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26.03.2012

15:56 Uhr

Studie

Wie Leiharbeiter benachteiligt werden

In Deutschland gibt es 910.000 Leiharbeiter und die meisten werden schlechter bezahlt als die Stammbelegschaft. Eine Studie zeigt nun , wie sich die Ungerechtigkeiten beseitigen lassen.

Insbesondere in der Autoindustrie sind viele Leiharbeiter beschäftigt. dpa

Insbesondere in der Autoindustrie sind viele Leiharbeiter beschäftigt.

FrankfurtGleiche Arbeit, aber oft nur gut die Hälfte des Lohns: Diese Schieflage bei der Bezahlung von Leiharbeitern ist aus Sicht der Bertelsmann Stiftung auf Dauer nicht hinnehmbar. Die Stiftung schlägt vor, Zeitarbeiter nach drei Monaten wie Stammbeschäftigte zu bezahlen. Nach der Studie im Auftrag der Stiftung würden davon rund 491.000 der etwa 910.000 Leiharbeiter in Deutschland profitieren. Die Kosten wurden auf etwa 410 Millionen Euro geschätzt. 

Der seit 2011 in der Zeitarbeit geltende Mindestlohn sei ein „erster Schritt in die richtige Richtung, um grobe Schieflagen in der Entlohnung zu beheben“, erklärte Aart De Geus, Mitglied im Vorstand der Bertelsmann Stiftung am Montag. Der zweite Schritt wäre nun die Einführung von gleicher Bezahlung nach einer Einarbeitungsphase. 

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will noch in dieser Legislaturperiode eine Regelung schaffen, falls sich die Tarifparteien nicht einigen können. Allerdings gibt es noch keinen Konsens mit der FDP. „Es ist inakzeptabel, dass Mitarbeiter längerfristig ein und dieselbe Arbeit machen und es dafür unterschiedliche Löhne gibt“, sagte die Ministerin der „Welt“. 

„Meiner Meinung nach sollten Leiharbeitnehmer spätestens nach drei Monaten wie die Stammbelegschaft bezahlt werden“, erklärte der stellvertretende CDA-Vorsitzende, Christian Bäumler. Die Grünen forderten ein Gesetz, sollte es keine tarifliche Equal-Pay-Regelung geben, die den Namen auch verdiene. 

Was die Leiharbeiter fordern

Wie ist Leiharbeit in Deutschland entstanden?

Richtigen Schub hat die Leiharbeit oder Arbeitnehmerüberlassung erst mit den von Rot-Grün beschlossenen Hartz-Reformen im Jahr 2003 erhalten. Seitdem ist es möglich, Leiharbeiter ohne zeitliche Obergrenze und immer wieder befristet zu entleihen. Es ist zudem nicht mehr verboten, die beim Zeitarbeitsunternehmen angestellten Leute zu entlassen, sobald der Job im Entleihunternehmen beendet ist.

Wie wird Leiharbeit in Deutschland bezahlt?

Nach Tarif, aber meistens immer noch schlecht. Der ursprünglich im Gesetz festgeschriebene Grundsatz der Gleichbezahlung wurde von den Zeitarbeitsfirmen über Tarifverträge legal ausgehebelt. Wegen der Tarifkonkurrenz durch christliche Gewerkschaften und niedrigen Organisationsgrad in den Zeitarbeitsunternehmen sah sich der DGB genötigt, einen Tarifvertrag für die Zeitarbeitsbranche mit vergleichsweise niedrigen Löhnen abzuschließen. Im vergangenen Jahr wurden die untersten Lohngruppen per Gesetz zu allgemeinverbindlichen Mindestlöhnen erklärt. Derzeit beträgt der Stundenlohn zwischen 7,01 (Stufe 1 Ost) und 17,45 Euro (Stufe neun West). In der Metall- und Elektroindustrie wird zudem nach drei Monaten ununterbrochener Tätigkeit ein pauschaler Stundenzuschlag von 40 Cent gezahlt. Dazu können noch Zulagen auf Betriebsebene kommen.

Wie hat sich Leiharbeit am deutschen Arbeitsmarkt entwickelt?

Im Trend steigt die Zahl der Leiharbeiter seit Jahren, im wirtschaftlichen Boomjahr 2011 waren rund 910.000 Menschen in der Zeitarbeit angestellt, unter drei Prozent aller Sozialversicherungspflichtigen. Weitaus mehr Menschen arbeiteten in befristeten Jobs, Teilzeit oder in Mini-Jobs. In der vom Lehman-Crash ausgelösten Wirtschaftskrise 2009/2010 verloren zuerst die Zeitarbeiter ihre Jobs, während die Stammbelegschaften auf Kurzarbeit ausweichen konnten. Unbestritten ist die Funktion der Zeitarbeit, Arbeitslose wieder in den ersten Arbeitsmarkt zurückzuholen.

Kommt eine weitere gesetzliche Regelung der Leiharbeit?

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat ein Gesetz noch in dieser Legislaturperiode für den Fall angekündigt, dass sich die Tarifparteien nicht in diesem Frühjahr einigen. Allerdings hat sie bislang noch keinen Konsens mit dem Koalitionspartner FDP erzielt, mit einem komplexen Gesetzgebungsverfahren wäre zu rechnen. Grundsätzlich befürwortet die Ministerin eine stufenweise Anhebung der Leiharbeit-Entgelte bis hin zur Gleichbezahlung (Equal Pay) mit den Stammbelegschaften.

Wie weit sind die Tarifverhandlungen gediehen?

Unter den Gewerkschaften hat die IG Metall derzeit die Pilotrolle übernommen und bislang in zwei Runden mit den Zeitarbeitsverbänden BAP und IGZ verhandelt. Zuvor hatte die IG BCE sich grundsätzlich mit dem Verband BAP geeinigt, die Angleichung der Entgelte in Stufen zu organisieren. Verhandelt wird über einen Branchenzuschlag, der nach dem Willen der Gewerkschaft den Unterschied zwischen Stammbelegschaft und Leiharbeitskräften so weit wie möglich einebnen soll. Von einer Einigung ist man noch weit entfernt. Die nächste Runde ist für den 27. April verabredet.

Wann könnte Bewegung in die Tarifverhandlungen kommen?

Zum Kalkül der Gewerkschaft gehört die Durchsetzungskraft der Stammbelegschaften in der Metall- und Elektroindustrie. Für die rund 3,6 Millionen Beschäftigten in der deutschen Schlüsselbranche laufen derzeit ebenfalls Tarifverhandlungen, bei denen die Friedenspflicht am 28. April ausläuft. Eine wichtige Forderung ist mehr Mitbestimmung über den Einsatz von Leiharbeitern. So könnte ein vergleichsweise hoher Zuschlag für die mehr als 200.000 Leiharbeiter in der Branche herauskommen. Die übrigen Gewerkschaften müssten nach dem Vorbild eigene Tarifverträge zimmern. Außerhalb des Tarifs würde weiterhin nur der Mindestlohn gelten.

Welche Rolle spielen die Entleiherfirmen?

Sie müssen letztlich die Leiharbeiter und die zusätzlich entstehenden Nebenkosten bei den mehr als 16.000 Verleihfirmen bezahlen. Naturgemäß haben sie ein großes Interesse an weiterhin niedrigen Löhnen.

Nehmen die Entleiher Einfluss auf die Tarifverhandlungen?

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hält engen Kontakt mit den parallel verhandelnden Zeitarbeitsverbänden. Dem Grundprinzip der Branchenzuschläge haben sowohl Gesamtmetall als auch der Arbeitgeberverband der Chemischen Industrie (BAVC) bereits zugestimmt. Der Hauptgeschäftsführer des Mitgliedsverbands Hessenmetall, Volker Fasbender, sitzt über den Arbeitgeberverband BDA direkt mit am Zeitarbeits-Verhandlungstisch.

Die FDP hofft dagegen auf einen Konsens der Tarifparteien. „Bei Equal Pay muss und wird die Branche eine gute Lösung finden“, erklärte der arbeitsmarktpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Johannes Vogel. Die Linke forderte ein gesetzliches Verbot der Leiharbeit. 

Kommentare (1)

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Nachwuchs

26.03.2012, 18:47 Uhr

Leiharbeiter und Frauen werden auf Anweisung unserer Politiker als Menschen 2. Klasse behandelt. Schuld daran ist die SPD unter ehemaliger Führung von Hr. Schröder und Hartz, die die Armut in Deutschland wollten und wollen. Wer schon Kinderarbeit per Gesetz einführt kann wohl nicht anders. Schon im Wahlkampf an der Saar tönte die SPD: Wir sind unfähig und können nur in einer Koalition mitreden, da wir auch keine Führungskräfte und Ideen haben.

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