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10.03.2017

12:49 Uhr

Strategische Allianz

Volkswagen verbündet sich mit Tata

Volkswagen und der indische Konkurrent Tata wollen in der Entwicklung enger zusammenarbeiten. Beide Autobauer haben eine Absichtserklärung für eine strategische Allianz unterzeichnet. An Details wird noch gefeilt.

Mit dem indischen Autoriesen unternimmt Volkswagen einen weiteren Anlauf, um in Schwellenländern Fuß zu fassen. AFP; Files; Francois Guillot

Tata-Billigwagen Nano

Mit dem indischen Autoriesen unternimmt Volkswagen einen weiteren Anlauf, um in Schwellenländern Fuß zu fassen.

HamburgVolkswagen verbündet sich mit dem größten indischen Autobauer Tata Motors. Die beiden Unternehmen unterzeichneten eine Absichtserklärung, um eine langfristige Partnerschaft auszuloten. Ziel der Allianz sei, in der Entwicklung von gemeinsamen Fahrzeugkomponenten bis hin zu ganzen Fahrzeugen zusammenzuarbeiten, teilten VW und Tata Motors am Freitag mit. Die Partner wollen zunächst in Indien zusammenarbeiten. Langfristig sollen gemeinsame Projekte auch in anderen Ländern angeboten werden. Auch andere Autobauer liebäugeln mit Billigfahrzeugen und haben als Märkte neben Indien weitere Schwellenländer in Asien und in Lateinamerika im Auge.

Tata Motors ist in Europa durch die zugekauften Nobelmarken Jaguar und Land Rover bekannt. In Indien bietet der Kleinwagenspezialist unter anderem den Billigwagen Nano an, der ab 3000 Dollar zu haben ist. „Mit der beabsichtigen strategischen Partnerschaft mit Tata Motors wollen wir konzern- und markenübergreifend die Voraussetzungen schaffen, um kundenadäquate Mobilitätslösungen auch für die neuen, schnell wachsenden Automobilmärkte anbieten zu können“, erklärte Volkswagen-Chef Matthias Müller.

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Mit Hilfe von Tata will VW den Durchbruch in Indien schaffen. Im Interview erklärt der deutsche Chef des indischen Autokonzerns, was er sich davon erhofft und wie er über den schwierigen Heimatmarkt hinaus wachsen will.

Auf Seiten der Wolfsburger übernimmt die auf günstige Fahrzeuge spezialisierte VW-Tochter Skoda die Verantwortung für die Zusammenarbeit mit Tata. Die Details der Zusammenarbeit sollen in den nächsten Monaten erarbeitet werden. Bis dahin haben VW und Tata Stillschweigen vereinbart.

Mit dem indischen Autoriesen unternimmt Volkswagen einen weiteren Anlauf, um in Schwellenländern Fuß zu fassen. Die Wolfsburger hatten sich vor einigen Jahren mit dem japanischen Autobauer Suzuki zusammengetan, der mit seiner Beteiligung Maruti in Indien stark vertreten ist. Die Allianz ging jedoch in die Brüche, weil sich Suzuki von Volkswagen dominiert sah.

Der bevölkerungsreiche Subkontinent gilt als Dorado für Billigautos, noch dazu ist die Zahl der Fahrzeuge in dem riesigen Markt relativ gering. Doch in den vergangenen Jahren haben sich die immer wieder aufkeimenden Hoffnungen der Autobranche für Indien nicht erfüllt. Weltweit liegt Indien nach Daten des Verbandes der Automobilindustrie bei den Pkw-Zulassungen auf Rang fünf hinter Deutschland.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

„Wer in Indien erfolgreich sein will, braucht das Budget Car“, schreibt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen in einer Analyse. Dies sei der Hauptgrund, warum dort Maruti-Suzuki „mit 47 Prozent Marktanteil unangefochtener Marktführer“ sei. Knapp zwei Drittel der in Indien verkauften Fahrzeuge kosteten weniger als 5000 Dollar. Die Aussichten für den Markt sind nach Dudenhöffers Ansicht rosig: Das Land werde sich in den nächsten zehn Jahren systematisch weiterentwickeln, wenn auch nicht so dynamisch wie China. 2025 werde Indien mit 4,7 Millionen Pkw-Verkäufen der drittgrößte Automarkt der Welt sein, hinter China und den USA.

„Für die langfristige Wachstumsstrategie eines Autobauers wird es von entscheidender Bedeutung sein, im Low-Cost-Segment vertreten zu sein“, sagt Auto-Professor Dudenhöffer. In der Branche nehmen die Vorstöße in Richtung Billigauto wieder. General Motors, die bisherige Opel-Mutter, werkelt gemeinsam mit dem Partner Shanghai Automotive an einem Low-Cost-Fahrzeug für Schwellenländer. Die PSA-Gruppe, der künftige Mutterkonzern von Opel, will sich in Indien mit dem lokalen Unternehmen CK Birla zusammentun, um Autos und Motoren zu produzieren. Toyota, von VW als weltgrößter Autobauer überrundet, prüft eine Kooperation mit Suzuki.

Vorbild für viele Hersteller ist der Billigauto-Champion Renault. Die Franzosen führen - unter den neidischen Blicken der ganzen Branche - vor, wie man mit kleinen, günstigen Einstiegsmodellen kräftig wächst und dabei auch noch Rekordgewinne einfährt. Der Trick: Die Technologie ist alt, aber voll abgeschrieben, und zusammengebaut werden die Fahrzeuge der Marke Dacia in Niedriglohn-Ländern. Die Führung im Klein- und Billigsegment könnte Renault jetzt noch mit bezahlbaren Elektroautos für China ausbauen.

Von

rtr

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