung. Obwohl Mitwisserschaft aus eigenen Erkenntnissen der Unternehmen klar ausgeschlossen werden muss, stellt sich die Frage, wieso Erkenntnisse seitens der Behörden zurückgehalten worden sind. So ist wohl unbestreitbar, dass frei gekaufte Häftlinge umfassend berichteten, um den noch Inhaftierten Leid zu ersparen. Trotz der Dramatik des Geschehens sind Aufrechnung und Abrechnung nicht zukunftsweisend.

WFriedrich

05.05.2012, 20:21 Uhr

Teil 2: Zukunftsweisend wäre die Überwindung der immer noch spürbaren Auffassung, Betriebe im Osten seien der "billige Heinrich". Neben der kleingliedrigen Wirtschaftsstruktur trägt diese Auffassung zum 30%igen Produktivitätsrückstand wesentlich bei. Es ist kein technischer oder technologischer, sondern ein Verwertungsrückstand. Nach der Wende wurde der ruinöse Zustand der meisten Ostbetriebe kraftvoller ins öffentliche Bewusstsein (negative Wahrnehmung) gerückt. Bisher gelang es nicht, dieses längst hinfällige gewordene Stigma ebenso kraftvoll aus der Welt zu schaffen. Die Überwindung dieses Vorurteils sollte die wichtigste Schlussfolgerung sein, die wir gemeinsam in Ost und West ziehen müssen.

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