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09.06.2015

12:45 Uhr

Stellenabbau bei Siemens

Tausende Arbeitnehmer protestieren gegen Konzernumbau

Der Ärger bei den Siemens-Beschäftigten wächst: Schon wieder stehen tausende Jobs auf der Streichliste von Konzernchef Kaeser. Und es gibt Befürchtungen, dass noch weitere Kürzungen drohen könnten.

2200 zusätzliche Stellen will der Elektronikkonzern Siemens streichen. Für Dienstag hat die Gewerkschaft IG Metall daher einen bundesweiten Aktionstag ausgerufen. dpa

Siemens

2200 zusätzliche Stellen will der Elektronikkonzern Siemens streichen. Für Dienstag hat die Gewerkschaft IG Metall daher einen bundesweiten Aktionstag ausgerufen.

München/DuisburgTausende Siemens-Beschäftigte haben am Dienstag gegen die neuen Stellenabbau-Pläne des Elektrokonzerns protestiert. An zahlreichen deutschen Standorten des Unternehmens machten sie ihrem Ärger bei Demonstrationen und Kundgebungen Luft und sammelten Unterschriften gegen die Kürzungen. Die IG Metall, die zu dem bundesweiten Aktionstag unter dem Motto „Standort D stärken – Margenwahn stoppen!“ aufgerufen hatte, sprach am Mittag von mehr als 6000 aktiven Teilnehmern. Mehrere zehntausend Beschäftigte dürften zudem über Flugblattaktionen, Infostände und Betriebsversammlungen erreicht werden, erklärte ein IG-Metall-Sprecher in München.

Mit dem Aktionstag wollen sich die Beschäftigten gegen den Abbau weiterer 2200 Arbeitsplätze in Deutschland zur Wehr setzen, den Siemens-Chef Joe Kaeser Anfang Mai verkündet hatte. Damit reagiert der Konzern auf die anhaltenden Probleme im Stromerzeugungsgeschäft und die Ertragsschwäche in einigen Geschäftseinheiten. Weltweit stehen deshalb noch einmal 4500 Jobs auf der Kippe – nachdem der Konzernumbau und die Schwierigkeiten im Energiegeschäft bereits tausende Arbeitsplätze kosten.

So krempelt Kaeser Siemens um

Größter Umbau seit Jahren

Erst Ruhe und Ordnung, dann der größte Umbau seit Jahren: Ab Mai 2014 packt Siemens-Chef Joe Kaeser überraschend viel an bei Deutschlands größtem Elektrokonzern. Von der Auflösung der Sektoren bis zum weiteren Vorstandsumbau - das Großreinemachen bei Siemens hat begonnen. Und ganz nebenbei traute sich Kaeser noch eine milliardenschwere Übernahme des französischen Industrierivalen Alstom zu und wagte sich dafür in ein Bietergefecht mit dem US-Rivalen General Electric (GE).

Was soll sich bei Siemens verändern?

Die von Kaesers Vorgänger Peter Löscher eingeführte Einteilung in die vier Sektoren Energie, Industrie, Medizintechnik und Infrastruktur & Städte sollte ab Oktober 2014 Geschichte sein, das Geschäft in neun statt bisher 16 Divisionen zusammengefasst werden. Für die Hörgeräte-Sparte, für die vor Jahren ein Verkauf platzte, plant Siemens einen Börsengang. Die restliche Medizintechnik bleibt zwar im Konzern - sollte aber ab Oktober eigenständig außerhalb der neun Divisionen geführt werden und damit unabhängig vom Organisationsaufbau des restlichen Konzerns. Hinzu kommt der Zukauf des Gasturbinen- und Kompressorengeschäfts vom Flugzeugtriebwerkhersteller Rolls-Royce.

Wen treffen die Veränderungen?

Siemens hatte per Sparprogramm 15.000 Stellen gestrichen. Betroffen vom weiteren Umbau sollten vor allem Arbeitsplätze in der Verwaltung sein. Im Zuge des Umbaus gab aber auch der bisher für den Energiesektor zuständige Vorstand Michael Süß seinen Posten an die Shell-Managerin Lisa Davis ab. Süß war 2013 zeitweise sogar als möglicher Nachfolger Löschers gehandelt worden, der nach zwei Gewinnwarnungen in kurzer Folge Ende Juli 2013 Jahres seinen Hut nehmen musste.

Was will Kaeser mit dem Umbau erreichen?

Weniger Bürokratie, schlankere und übersichtlichere Strukturen, eine straffere Führung und mehr Kundennähe dürften zu Kaesers wichtigsten Zielen gehören. Ausdrücklich will er den Konzern auf die Wachstumsfelder Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung ausrichten. Siemens braucht wieder Anschluss an Wettbewerber wie den US-Mischkonzern GE, dem die Münchner seit Jahren in Sachen Rendite hinterherhecheln. Auch in der Akquisitionspolitik will Kaeser nach Rückschlägen seines Vorgängers Löscher zeigen, dass er es besser kann. Vielversprechende Geschäftsfelder stärken und weniger Zukunftsträchtiges abstoßen, heißt dabei seine Devise. Und ganz nebenbei bringt der Umbau weitere Einsparungen: Bis zum Herbst 2016 sollen die Kosten um eine Milliarde Euro sinken.

Welche Rolle spielte der Poker um Alstom?

Beide Baustellen haben zunächst wenig miteinander zu tun. Die Pläne für den Umbau, den Kaeser dem Aufsichtsrat vorlegte, reiften spätestens seit dem Wechsel des früheren Finanzvorstands an die Spitze von Siemens. Wären die Münchner bei den Franzosen zum Zuge gekommen, hätte Kaeser wohl ein weiteres Mal größere Umbauarbeiten beginnen müssen.

Kaeser hält die Kürzungen für unvermeidlich. Diese würden aber „überlegt und sozialverträglich“ verwirklicht, sagte der Siemens-Chef der Deutschen Presse-Agentur. Hintergrund dieser „zweiten Welle“ sei die neue Situation im Stromerzeugungsgeschäft. „In Deutschland ist im Wesentlichen vor dem Hintergrund der Energiewende die Nachfrage für große Gaskraftwerke eingebrochen. Und auch im restlichen Europa ist es so, dass durch das geringe Wachstum dieser Länder und eine höhere Energieeffizienz der Bedarf insgesamt sinkt“, sagte Kaeser. Deshalb sei der europäische und deutsche Markt für fossile, große Turbinen „nicht mehr existent“. Das Unternehmen müsse „entsprechend eingreifen“.

Schwerpunkte der Protestaktionen sollten Duisburg, Berlin und Nürnberg sein. In Berlin kündigte Siemens-Gesamtbetriebsratschefin Birgit Steinborn dem Management einen entschlossenen Einsatz für die Arbeitsplätze an. „Wir brauchen Innovation und Motivation statt Kosteneinsparungen und Personalabbau“, rief Steinborn der Belegschaft bei einer Kundgebung zu. „Darum werden wir kämpfen wie die Bären.“

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Siemens: Umbau oder doch nur Abbau?

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Nach Angaben der IG Metall versammelten sich vor der Berliner Siemens-Verwaltung rund 1500 Beschäftigte, um gegen Kürzungspläne des Vorstands zu demonstrieren. Bisher waren Arbeitnehmervertreter davon ausgegangen, dass an dem Standort insgesamt rund 800 Jobs im Gasturbinen-Werk auf der Kippe stehen, nun wird der Wegfall weiterer 600 Arbeitsplätze im Schaltwerk von Siemens befürchtet. Ein Unternehmenssprecher wollte dies nicht näher kommentieren, sagte aber: „Ich kann diese Angaben nicht nachvollziehen.“

In Nürnberg beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben rund 1200 Beschäftigte an einer Protestaktion. Dabei warnte Bayerns IG-Metall-Bezirkschef Jürgen Wechsler davor, zugunsten kurzfristiger Sparmaßnahmen zentrale Bereiche im Kerngeschäft von Siemens zu schwächen. Das sei ein „Spiel mit dem Feuer“, mahnte Wechsler.


Von

dpa

Kommentare (1)

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Herr Hans Mayer

09.06.2015, 12:13 Uhr

Dürfte doch für die Beschäftigten kein Problem sein, es werden doch Händeringend Facharbeiter gesucht, die kommen sogar schon per Seereise aus Afrika herüber, also ich verstehe das Jammern nicht, die haben doch morgen alle einen neuen Job und bei großem Bedarf an Fachkräften kann man doch gut in Gehaltsverhandlungen reingehen.
Oder ist es vielleicht doch ganz anders?

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