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24.11.2015

17:55 Uhr

Streit um Emissionen

DUH wirft Renault zu hohe Abgaswerte vor

Nach Opel hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) nun auch Renault wegen angeblich erhöhter Abgaswerte kritisiert. Doch Prüfer distanzieren sich von den Attacken der nichtstaatlichen Organisation.

Dieselgate, VW und die Folgen: Erhöhte Schadstoffwerte nicht nur bei Volkswagen

Dieselgate, VW und die Folgen

Erhöhte Schadstoffwerte nicht nur bei Volkswagen

Das Kraftfahrt-Bundesamt prüft nicht nur die manipulierten Diesel von Volkswagen – auch die Autos anderer Hersteller nehmen die Kontrolleure unter die Lupe. Offenbar gibt es dabei erste Auffälligkeiten.

BerlinDie Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat nach Opel nun auch den französischen Autobauer Renault wegen angeblich deutlich erhöhter Abgaswerte scharf kritisiert. Bei einem von der DUH in Auftrag gegebenen Emissionstest an der Berner Fachhochschule in der Schweiz habe das 2015er Modell Espace 1.6 dCi, das die strenge Euro-6-Norm einhalten soll, die zulässigen Grenzwerte für den Ausstoß von Stickoxid (NOx) in einigen Fällen um das bis zu 25-fache überschritten. Dabei handele es sich um Messungen im Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ) mit warmem Motor, teilte die nichtstaatliche Umweltorganisation am Dienstag in Berlin mit.

Renault bestritt, dass die Schlussfolgerungen der DUH zutreffen. In einer schriftlichen Stellungnahme teilte der französische Hersteller am Dienstagnachmittag mit, der Espace halte wie alle anderen Renault-Fahrzeuge die geltenden Vorschriften ein. Die angewandten Tests stimmten nicht alle mit der europäischen Gesetzgebung überein und wiesen eine deutliche Streuung auf. Das mache, wie im Bericht selber stehe, „zusätzliche Messungen“ erforderlich und könne nicht als hieb- und stichfeste Aussage angesehen werden. Im August habe der ADAC den Espace getestet und die Ergebnisse veröffentlicht : Danach halte der Wagen die EU-Normen ein.

Die Geheimtricks bei Abgastests

Der Vorwurf

Dieser Vorwurf der US-Behörden wiegt schwer: Volkswagen soll auch bei aktuellen Motoren in den USA illegale Software einsetzen. Der Konzern halte Angaben zu den Programmen gezielt zurück, sagen die US-Abgaswächter. Die US-Umweltschutzbehörde EPA wirft dem VW-Konzern vor, auch bei Sechszylinder-Dieselmotoren mit 3,0 Litern Hubraum eine verbotene Software einzusetzen. Sollte der neue Vorwurf zutreffen, würde das den Abgas-Skandal zuspitzen. Denn dann käme die Abgas-Affäre in der Gegenwart bei aktuellen Motoren an. Auch die VW-Renditeperle Porsche geriete in den Strudel. Doch VW dementiert. Die Fragen und Antworten:

Wer ist die EPA und was macht sie?

Autobauer müssen bei der US-Umweltschutzbehörde EPA (United States Environmental Protection Agency) ihre Modelle testen lassen, um eine Genehmigung für den Verkauf zu erhalten. Die EPA hatte den Skandal um millionenfach manipulierte Diesel aus dem VW-Konzern losgetreten, als sie im September auf eine versteckte Software beim Vierzylinder-Motor EA 189 hinwies. Das Programm erkennt, dass die Autos für Abgastests auf dem Prüfstand sind und aktiviert einen Sparmodus, bei dem weitaus weniger Stickoxid ausgestoßen wird. Für das Gas gelten in den USA besonders strikte Grenzwerte. Volkswagen räumte die Vorwürfe ein.

Welche Dimension hat der jüngste Vorwurf?

Anfangs hatte die EPA in den USA nur den Vierzylinder-Motor EA 189 mit 2,0 Liter Hubraum im Visier und es ging um die Modelljahre 2009 bis 2015. Inzwischen wirft die US-Behörde dem Autobauer auch vor, bei Sechszylinder-Dieseln mit 3,0 Liter Hubraum zu tricksen – und es geht auch um das aktuellste Modelljahr, also um frisch gebaute Wagen.

Welche Modelle sind unter der EPA-Lupe?

Die Geländelimousinen VW-Touareg, Porsche Cayenne und Audi Q5 sowie die Limousinen Audi A6 Quattro, Audi A7 Quattro, Audi A8 und dessen Langversion. Rund 10 000 Wagen sind seit dem Modelljahr 2014 laut EPA verkauft worden, hinzu komme eine „unklare Zahl“ aktueller Modelle.

Was hält die EPA bisher in der Hand?

Die Behörde hat laut eigenen Angaben am 25. September – also eine Woche nach dem ersten Vorwurf gegen VW – alle Autobauer informiert, dass sie flächendeckend nach ähnlichen verbotenen Softwareprogrammen suche. Die EPA schreibt dazu: „Diese Tests haben erhebliche Bedenken ausgelöst über das Vorhandensein illegaler Abschalteinrichtungen in zusätzlichen Fahrzeugen von VW-Pkw, Audi und Porsche. (...) Es handelt sich um ein sehr ernsthaftes Thema für das Gesundheitswesen.“

Was sagt der VW-Konzern zu dem Vorwurf?

Der Autobauer teilte noch am Montagabend mit, dass nichts Illegales in den Fahrzeugen stecke: „Die Volkswagen AG betont, dass keine Software bei den 3-Liter-V6-Diesel-Aggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern.“ Volkswagen werde mit der EPA „vollumfänglich kooperieren“, um alles aufzuklären.

Was ist der Kern des Problems, bei dem Aussage gegen Aussage steht?

Es geht um das komplexe Management für Motor, Getriebe und Abgase. Dabei greifen Softwarelösungen andauernd ein, nicht nur bei VW. Ein Motor muss etwa wissen, in welcher Höhe er unterwegs ist, weil das die Sauerstoffsättigung ändert. Für bestimmte Auslastungsbereiche führt die Steuerung auch Abgase zurück und verbrennt sie erneut.

Warum das geschieht?

Zum Beispiel wegen des Temperaturmanagements oder um gezielt Stickoxide zu reduzieren – ist hoch kompliziert und für Laien nicht zu beurteilen. Die Wolfsburger jedenfalls betonen in Reaktion auf den EPA-Vorwurf, es sei nichts geschehen, „um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“. Bei dem kleineren Dieselmotor mit 2,0 Liter Hubraum räumte VW die Vorwürfe dagegen ein und gab zu, ein „defeat device“ zu nutzen, als ein Instrument für eine gezielte Veränderungen in der Testsituation. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) spricht dabei von einer „unzulässigen Abschalteinrichtung“.

Wie belegt die EPA, dass es sich um ein „defeat device“ handelt?

Die Behörde sagt, sie habe ihre Testmethoden daraufhin verfeinert, mögliche „defeat devices“ aufzuspüren. Und sie wirft VW vor, die verbotene Software ganz gezielt so ausgelegt zu haben, dass sie die Testprozedur in den USA erkennt und dann eingreift. Und die EPA behauptet, VW habe an der fraglichen Stelle Transparenz vermieden und Informationen zurückgehalten: „Die Software in diesen Fahrzeugen beinhaltet ein oder mehrere Zusatz-Instrumente zur Abgas-Kontrolle, die der Konzern bei der Zulassung der Modelle nicht offengelegt, beschrieben und begründet hat.“ VW fasst im Konjunktiv zusammen, dass „eine Software-Funktion vorhanden sei, die im Genehmigungsprozess nicht hinreichend beschrieben worden sei“. Zu dem konkreten Vorwurf der angeblich vorenthaltenen Informationen sagt VW bisher nichts.

Die DUH, von der FAZ kürzlich als „Krawallhilfe“ bezeichnet, hatte bereits im Oktober - unabhängig vom Abgas-Skandal bei Volkswagen - ähnliche Vorwürfe gegen Opel erhoben, die das Unternehmen jedoch zurückwies, und den Gegenbeweis antrat. So hatten die Rüsselsheimer im Beisein des TÜV Hessen einen Zafira mit 1,6-Liter-Dieselmotor einer Abgasmessung auf einem Vier-Rollen-Prüfstand unterzogen, bei welcher die Hinterräder betrieben werden. Hierbei wurden gesetzeskonforme Abgaswerte erzielt. 

„Verzerrt, unvollständig oder tendenziös“

Die Abgas-Prüfstelle der Fachhochschule Bern (AFHB), die die Werte im Auftrag ermittelt hatte, distanzierte sich von den Vorwürfen der DUH in Richtung Opel. „Die Fakten könnten aus unterschiedlichen Gründen verzerrt, unvollständig oder tendenziös sein“, schrieb Fachhochschul-Chef Professor Jan Czerwinski. Das Testprogramm sei von der Deutschen Umwelthilfe selbst geleitet worden, nicht von der AFHB.

Abgaswerte von Fahrzeugen stehen derzeit besonders auf dem Prüfstand, nachdem VW zugegeben hat, in Millionen Dieselfahrzeugen eine Software zur Manipulation von Abgastests eingesetzt zu haben. Das Kraftfahrt-Bundesamt prüft derzeit auch die Schadstoffwerte vieler anderer Hersteller. Manipulationen von Testergebnissen wie bei VW schlossen die Autobauer strikt aus.

Opel hatte bei dem Test des Zafira moniert, dass die DUH nicht transparent und unseriös agiere. Sie stelle Behauptungen auf, ohne trotz mehrfacher Aufforderung die angeblich gemessenen Werte zur Verfügung zu stellen.

Einnahmen durch Bußgelder und Klagen

Die DUH mahnt in großem Umfang Autohändler kostenpflichtig ab, die sich in Verkaufsanzeigen nicht peinlichst an die Energiekennzeichnungsvorschriften halten. In seinem Jahresbericht 2014 erklärt der Verein seine Finanzierung u.a. mit „Einnahmen des Verbraucherschutzes, die zum größten Teil aus der Kontrolle von Unternehmen stammen, die gegen die Regeln der Energieverbrauchskennzeichnung verstoßen haben. Zuwendungen von Justizbehörden, sogenannte Bußgelder, tragen ebenso zu den Einnahmen bei“.

Unlängst hatte die DUH vor Gericht Klage gegen Köln, Bonn, Aachen, Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen, Frankfurt am Main und Stuttgart eingelegt, wegen angeblicher Überschreitung der Grenzwerte für die Stickstoffdioxidbelastung durch Autoabgase in den jeweiligen Innenstädten ein.

Außerdem strengte sie Vollstreckungsverfahren gegen das bayerische und das hessische Umweltministerium an, weil Darmstadt, München und Wiesbaden, die bereits gegen die DUH wegen zu hoher Luftqualitätswerte vor dem Kadi verloren hatten, ihre Umweltschutzpläne trotzdem bisher nicht entsprechend geändert hätten.

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