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10.08.2012

11:46 Uhr

Strategiewende

Neuer Chef krempelt RWE um

Der Energiekonzern RWE ist wegen des Atomausstiegs unter Druck. Der neue Konzernchef Terium steuert dagegen. Bislang verlief der Prozess recht geräuschlos. Doch nun plant Terium offenbar neue Stellenstreichungen.

Der neue RWE-Chef Peter Terium. dapd

Der neue RWE-Chef Peter Terium.

DüsseldorfDer neue RWE -Chef Peter Terium treibt wenige Wochen nach seinem Amtsantritt den Abbau Tausender Arbeitsplätze bei dem durch die Atomwende unter Druck geratenen Versorger voran. Terium wolle bis Ende 2014 rund 2400 weitere Stellen streichen, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person aus dem Unternehmen am Freitag der Nachrichtenagentur Reuters. Das habe der Vorstand am Donnerstag beschlossen. Kürzen wolle der Manager vor allem bei Verwaltungsaufgaben wie dem Rechnungs-, Finanz- und Personalwesen.

Die jetzigen Pläne kommen zu dem bereits im Herbst 2011 angekündigten Abbau von 8000 Jobs hinzu. Der erst im Juli angetretene RWE-Chef will den Versorger auch weiter umbauen. So soll das Kraftwerksgeschäft Anfang 2013 länderübergreifend in eine europäische Aktiengesellschaft ausgelagert werden. RWE lehnte auch dazu einen Kommentar ab.

Der zweitgrößte deutsche Energiekonzern legt am Dienstag seine Zahlen für das erste Halbjahr vor. Es wird erwartet, dass Terium dann seine Pläne vorstellt. Über Details will der Manager mit den Arbeitnehmervertretern beraten. Die Gewerkschaft Verdi hatte befürchtet, dass bis zu 5000 weiteren Jobs streichen will. "Das ist viel zu hoch angesetzt", hatte Reuters bereits zuvor aus Konzernkreisen erfahren.

Das sind die Stärken und Schwächen von RWE

Schwäche 1: CO2-Emissionen

Der Atomausstieg macht RWE an einer Stelle besonders stark zu schaffen – wenn es um die CO2-Emissionen geht. Ex-RWE-Chef Jürgen Großmann hatte lange gehofft, durch eine Verlängerung der Laufzeiten bei den Kernkraftwerken möglichst viel CO2-freien Strom produzieren zu können. Doch nach der Atomkatastrophe von Fukushima ist klar: Der Energiekonzern wird nach wie vor sehr stark abhängig von seinen Kohlekraftwerken und damit auch der größte Emittent des klimaschädlichen Kohlenstoffdioxids bleiben. So hat der Konzern im vergangenen Jahr insgesamt 161,9 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. Das sind zwar knapp zwei Prozent weniger als 2010. Doch nur für 116,6 Millionen Tonnen hat RWE kostenlos Zertifikate zugeteilt bekommen. Für den Rest, also 45,3 Millionen Tonnen, musste der Versorger Zertifikate erwerben – und dafür rund 600 Millionen Euro bezahlen.

Schwäche 1: Kohlendioxid-Zertifikate

Doch während RWE heute noch fast drei Viertel der Verschmutzungsrechte kostenlos erhält, muss der Konzern sich darauf einstellen, ab 2013 für alle Zertifikate zu bezahlen. Wie hoch die Mehrbelastung für RWE dadurch sein wird, ist schwer vorauszusagen. Denn allein im Jahr 2011 schwankten die Preise zwischen 7,40 Euro und über 17 Euro pro Tonne. Für den Teil, den RWE bisher noch gratis erhalten hat, wären das Kosten zwischen gut 860 Millionen und knapp zwei Milliarden Euro.

Schwäche 2: Steigende Verschuldung

Der Anstieg der Verschuldung ist ein weiterer Punkt, der dem ehemaligen RWE-Chef Jürgen Großmann angekreidet wird. Denn in seiner Amtszeit haben sich die Nettoschulden deutlich erhöht. Während sie im Jahr 2007 noch bei 16,51 Milliarden Euro lagen, betrugen sie Ende 2011 dagegen stolze 29,95 Milliarden Euro. Die Nettoschulden beinhalten alle Finanzschulden wie etwa Anleihen und Bankkredite abzüglich der flüssigen Mittel. Hinzu kommen Rückstellungen für Pensionen und die Entsorgung im Kernenergiebereich sowie bergbauliche Rückstellungen. Die Nettoschulden machten 2011 175 Prozent des Eigenkapitals und das 3,5-Fache des Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) aus.

Schwäche 2: Rating-Abstufung droht

Trotz bereits erfolgter Abstufungen – unter anderem weil die Belastungen durch den Atomausstieg ansteigen – sind die externen Ratings noch ordentlich: Moody’s vergibt ein A3, S&P ein A– und Fitch ein A. Alle drei Ratingagenturen haben ihre Bonitätsnoten aber mit einem negativen Ausblick versehen. Bekommt der Energieriese seine Verschuldung nicht in den Griff, könnte es mit den Ratings weiter abwärtsgehen.

Schwäche 3: Investitionen nicht aus Eigenmitteln

RWE investiert regelmäßig mehr Geld, als der Konzern im operativen Geschäft erwirtschaftet. Im Jahr 2011 standen dem operativen Cash-Flow von 5,5 Milliarden Euro Investitionen in Sachanlagen und immaterielle Vermögenswerte von 6,4 Milliarden Euro gegenüber. Der sogenannte freie Cash-Flow lag somit bei minus 843 Millionen Euro. Ein Jahr zuvor waren es sogar minus 879 Millionen Euro. Konkurrent Eon kam 2011 dagegen auf einen positiven Free Cash-Flow von 394 Millionen Euro, 2010 waren es sogar über drei Milliarden Euro. Der operative Cash-Flow von RWE ist im abgelaufenen Jahr aber relativ konstant geblieben.

Schwäche 3: Kapitalerhöhung für Dividende

Das niedrigere Ergebnis konnte RWE durch eine effiziente Steuerung des Nettoumlaufvermögens ausgleichen. Die Investitionen waren ebenfalls ähnlich wie 2010. Um den Aktionären die Dividende in Höhe von 1,9 Milliarden Euro zahlen zu können, hat RWE daher eine Kapitalerhöhung vorgenommen, bei der dem Konzern 2,1 Milliarden Euro zugeflossen sind. Zugleich hat der Energieriese die Schulden erhöht, indem er eine fällige Anleihe von 1,5 Milliarden Euro durch Ausgabe von Commercial Papers in Höhe von 2,9 Milliarden Euro refinanziert hat. Insgesamt sind so die flüssigen Mittel im Berichtsjahr um 526 Millionen Euro zurückgegangen. Im Vorjahr lag der Rückgang sogar bei 539 Millionen Euro.

Stärke 1: Braunkohle sehr rentabel

RWE musste durch den Atomausstieg zwar unmittelbar auf zwei Kernkraftwerke verzichten. Dafür laufen die Braunkohleanlagen des Konzerns aber auf Hochtouren. Braunkohlekraftwerke sind genauso wie Kernkraftwerke bestens geeignet, die sogenannte Grundlast – den gut zu kalkulierenden Mindestbedarf an Strom – abzudecken. Denn sie laufen am besten rund um die Uhr. RWE hat besonders viele solcher Anlagen. 2011 lag der Anteil an der Stromerzeugung bei 36 Prozent. Der Konzern fördert den Brennstoff in seinen eigenen Tagebaubetrieben im Rheinland.

Stärke 1: Hohe Rohmarge bei Braunkohle

Nur Konkurrent Vattenfall hat ebenfalls eigene Braunkohle, in der Lausitz. Entsprechend günstig ist der Betrieb und ist die Rohmarge hoch – obwohl RWE für die Braunkohlekraftwerke viele Emissionszertifikate einsetzen muss. Analysten schätzen die Brennstoffkosten je produzierter Megawattstunde (MWh) derzeit auf zwölf Euro. Hinzu kommt ein aktuell niedriger Preis für das CO2-Zertifikat von 7,50 Euro. Bei einem Strompreis im Großhandel von 51 Euro je MWh Grundlaststrom bleibt eine Rohmarge von über 30 Euro. Zum Vergleich: Bei Atom summieren sich die Kosten für Brennstoff und Atomsteuer auf 25 Euro, bei Steinkohlekraftwerken kosten Brennstoff und CO2-Zertifikat 42 Euro. Gaskraftwerke sind in der Grundlast derzeit sogar unrentabel. Hier liegen die Kosten bei 58 Euro.

Stärke 2: Hohe Dividende

Natürlich klatschen die Aktionäre regelmäßig Beifall, wenn auf der Hauptversammlung die Dividende erwähnt wird. Für 2011 bekommen sie nur zwei Euro je Aktie ausgeschüttet. Im Vorjahr waren es noch 3,50 Euro gewesen. Aber mehr konnten die Anteilseigener in Anbetracht des schwierigen Jahres auch nicht erwarten. Das nachhaltige – um Sondereffekte bereinigte – Nettoergebnis sank schließlich um 34 Prozent auf rund 2,5 Milliarden Euro.

Stärke 2: Dividendenrendite

RWE verspricht seinen Aktionären stets 50 bis 60 Prozent des nachhaltigen Nettogewinns auszuschütten, in diesem Jahr sind es 50 Prozent. Bezogen auf den berichteten Nettogewinn von knapp 2,2 Milliarden Euro entspricht die Dividendensumme von 1,2 Milliarden sogar 57 Prozent. RWE gehört damit zu den stärksten Dividendenzahlern im Dax. Die Dividendenrendite – das Verhältnis von Dividende zu Aktienkurs – lag zum Bilanzstichtag im Dezember bei 7,4 Prozent. Bei Eon waren es sechs Prozent. Die Aktionäre können sich darauf verlassen, dass RWE auch künftig in der Spitzengruppe bleiben wird. Darauf achten nicht zuletzt die kommunalen Aktionäre – Städte an Rhein und Ruhr, die über 20 Prozent der Anteile halten. Sie brauchen die Dividenden für ihren Haushalt – und pochen stets im Aufsichtsrat auf üppige Ausschüttung.

Stärke 3: Dea schreibt starke Gewinne

Die Konzerntochter RWE Dea, die in der Öl- und Gasförderung tätig ist, konnte ihr Geschäft im Jahr 2011 deutlich ausbauen. Dabei profitierte das Unternehmen von den verhältnismäßig hohen Öl- und Gaspreisen. So legte die Ölförderung 2011 um neun Prozent zu, die Gasproduktion ging allerdings leicht um vier Prozent zurück. Besonders Rohöl war aber ein teurer Rohstoff. Der Preis für ein Barrel des Referenzöls Brent erreichte im Jahresdurchschnitt ein Niveau von rund 111 Dollar. Das bedeutete eine Steigerung von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Vor allem die steigende Nachfrage aus Asien sowie die politischen Unruhen im Nahen Osten trugen zu dieser Einwicklung bei. Daher konnte das Unternehmen den Außenumsatz um 31 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro steigern, das Betriebsergebnis sogar um 83 Prozent auf 558 Millionen Euro. Die operative Marge legte von 20,5 auf 28,7 Prozent zu.

Stärke 3: Dea-Überschuss soll steigen

Dea ist Verbrauchern vor allem noch als Tankstellenkette in Erinnerung. 2002 wurde die Kette von Shell übernommen - und die Tankstellen ab 2004 umgeflaggt. Heute gibt es aus Markengründen nur noch eine Dea-Tankstelle in Haltern am See. RWE Dea konzentriert sich seitdem auf das Upstream-Geschäft. Zeitweise plante der RWE-Konzern zwar, Dea ganz oder teilweise zu verkaufen, um die hohe Verschuldung in den Griff zu bekommen und mehr Spielraum für Belastungen aus dem Atomausstieg und der Brennelementesteuer zu haben. Ein Komplettverkauf ist inzwischen vom Tisch. Trotzdem will der Konzern einige Lizenzen der Tochter zu Geld machen. Das betriebliche Ergebnis von RWE Dea soll 2012 dennoch weiter steigen.

Terium hat angekündigt, seine Pläne sozialverträglich umzusetzen. Auf betriebsbedingte Kündigungen wolle er aber nicht ausdrücklich verzichten, sagte der Insider. Damit wolle der Niederländer den Druck auf die Beschäftigten aufrecht erhalten, Jobangebote auch an anderen Standorten anzunehmen.

Terium hatte Anfang Juli den Chefposten von Jürgen Großmann übernommen. Der ruhig und zurückhaltend auftretende Manager hatte bereits früh klar gemacht, dass RWE in einigen Jahren anders aussehen wird als bislang. "Wir werden mittel- bis langfristig das Geschäft mit weniger Personal betreiben können und müssen", sagte er. Wenn die Kürzungen wie geplant umgesetzt werden, wird der Konzern in wenigen Jahren noch gut 61.000 Mitarbeiter beschäftigen statt derzeit 72.000.

Der Jobabbau bei RWE hat damit in etwa dieselbe Größenordnung wie der des Konkurrenten E.ON. Dort hatte Vorstandschef Johannes Teyssen bereits vor einem Jahr die Axt an bis zu 11.000 Jobs gelegt und mit dieser überraschenden Ankündigung die Arbeitnehmervertreter auf die Barrikaden gebracht.

Bei RWE läuft der Prozess bislang geräuschloser. Dieser ist auch bereits im Gange. Neue Kohlekraftwerke werden mit weniger Personal gesteuert. Auch in dem durch die Atomwende abgeschalteten Atomkraftwerk Biblis wird das Personal reduziert. Von den bereits angekündigtem Abbau von 8000 Stellen solle rund 3000 über Beteiligungsverkäufe aus dem Konzern fallen.

Nach dem Verkauf der Netztöchter Amprion und Thyssengas haben bereits rund 1100 das Unternehmen verlassen. Zudem habe RWE seit dem vergangenen Jahr bereits 1600 Stellen nicht wieder besetzt, verlautete aus Konzernkreisen. "Die sind also bereits weg."

Die Gewerkschaften Verdi und IGBCE fordern dennoch die Verlängerung der Ende des Jahres auslaufenden Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung bis Ende 2023. Terium lehne eine solche Dauer ebenso ab, auch wolle er nicht die Regelungen auf Minderheitsbeteiligungen wie Amprion und Thyssengas ausweiten, hatte ein mit den Verhandlungen vertraute Person Reuters gesagt.

Die jetzt zusätzlich geplante Bündelung oder Verlagerung von Arbeitsplätzen soll dazu beitragen, die Kosten in den kommenden Jahre um eine weiter Milliarde Euro zu drücken. RWE macht neben der Atomwende auch sein schwächelndes Gasgeschäft zu schaffen, für das der Konzern noch keine Lösung gefunden hat.

Terium will derweil im Rahmen des Projekts "Julio II" auch eine länderübergreifende Erzeugungsgesellschaft gründen, wodurch rund 100 Millionen Euro eingespart werden sollen. "Das Konzept des Julio-II-Projektteams sieht vor, die deutschen Steinkohle- und Gaskraftwerke der RWE Power in die europäische Erzeugungsgesellschaft einzubringen, die ihren Sitz in Deutschland haben soll", heißt es in einem Reuters vorliegenden internen Papier des Konzerns. Die Tochter mit Sitz in Nordrhein-Westfalen soll in der Form einer europäischen Aktiengesellschaft (SE) Anfang 2013 an den Start gehen.

Von

rtr

Kommentare (12)

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Hurra

09.08.2012, 22:30 Uhr

Geil: RWE
Weiter so.
Bravo.
Super Kommunikationsmanagement.
Klasse.
Excellented.
Sozusagen Oberklasse.
Im Management deutscher Unternehmen werden weitere Blödians, am besten gebuildete Blödiane stets gerne gesucht.
Dass Aktionäre doof sind: no doubt.
Einfach nur fein: zu So einem Kommunikationsmanagement kann man doch nur gratulieren.

juhuuu

09.08.2012, 22:33 Uhr

Kinder: macht weiter so.
Dann haben wir bald Bürgerkrieg.

Joker1

09.08.2012, 22:42 Uhr

Immer die gleiche Masche.
Wenns mangels Intelligenz und Weitsicht einfach nicht
reicht um stabil am Markt zu sein, obwohl RWE zumindest
teileweise Monopolit ist, dann werden halt Menschen auf
die Straße gesetzt. Der "Pöbel" muß wieder Angst bekommen,
damit man weiter abassieren kann.Die Vorstände von RWE
werden sicherlich in nicht allzu ferner Zukunft ihr
persönliches Salär wieder nach oben anpassen; man hat ja
GR=SSES vollbracht. Weiter so, der Markt verlangts,
Innovation ist nicht, Gewinnmaximierung über ALLES.

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