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10.03.2014

13:19 Uhr

Streit um Ritter-Sport-Aroma

Symrise gibt Stiftung Warentest nicht nach

Im Konflikt mit der Stiftung Warentest gibt sich der Aromenhersteller Symrise selbstbewusst. Man habe sich bei der Produktion des Vanille-Aromas für Ritter-Sport nichts vorzuwerfen. Ein Vergleich sei kein Thema.

Symrise denkt weiterhin, nichts falsch gemacht zu haben: Nach Firmenangaben wird das Symrise-Piperonal von einem Lohnhersteller aus einem Lorbeer-Gewächs gewonnen. dpa

Symrise denkt weiterhin, nichts falsch gemacht zu haben: Nach Firmenangaben wird das Symrise-Piperonal von einem Lohnhersteller aus einem Lorbeer-Gewächs gewonnen.

FrankfurtDer Aromen- und Duftstoffhersteller Symrise will den Streit um Vanille-Aroma für Ritter-Sport-Schokolade bis zum Ende durchfechten. Es werde keinen Vergleich mit der Stiftung Warentest geben, erklärte Symrise-Chef Heinz-Jürgen Bertram am Montag bei der Bilanz-Pressekonferenz des M-Dax-Konzerns in Frankfurt.

Die Verbraucherschutzorganisation hatte behauptet, das von Symrise gelieferte Vanille-Aroma sei nicht natürlichen Ursprungs und daher auf der Schokolade falsch deklariert. Diese Aussage wurde der Stiftung vom Landgericht München per einstweiliger Verfügung und einem angedrohten Ordnungsgeld von 250 000 Euro untersagt. Die Stiftung will den Rechtsstreit weiterführen und hat Berufung gegen die Entscheidung eingelegt, wie eine Sprecherin in Berlin bestätigte. Ein Termin stehe noch nicht fest.

Symrise habe bereits gegenüber der Lebensmittelaufsicht lückenlos nachgewiesen, dass der umstrittene Inhaltsstoff Piperonal natürlichen Ursprungs sei, sagte Bertram. „Wir sehen uns auf ganz sicherem Grund und haben alle Belege in der Hand, die wir brauchen.“ Das Unternehmen hatte bereits unmittelbar nach Bekanntwerden der Kritik eine Garantie-Erklärung abgegeben, dass das vom Kunden Ritter-Sport in der Sorte Voll-Nuss verwendete Aroma natürlichen Ursprungs sei.

Ritter Sport: Aroma oder natürliches Aroma?

Steckt in der Schokolade reine Vanille?

Meist sind es Aroma, natürliches Aroma oder Extrakt, die den Geschmack ausmachen. Für den Verbraucher ist es schwer, sich in diesem Begriffs-Dschungel auf der Verpackung zurechtzufinden. Der Rechtsstreit um ein angebliches chemisches Vanillearoma in der Voll-Nuss-Schokolade von Ritter Sport zeigt, dass Verbraucherschützer peinlich genau auf die richtige Kennzeichnung achten. Unterschieden wird vor allem zwischen „Aromen“ und „natürlichen Aromen“.

Was ist ein Aroma?

Steht allein „Aroma“ oder „Aromastoff“ auf der Verpackung, wurde dem Lebensmittel eine im Labor chemisch hergestellte Substanz zugefügt. Die früher in Deutschland geltende Unterscheidung in „künstlich“ und „naturidentisch“ gibt es nicht mehr. „Künstlich“ war ein chemisch hergestelltes Aroma. Als „naturidentisch“ durfte ein Aroma bezeichnet werden, wenn eine in der Natur vorkommende Substanz lebensmittelchemisch hergestellt wird. Der Begriff „naturidentisch“ war von Verbraucherschützern als Täuschung kritisiert worden.

Was ist ein Aromaextrakt?

Eine weitere Variante zur Aromengewinnung ist die Extraktion eines Stoffes, etwa mithilfe von Wasser oder Alkohol. Vanilleextrakt zum Bespiel wird mithilfe von Alkohol aus der Vanilleschote herausgezogen.

Worum geht es in dem Schokoladen-Streit?

Die Stiftung Warentest hat die Ritter-Sport-Schokolade Voll-Nuss als mangelhaft bewertet. Sie bemängelte unter anderem, dass ein chemisch hergestellter Stoff als „natürliches Aroma“ deklariert worden sei und nicht als „Aroma“. Es handelt sich um den Stoff Piperonal mit Vanille- und Mandelgeruch, der natürlich unter anderem in Blütenölen und in Pflanzen wie Pfeffer und Dill vorkommt.
Ritter Sport erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen die Behauptung der Stiftung Warentest, dagegen legten die Verbraucherschützer Widerspruch ein. Dem Unternehmen zufolge wurde der Stoff von einem Aromahersteller in einem physikalischen Verfahren aus Pflanzen gewonnen und kann daher als „natürliches Aroma“ deklariert werden.

Wer entscheidet über die Zulassung von Aromen?

Aromastoffe dürfen nicht gesundheitsgefährdend sein und den Verbraucher nicht irreführen. In der EU prüft seit 2008 die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nach strengen Kriterien, ob bei einem Aroma eine Gesundheitsgefährdung ausgeschlossen werden kann.
Seit April 2013 gilt eine EU-weit gültige Positivliste, die jährlich aktualisiert werden soll. Auf ihr sind alle zugelassenen synthetisch gewonnenen sowie durch chemische Verfahren isolierte Aromastoffe und natürliche Aromastoffe aufgeführt. Für die EU-Positivliste wurden rund 3000 Aromen auf ihre Sicherheit untersucht, übrig blieben zunächst 2100 zulässige Aromastoffe, 400 weitere werden noch getestet.

Was gilt für Biolebensmittel?

Nach der EU-Verordnung für Biolebensmittel dürfen für Bioprodukte nur „natürliche Aromastoffe“ oder „Aromaextrakte“ eingesetzt werden. Manche Biohersteller verzichten auch auf natürliche Aromen und verwenden lediglich Aromaextrakte.

Der Symrise-Chef warf der Stiftung leichtfertiges Handeln vor, weil sie sich in der Frage der Piperonal-Produktionsmöglichkeiten lediglich auf eine Internet-Recherche mit Google und Wikipedia verlassen habe. „Unsere Patente auf die Verfahren kannten die gar nicht.“ Dazu wollte die Warentest-Sprecherin keinen Kommentar abgeben.

Nach Firmenangaben wird das Symrise-Piperonal von einem Lohnhersteller aus einem Lorbeer-Gewächs gewonnen. Künftig werde man die Produktion ins eigene Haus holen und das Aroma aus schwarzem Pfeffer gewinnen, kündigte Bertram am Montag an. Mit dem langjährigen und regelmäßig überprüften Zulieferer auch weiterer Stoffe werde man weiterhin zusammenarbeiten, ergänzte ein Firmensprecher.

Die Geschäfte des Unternehmens aus dem niedersächsischen Holzminden laufen derweil glänzend: Im vergangenen Jahr kletterte der Umsatz dank einer starken Nachfrage in den Schwellenländern um 5,5 Prozent im Vergleich zu 2012 auf den Rekordwert von 1,83 Milliarden Euro. Der Gewinn legte um 9 Prozent auf 172,3 Millionen Euro zu. Den Aktionären winkt eine Dividende von 70 Cent je Aktie (Vorjahr: 65 Cent). Auch für 2014 zeigte sich der Konzern als weltweite Nummer Vier im Markt für Aromen und Duftstoffe zuversichtlich: Man wolle erneut schneller wachsen als der Markt, erklärte Bertram.

Von

dpa

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