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29.06.2012

13:15 Uhr

Steinkohle

Der große Ausverkauf des Saar-Bergbaus

VonTobias Döring

Ende Juni wurde im Saarland zum letzten Mal Kohle gefördert. Die Grube ist stillgelegt, die Bergleute nach Nordrhein-Westfalen versetzt. Auch die Maschinen gingen weg. Ein Bericht aus den letzten Tagen des Saar-Bergbaus.

Am Samstag endet im Bergwerk Saar in Ensdorf die Steinkohleförderung. dpa

Am Samstag endet im Bergwerk Saar in Ensdorf die Steinkohleförderung.

Herne/SulzbachFür die Zentralwerkstatt Hirschbach der RAG Aktiengesellschaft musste eine ganz besondere Lösung her. Die Anlage wird geschlossen, wenn am morgigen Samstag im Bergwerk Saar zur „Mettenschicht“ gerufen wird. Das ist eigentlich ein bergmännischer Brauch vor dem Heiligen Abend. Doch diesmal ist die „Mettenschicht“ bereits Ende Juni, denn es ist die letzte. Ab Sonntag ist das Saarland kein Steinkohleland mehr und der Bergbau im kleinsten deutschen Flächenland nach 250 Jahren Geschichte.

Wenn ein Betrieb geschlossen wird, dann bleiben nicht nur die Mitarbeiter zurück. Maschinen, Anlagen und Werkzeuge, alles was jahre- oder teilweise jahrzehntelang in Gebrauch war, ist plötzlich über.

Bei einem Schreinerbetrieb mit fünf Mitarbeitern mag die Ausstattung der Werkstatt überschaubar sein. Vielleicht findet sich nach einigen Monaten doch noch ein Nachfolger – oder ein Mitbewerber übernimmt die Reste des Handwerkdaseins später günstig im Paket.

So steigt Deutschland aus dem Steinkohlebergbau aus

Steinkohlebergbau nur noch bis 2018

Der deutsche Steinkohlebergbau ist unter anderem wegen der großen Fördertiefen nur mit Milliardensubventionen möglich. Nach dem Deutschen Steinkohlekompromiss läuft der traditionsreiche Industriezweig deshalb Ende 2018 unwiderruflich aus.

Vier Fünftel heute schon Importkohle

Schon jetzt werden fast vier Fünftel der in Deutschland verbrauchten Steinkohle aus dem Ausland importiert. Eine ursprünglich vorgesehene Möglichkeit zum Überdenken des Ausstiegs wurde im Frühjahr 2011 vom Bundestag endgültig gekippt. Damit ist klar, dass ab 2019 keine einheimische Steinkohle mehr gefördert wird.

Sozialverträglicher Ausstieg

Betriebsbedingte Kündigungen wird es nach dem Steinkohlekompromiss nicht geben. Der Zechenkonzern RAG steuert den schrittweisen, sozialverträglichen Ausstieg unter anderem über Umschulungen, Vorruhestandsangebote und die interne Versetzung innerhalb der Zechen.

Versetzungen nach Ibbenbüren und an die Ruhr

So wurden und werden mit der Schließung des Saar-Bergbaus mehr als 1100 Bergleute nach Ibbenbüren am Rand von Nordrhein-Westfalen und an die Ruhr versetzt. Aktuell beschäftigt der deutsche Bergbau noch rund 15.000 Bergleute.

Nur noch vier Bergwerke

1957 waren es einmal mehr als 600.000 Menschen. Nach der Schließung des Saar-Bergwerks gibt es bundesweit neben Ibbenbüren nur noch drei Bergwerke.

Bottrop und Ibbenbüren bis 2018

Das Bergwerk West in Kamp-Lintfort (Niederrhein) schließt Ende 2012, Auguste Victoria (Marl) Ende 2015. Die volle Laufzeit bis Ende 2018 schöpfen nur Prosper-Haniel (Bottrop) und Ibbenbüren aus.

Wenn aber ein Betrieb geschlossen wird, der über Jahrzehnte hunderten Menschen auf 10.000 Quadratmetern Produktionsfläche eine Arbeit bot, dann wird es schwierig. Es geht schließlich nicht um eine Handvoll Anlagen, sondern um 500 Maschinen. Und Konkurrenz, die Interesse haben könnte, gibt es nicht. Nicht in der Nachbarschaft, nicht in ganz Deutschland.

Heute wurde im Bergwerk Saar in Ensdorf bereits die letzte Kohle zu Tage gefördert. Der letzte Kohlezug rollte um 11.42 Uhr aus dem Schacht Duhamel. Bis zu 16 Millionen Tonnen holten die Bergleute von der Saar jährlich aus den Gruben, zu Hochzeiten arbeiteten dort 70.000 Menschen im Bergbau. Der wirtschaftliche Aufstieg des Landes und Wohlstand für viele Menschen ist mit der Steinkohleförderung eng verbunden. Und eigentlich sollte das Bergwerk in Ensdorf nach den Ausstiegsbeschlüssen des Bundes auch noch bis 2018 Kohle fördern, wenn am 23. Februar 2008 nicht die Erde gebebt und zahlreiche Gebäude beschädigt hätte – Schuld war der Bergbau.

Der damalige Ministerpräsident Peter Müller (CDU) ließ erst den Abbau stoppen, dann wurde das Ende des Saar-Bergbaus auf Mitte 2012 vorgezogen. Ende und Aus – auch für die Zentralwerkstatt Hirschbach in Sulzbach. Dort wurden alle Anlagen Instand gesetzt, die für den Kohleabbau in den Saar-Gruben benötigt wurden.

„Die Maschinen waren alle bis Mitte Mai im Einsatz“, sagt Norbert Gessner, der Leiter der Zentralwerkstatt im Gespräch mit Handelsblatt Online. 30 Prozent der Anlagen gingen in die Zentralwerkstatt Bottrop – das dortige Bergwerk Prosper-Haniel und das Anthrazitbergwerk in Ibbenbüren werden bis 2018 die letzten Bergbau-Bastionen in Deutschland sein. Der Rest der Maschinen ist über – aber damit keinesfalls überflüssig. Und damit wieder zur besonderen Lösung.

Kommentare (3)

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Petersilie

29.06.2012, 14:53 Uhr

es eine grenzenlose Dummheit unsere sichere Energie zu vernichten. Eines Tages hätten wir sie gerne wieder. Na dann viel Spass !!

Werra

29.06.2012, 22:54 Uhr

1)Deutschland ist ein Industrieland. Jahrzehntelang bildete seine Rohstoff- und Energiebasis die Steinkohle - bei der Stromerzeugung, der Stahlerzeugung, der chemischen Produktion... Die hiesigen Vorkommen würden noch ein paar Jahrhunderte reichen.
2)Mit dem Abschied von der Kohle setzt das Land nun gänzlich auf die gutwilligen Angebote des Weltmarkts. Man möchte meinen, das heißt auf Russen, Amerikaner und Chinesen, die größten Produzenten. Doch diese Länder haben ihre Steinkohle-Industrie in jüngster Zeit massiv ausgebaut, um die gewonnene Kohle für sich selbst zu verbrauchen. Uns Deutschen geben sie davon auch heute schon nichts mehr ab. Sie streben in dieser Hinsicht nach Autarkie und verlassen sich nicht auf den Weltmarkt.
3)Deutschland bezieht seinen Bedarf aus Kolumbien und Südafrika. Ein paar tausend Kilometer Transportwege, geringe Umweltauflagen, schlechte Arbeitsbedingungen, geringe Löhne.

Account gelöscht!

15.11.2012, 10:17 Uhr

Quatsch, wir haben sie doch noch! Wenn die Weltmarktpreise so hoch sind, dass es sich hier wieder lohnt, können wir uns freuen noch Kohle zu haben.

Das gleiche passiert doch momentan im Erzgebirge.

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