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30.05.2012

11:59 Uhr

Stromnetz-Ausbau

Die Unternehmen können die Investitionen kaum stemmen

VonJürgen Flauger

Das Betreiben der deutschen Stromnetze ist an sich ein lukratives Geschäft. Aber die immensem Investitionen, die jetzt anstehen, dürften die Unternehmen überfordern. Die Hintergründe des Dilemmas.

Die alten Netze schaffen die Energiewende nicht. dpa

Die alten Netze schaffen die Energiewende nicht.

DüsseldorfManchmal müssen Unternehmen zu ihrem Glück gezwungen werden. Als die damalige EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes im Jahr 2006 die Energiebranche mit Plänen für eine Entflechtung der großen Energiekonzerne konfrontierte, empfand das der damalige Eon-Chef Wulf Bernotat als Kampfansage.

Um für mehr Wettbewerb zu sorgen, wollte Kroes die großen Verbundkonzerne, die bislang alles von der Stromproduktion bis zum Vertrieb beherrschten, zwingen, ihre Höchstspannungsnetze abzugeben. Mit diesen Überlandleitungen wird der Strom überregional transportiert, ehe er über kleinere Verteilnetze zum Verbraucher gelangt.

In Deutschland wurde dieses 35 000 Kilometer lange Höchstspannungsnetz damals noch von den vier Energieriesen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall Europe kontrolliert, die jeweils für eine Region zuständig waren. Nur mit einem Kartellverfahren konnte Kroes Bernotat zum Einlenken zwingen. Anfang 2010 übernahm der niederländische Netzbetreiber Tennet für rund eine Milliarde Euro die Leitungen. Bernotats Nachfolger Johannes Teyssen allerdings dürfte angesichts der gewaltigen Herausforderungen durch die Energiewende über die Transaktion inzwischen froh sein.

Wie Netzagentur und Betreiber den Netzausbau stemmen

Ausbau ist zentrales Thema

Der Ausbau der Stromnetze ist ein zentrales Thema der Energiewende. In Zukunft muss verstärkt Strom transportiert werden, etwa von den Windkraftanlagen an der Nordsee zu den Verbrauchern in Süddeutschland. Die Planung des Stromnetzes der Zukunft ist ein komplizierter Prozess, an dem die Bundesnetzagentur und die vier großen Übertragungsnetzbetreiber beteiligt sind.

Am Dienstag informierte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über den Stand des Ausbaus der Stromnetze.

Netzplanung

Die Planungen zum Netzausbau konzentrieren sich derzeit auf bestehende und künftig notwendige Stromautobahnen, die nötig sind, um Energie durchs Land zu transportieren. Dabei handelt es sich um das sogenannte Höchstspannungsnetz. Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Tennet, Amprion und TransnetBW haben den Bedarf an Leitungen für die nächsten zehn Jahre ermittelt.

Sie überreichten der Kanzlerin nun den Entwurf eines "nationalen Netzentwicklungsplans", mit dem das Netz für die Zukunft gerüstet werden soll. Der Plan soll am Mittwoch vorgestellt und danach öffentlich diskutiert werden.

Transporttrassen

Ist die grobe Planung des künftigen Netzes fertig, schlagen die Netzbetreiber dann im Detail vor, wo und wie das Netz verstärkt oder ausgebaut werden soll. Die Firmen müssen Korridore festlegen, in denen sie Stromtrassen verlegen wollen, und Alternativen vorstellen. Auch die erwartbaren Folgen für Mensch und Umwelt müssen aufgezeigt werden.

Die Netzbetreiber verfeinern dann immer weiter ihre Pläne - etwa bis auf die Ebene der Standorte einzelner Strommasten -, stellen diese öffentlich zur Diskussion und müssen sie zudem von der Bundesnetzagentur genehmigen lassen.

Stromleitungen

Bislang bestehen die Höchstspannungsnetze nach Angaben der Bundesnetzagentur ausschließlich aus Überlandleitungen. Diese sind vergleichsweise kostengünstig und einfach zu warten. Nachteil ist allerdings, dass sie das Landschaftsbild durch ihre Größe beeinträchtigen und Tiere verschrecken können.

Zudem sind sie witterungsanfällig. Derzeit wird auch die Verlegung unterirdischer Erdkabel erprobt. Diese sind zwar wetterunempfindlich und stören nicht in der Landschaft. Dafür ist das Verlegen aufwändig, Reparaturen kompliziert sowie die Kosten deutlich höher.

Genau wie die Konkurrenten bei Vattenfall und RWE, die ebenfalls ihre Netze verkauften. Vattenfalls Tochter 50-Hertz hat der belgische Netzbetrieber Elia gemeinsam mit einem australischen Infrastrukturfonds übernommen. RWE hält an der Netztochter Amprion nur noch 25 Prozent, der Rest gehört einem Konsortium von Finanzinvestoren unter Führung der Commerzbank. Nur EnBW hat sich den Unbundling-Wünschen bislang widersetzt. Die neuen Eigentümer wurden durch ein eigentlich verlässliches Geschäft angelockt.

Für die Nutzung der Netze dürfen sie von den Energiehändlern Gebühren verlangen, die diese wiederum auf die Verbraucher umlegen. Diese werden zwar von der Bundesnetzagentur gedeckelt. Für neue Investitionen dürfen die Netzbetreiber aber mit einer Verzinsung von über neun Prozent kalkulieren - das ist gemessen an Kapitalanlagen eigentlich ordentlich.

Herkulesaufgabe Energiewende

Mammutprojekt Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) erbt von Norbert Röttgen eine Menge Probleme. Diese sind aber weniger Röttgens Arbeit geschuldet als der Tatsache, dass die Energiewende ein Mammutprojekt ist. Ein Jahr nach dem Start drängt die Zeit: Weichenstellungen für Investitionen in neue Netze, mehr Energiespeicher und neue Gaskraftwerke sind dringend nötig.

Solarstrom-Reform

Im Vermittlungsausschuss muss Altmaier wegen des Widerstands gerade der ostdeutschen Länder die Pläne für die Kürzung der Solarförderung wohl etwas abmildern lassen. Dadurch drohen aber steigende Belastungen für die Bürger. Sie zahlen die Förderkosten über den Strompreis.

Die Regierung will, dass die Bürger nicht mehr als die derzeit 125 Euro (bei einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden) pro Jahr für die Ökostromförderung zahlen. Das auch im Bundestagswahljahr 2013 zu schaffen, wird immer schwerer.

Ökoenergie-Kosten und fehlende Kraftwerke

Bisher gibt es kein tragfähiges Modell, um erneuerbare Energien wettbewerbsfähig zu machen, also die Subventionierung massiv zurückzufahren. Und wegen des Einspeisevorrangs für Wind- und Sonnenstrom lohnen sich zum Beispiel neue Gaskraftwerke kaum noch. Die braucht man aber, wenn es keine Sonne oder Wind gibt und die Atomkraftwerke abgeschaltet sind.

Daher müssen hier Anreize oder Regelungen geschaffen werden, damit diese jetzt bald gebaut werden, denn bis 2022 sollen die restlichen neun Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

Speicher und Netze

Die Regierung investiert in Speicherforschung, doch schnelle Lösungen sind nicht zu erwarten. Immer mehr Wind- und Solarparks bringen nur etwas, wenn überschüssiger Strom eines Tages auch gespeichert werden kann. Zudem können die Netze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien (Stromanteil schon rund 20 Prozent) kaum noch mithalten.

Tausende Kilometer an neuen Leitungen sind nötig. Hier muss Altmaier mit Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) Lösungen finden, in Kürze soll ein Bundesnetzplan vorliegen. Besonders der Anschluss der See-Windparks muss beschleunigt werden.

Koordinierung

Jedes Bundesland hat sein Energiekonzept, hinzu kommen hunderte kommunale Pläne. Hier ist dringend mehr Abstimmung und eine einheitliche Koordinierung nötig, damit neue Wind- und Solarparks da entstehen, wo sie gebraucht werden und wo es Netze gibt.

Zudem muss ein Ausufern von Subventionen vermieden werden, denn der Netzausbau treibt in diesem Jahr stark die Netzentgelte, die wie die Ökoförderkosten über den Strompreis zu zahlen sind.

Geld für Energiewende-Projekte

Damit die Einnahmen aus dem Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten wieder anziehen, wäre eine Anhebung des EU-Klimaziels auf 30 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2020 (im Vergleich zu 1990) notwendig. Doch das Kohleland Polen blockiert. Die Einnahmen sind nötig zur Finanzierung von Energiewende-Projekten. Bleiben diese weiter aus, könnten bis zu fünf Milliarden Euro in den kommenden Jahren fehlen.

Besonders Maßnahmen für Energieeinsparungen würden darunter leiden. Wird weniger Energie verbraucht, werden auch weniger Netze und Kraftwerke gebraucht - ein Schlüssel zum Erfolg.

Atom-Endlager

Röttgen hat viel Vorarbeit geleistet für eine neue Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Doch geklärt werden muss noch, wie der bisher favorisierte Standort Gorleben in das Suchverfahren integriert wird und wer das Sagen bei der Suche haben soll.

Bis zum Sommer soll das Problem abgeräumt werden und mit SPD und Grünen ein Suchgesetz erarbeitet werden.

Asse

Altmaier muss klären, wie das Problem in dem maroden Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle bei Wolfenbüttel gelöst werden soll, wo 126.000 Atomfässer geborgen werden sollen.

Es kommt aber zu ständigen Verzögerungen, und die Zweifel wachsen, ob eine Bergung angesichts mangelnder Stabilität des Lagers noch möglich ist.

Mit der Energiewende kommt jetzt aber eine solch gewaltiger Investitionsbedarf auf die Unternehmen zu, dass sie Probleme haben, die neuen Leitungen am Kapitalmarkt vorzufinanzieren. Besonders laut klagt der Käufer des Eon-Netzes: "Tennet in Deutschland hat einen Wert von einer Milliarde Euro. Wir haben aktuell Investitionsentscheidungen über 5,5 Milliarden getroffen. Es werden voraussichtlich mindestens weitere 15 Milliarden Euro auf uns zukommen. Dieser riesige Kapitalbedarf ist kaum mehr zu bewältigen", sagte Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung, jüngst.

Für Tennet ist die Aufgabe besonders schwierig: Im Netzgebiet liegt die Nordseeküste. Das Unternehmen ist deshalb für den Anschluss der dort geplanten Offshore-Windparks zuständig, und es stößt technisch und finanziell an die Grenzen. Der RWE-Konzern klagt schon, weil sich der Anschluss seines ersten Offshore-Windparks in der Nordsee verzögert. Ähnlich schwierig ist die Situation für 50-Hertz, dessen Netz an die Ostsee grenzt.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

30.05.2012, 12:53 Uhr

Wo sind die Gelder geblieben, die Monat für Monat und dies über Jahrzehnte, von den Netzbetreibern abkassiert wurden???
Natürlich wurden nur minimale Rückstellungen gebildet, der Rest wurde in den Vorstandsetagen und bei den Aufsichtsräten verbraten, und nicht wenige Politiker waren daran beteiligt und haben unverfroren kassiert.
Außerdem wollen wir nicht die großzügigen Parteispenden vergessen.
Diese Bande jammert uns nun die Ohren voll, wer alles bezahlen soll?
Es zahlt natürlich der Endverbraucher. Aber viele Wähler haben dieses offensichtlich noch nicht kapiert und jubeln weiter; siehe NRW.
Die Energieriesen müssen teilverstaatlicht werden!!!
Wie heißt es in der Bibel:
Bestechungsgeschenke sollst Du nicht annehmen; denn diese machen Klarsehende blind und verdrehen die Sache derer, die im Recht sind.
2. Buch Moses

vandale

30.05.2012, 13:07 Uhr

Als die Versorger erstmals davon sprachen die Netze abzugeben, wurden diese zunächst für verrückt erklärt. Eine Stromerzeugung plus Stromnetz erschien gem. der Logik ein Bombengeschäft zu sein.

Allerdings meint man in Deutschland die Stromversorgung entsprechend religiöser Visionen, oder Illusionen zu gestalten. Die Technik muss diese Illusionen dann irgendwie realisieren. Man meint, dass man Strom wie im Mittelalter mittels Windmühlen, Solarzellen und Biomasse (Lebensmitteln) herstellen müsse weil andernfalls den Ungläubigen dämonische Atomstrahlen und eine CO2 Klimahölle drohen.

Die Windstromerzeugung schwankt in Deutschland gem. den Launen des Wetters zwischen nahe 0 und 22.000MW. Aehnlich verhält sich die Solarstromeinspeisung. Eine derartige Einspeisung erfordert eine mehrfache Ueberdimensionierung der Netze. Entsprechende Investitionen werden die Netzbetreiber fordern. Solarstrom trägt nicht zur kurzfristigen Netzstabilisierung bei. Auch hier werden enorme Investitionen erforderlich sein. Die Versorger wussten warum sie die Netze abgaben.

Im Falle von Netzzusammenbrüchen wird man nicht die Oekoreligion verantwortlich machen, sondern die "pösen" Konzerne die nicht im Vorraus gewusst haben dass am Tag X eine rasche Windflaute mit Bewölkung eintritt. Auch für die Kosten dieses nur religiös zu verstehenden Experiments eine Industriegesellschaft mit einer auf religiösen Visionen basierenden Stromerzeugung zu versehen macht man die "pösen" Konzerne verantwortlich.

Der Restverstand gebietet die Hände von Versorgeraktien zu lassen. Der Staat wird dann irgendwann die Netze übernehmen, Strom nach politischen Kriterien bepreisen und zuweisen. Demzufolge sollte man auch mit den Aktien energieintensiver Betriebe in Deutschland vorsichtig sein, sofern diese nicht gut politisch vernetzt sind.

Vandale

Seit eiDie Versorger haben gut daran

vandale

30.05.2012, 13:24 Uhr

hanspella..Die Netzgebühren waren in Deutschland immer schon etwas höher als z.B. in den USA. Dies liegt daran, dass das Deutsche Stromnetz technisch gesehen sehr hochwertig ist. Viele Nieder- und Mittelspannungs Leitungen liegen unter der Erde (ca. 10-fache Kosten), das Netz ist als Ringleitungssystem ausgelegt.

Das das Netz sehr gut funktioniert können Sie daran erkennen, dass es bislang selbst die grossen Mengen ziemlich nutzlosen und umweltschädlichen Windstroms aufgenommen hat. Bitte vergessen Sie nicht, dass die Windstromeinspeisung Tageschwankungen von mehreren 1000MW mehrfach aufweist.

Ein Stromnetz dass grosse Mengen Zufallsstrom aufnehmen muss ist um ein Vielfaches teurer als ein Stromnetz das mit Strom aus modernen Grosskraftwerken gespeist wird.

Die Versorger gehören zu grossen Teilen staatlichen Körperschaften. Das bedeuted die Gewinne der Versorger sind in erheblichem Masse in Sozialhilfe, H4..geflossen.

Eine Verstaatlichung hat wahrscheinlich die Konsequenz, dass man die Kosten einer auf (öko)religiösen Visionen basierenden Stromversorgung intransparent zu gestalten sucht. Politiker werden Unternehmen günstige Strompreise gegen Arbeitsplätze versprechen, privilegierte Gruppen wie Alleinerziehende, Einwanderer, gleichgeschlechtliche Paare, werden Sondertarife erhalten.

Ich lebe lieber in einem Land in dem man die Stromversorgung nach rationalen Kriterien organisiert hat und die Tarife nach Aufwand berechnet werden.

Vandale

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