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08.02.2017

15:34 Uhr

Streit über Zukunftspakt

VW-Betriebsrat macht Management schwere Vorwürfe

VW kommt nicht zur Ruhe: Der Zukunftspakt des Konzerns sorgt für tiefe Zerwürfnisse zwischen Betriebsrat und Management. Die Arbeitnehmer werfen Markenchef Herbert Diess schweren Vertrauensbruch vor.

Die Arbeitnehmerseite wirft VW-Markenchef Herbert Diess den Bruch von Vereinbarungen vor. dpa

Herbert Diess

Die Arbeitnehmerseite wirft VW-Markenchef Herbert Diess den Bruch von Vereinbarungen vor.

HamburgDas erst vor kurzem beschlossene Sparpaket der Volkswagen-Kernmarke sorgt innerhalb des Unternehmens für neuen Streit. Der Betriebsrat des Autobauers droht dem Management in einem Brief, den mühsam ausgehandelten Plan platzen zu lassen.

Ein Sprecher des Betriebsrates bestätigte am Mittwoch die Existenz eines solchen Briefes. Das „Manager-Magazin“ hatte zuvor darüber berichtet. Die Arbeitnehmerseite wirft VW-Markenchef Herbert Diess den Bruch von Vereinbarungen vor. Unter anderem habe Diess einen Stopp des in bestimmten Bereichen vereinbarten Personalaufbaus angeordnet. Das verstoße gegen Abmachungen, hieß es in dem Brief.

Der Vorstand unterlaufe mit seinem Handeln die Beschlüsse des „Zukunftspaktes“, so der Vorwurf. Er setze damit gegenüber dem Betriebsrat auf Konfrontation anstatt auf Konsens. So lasse der Vorstand keine Gelegenheit aus, die im „Zukunftspakt“ vereinbarte Zahl von 980 Zeitarbeitskräften, die bis Ende 2017 abgebaut werden soll, infrage zu stellen.

Was der Zukunftspakt für die VW-Standorte bedeutet

Wolfsburg

Bis 2020 sollen am Stammsitz rund 1000 Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern entstehen. Der nächste Golf 8 für die USA soll in Wolfsburg gefertigt werden, außerdem ein SUV für die spanische Tochter Seat. In anderen Bereichen läuft die Fertigung bis 2022 aus – unter anderem beim Lenkstangenrohr und der Räderfertigung.

Kassel

Das größte Teilewerk des Konzerns soll im VW-Konzern das Leitwerk für den Elektro-Antriebsstrang werden – samt Entwicklungsaufgaben. Zudem sollen in Nordhessen auch mehr Ersatzteile gefertigt werden.

Salzgitter

Das Motorenwerk in Salzgitter gilt als einer der Verlierer aufkommender E-Antriebe. Der Standort soll daher die Federführung bei der Entwicklung von Batteriezelltechnologien erhalten und – soweit wirtschaftlich tragbar – auch die Serienfertigung der Zellen. Die Produktion von Hauptkomponenten für E-Motoren soll sich Salzgitter mit Kassel teilen.

Emden

Ab 2019 soll Emden ein viertes Modell bekommen, um die Auslastung des Werkes an der Küste zu sichern. Im Zuge der Abgasaffäre hatte VW im März angekündigt, die Verträge von 2150 Leiharbeitern nicht zu verlängern.

Hannover

Die Gießerei und der Bereich Wärmetauscher standen auf dem Prüfstand, bleiben aber erhalten und sollen auch Komponenten für die E-Antriebe der Zukunft liefern. Zudem wird in der Gießerei der 3D-Druck von Teilen angesiedelt. In beiden Bereichen fallen jedoch Stellen weg.

Braunschweig

Das Werk bekommt die Entwicklung für Batteriesysteme in den Produktionsbaukästen des Konzerns sowie die Montage von einigen Batterien. Zudem soll die Produktion von Lenkungen ausgebaut werden. Die Kunststofffertigung wird dagegen bis 2021 eingestellt, auch Fahrwerke werden wohl Arbeit verlieren.

Zwickau

Neue Golf-Modelle sollen auch weiter in Zwickau gebaut werden, zudem soll das Werk ein Elektromodell erhalten. Dennoch wird die Zahl der Beschäftigten sinken.

„Es ist richtig: Kaum ist die Tinte unter den Verträgen trocken, wird hier seitens des Markenvorstands eklatant gegen Vereinbarungen und Geist des Zukunftspaktes verstoßen“, sagte ein Sprecher des Konzernbetriebsrats auf Anfrage. „Damit ist die Vertrauensbasis, die es zur Umsetzung des Zukunftspaktes braucht, schwer vom Vorstand beschädigt worden.“

Auch von IG-Metall-Chef Jörg Hofmann – Mitglied des VW-Aufsichtsrats – kam Kritik: „Einen verbindlich geschlossenen Pakt einfach so zu hintergehen, ist nicht akzeptabel.“ Er fordere Diess auf, sich an den vereinbarten Rahmen zu halten.

Das Unternehmen zeigte sich zunächst unbeeindruckt. „Der Zukunftspakt wird erfolgreich umgesetzt“, teilte ein Sprecher mit. „Davon sind wir unverändert fest überzeugt.“ Auf dem Weg werde es auch Diskussionen mit unterschiedlichen Positionen geben, die aber gemeinsam geklärt würden.

Mit dem „Zukunftspakt“ getauften Sparprogramm soll die renditeschwache Kernmarke des Wolfsburger Konzerns auf mehr Profit getrimmt werden. Dazu sah der Pakt bis 2025 unter anderem die Streichung von bis zu 30.000 Jobs weltweit vor. Der Autobauer will dies ohne betriebsbedingte Kündigungen schaffen – etwa über eine stärkere Nutzung von Altersteilzeit.

Zudem sollen 9000 Stellen etwa für Software-Entwickler geschaffen werden - per Saldo verringert sich der Abbau in Deutschland so auf 14.000 Arbeitsplätze. In dem Pakt spiegelt sich auch der nötige Umbau von Volkswagen in Richtung Elektromobilität, Digitalisierung und Dienstleistungen wider.

Betriebsrat und Management hatten über Monate um die Details gerungen – mit anfangs erheblichen Misstönen zwischen Diess und Betriebsratchef Bernd Osterloh. Dabei ging es um inhaltliche Fragen, aber auch um die Art der Kommunikation und die Form der Zusammenarbeit.

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