Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.05.2011

18:58 Uhr

Superjet 100

Russland will den Markt für Passagierflugzeuge aufmischen

VonFlorian Willershausen

Lange musste Russland auf seinen ersten Passagierjet warten. Nun greift der Flugzeugbauer Suchoi mit dem Superjet 100 die Konkurrenz an. Ob da eine neue Konkurrenz für Airbus heranwächst?

Suchoi Superjet 100: Die Maschine gehört zu den Regionalfliegern. Quelle: picture-alliance/ dpa

Suchoi Superjet 100: Die Maschine gehört zu den Regionalfliegern.

Jerewan/MoskauAus heutiger Sicht kaum zu glauben: Russland und die Ukraine waren einmal ganz vorne mit dabei beim Flugzeugbau. In den Kiewer Antonow-Werken entstand einst die An-224, bis heute der größte Luftfrachter der Welt. Und das russische Unternehmen Tupolew entwickelte einen Mittelstreckenjet, der sich bis in die neunziger Jahre besser verkaufte als Boeings 737-Maschinen. Seither stagniert die Branche. Das ändert sich nun.

Russlands Flugzeugindustrie hat seit dem Kollaps der Sowjetunion praktisch keine Flieger mehr gebaut, die jenseits des GUS-Raums Absatz finden könnten - bis jetzt. In diesen Tagen liefert der russische Flugzeugbauer Suchoi den ersten Superjet 100 aus. Die Maschine gehört zu den Regionalfliegern, hat also bis zu 100 bis 120 Sitzplätze. Damit greift das Unternehmen, bislang eher für seine Kampfjets bekannt, die größten Hersteller auf dem Gebiet der Regionaljets, die Brasilianer Embraer und die Kanadier Bombardier, an.

Der Superjet schluckt weniger Kerosin als die Vorgänger von Tupolew, in Sachen Komfort kann sich die Maschine durchaus mit westlichen Modellen messen - vor allem ist sie aber um ein Viertel billiger als die Flugzeuge der Wettbewerber. Westliche Zulieferer und staatliche Milliardensubventionen machen es möglich. Die russische Regierung hat Unsummen in die Entwicklung des Flugzeugs gesteckt, jetzt soll es an den ersten Kunden Aeroflot ausgeliefert werden. Allein bis Frühjahr vergangenen Jahres, als die letzten Zahlen über Entwicklungskosten durchsickerten, hatte die Regierung über die Staatsholding OAK etwa 3,5 Milliarden Dollar in die Superjet-Entwicklung gepumpt.

"Dieses Projekt ist ein Fass ohne Boden", sagt Branchenexperte Roman Gusarew vom Fachportal Avia.ru. Doch der Superjet 100 sei eben politisch gewollt. Deswegen werde die Regierung das Flugzeug über die Holding OAK mit aller Macht auf den Markt drücken - "koste es, was es wolle". Russland will ebenso wie China die kleineren Regionaljets nutzen, um langfristig in den größeren Markt für Mittelstreckenjets vorzudringen. Dort dominieren nach wie vor Airbus und Boeing, die sich vor Aufträgen derzeit kaum retten können. Wer dieses lukrative Duopol knackt, dem gehört die Zukunft.

Ärger mit dem ersten Kunden

Für Russlands Staatsholding OAK soll der Bau des Suchoi Superjets deshalb nur ein Test sein. Die Konstrukteure der Tochter Irkut tüfteln schon am Mittelstreckenflugzeug MS-21, das bis 2017 auf den Weltmarkt kommen soll. Wie Chinas C919 Modell, dessen Entwicklung auf einer ähnlichen Zeitschiene steht, wollen die Russen den Luftfahrtgrößen das Brot- und Buttergeschäft streitig machen, den Bau von Mittelstreckenjets. Und ähnlich wie China ist Russland bereit, das Prestigeprojekt mit staatlichen Milliarden zu subventionieren.

Bevor die Rechnung aufgeht, müssen sich erst einmal die kleineren Flieger aus den Schwellenländern beweisen. Der Suchoi Superjet etwa wurde bislang erst 170-mal verkauft, ist bei der Auslieferung zweieinhalb Jahre in Verzug und soll rund drei Tonnen schwerer sein, als im Prospekt versprochen worden war. Trotzdem strotzt der knorrige Superjet-Erfinder Michail Pogosjan vor Optimismus: Nicht weniger als 800 Superjets werde er binnen 15 Jahren verkaufen, sagte er dem Handelsblatt. Das entspricht zehn Prozent des Weltmarkts.

Jetzt schaut die Branche auf Aeroflot: Denn die größte russische Fluglinie soll im Juni die ersten der 30 bestellten Superjets erhalten. Die Stimmung ist allerdings gereizt: Aeroflot-Chef Witalij Saweljew hat sich in den letzten Monaten sehr geärgert über die Verzögerungen bei der Auslieferung. Sollte ausgerechnet der staatliche Carrier mit dem neuen Flieger unzufrieden sein, wäre das ein Imageschaden, der den Erfolg des Superjets infrage stellt - und einmal mehr die Zukunftsfähigkeit der russischen Flugzeugindustrie.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×