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19.11.2015

23:50 Uhr

Tag acht im Porsche-Prozess

Der Schattenmann

VonMartin-W. Buchenau

Am achten Tag im Porsche-Prozess um Ex-Chef Wendelin Wiedeking erweist sich die Befragung des ehemaligen Chefstrategen Michael Harmening als zäh und unergiebig. Der 54-Jährige leidet unter großen Gedächtnislücken.

Selbst der Angeklagte, Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, zeigte sich erschüttert über den Zustand seines Ex-Mitarbeiters. AFP

Wendelin Wiedeking

Selbst der Angeklagte, Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, zeigte sich erschüttert über den Zustand seines Ex-Mitarbeiters.

StuttgartGerichtsverhandlungen bei Wirtschaftsstrafsachen bieten manchmal die Chance, Menschen zu erleben, die viel Einfluss auf ein Unternehmen haben, aber normalerweise der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Zu dieser Spezies gehören auch Strategiechefs. Den ehemaligen VW-Chefstrategen Matthias Müller beispielsweise kennt die Öffentlichkeit erst, seitdem er vor fünf Jahren Vorstandschef von Porsche wurde - und natürlich seit seiner Beförderung zum Chef der Konzernmutter Volkswagen.

Die strategische Abteilung zu führen, ist häufig ein Sprungbrett für höhere Aufgaben. Dass aber auch das Gegenteil der Fall sein kann, führte der achte Tag im Prozess gegen Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und seinem damaligen Finanzchef Holger Härter vor Augen. Wiedekings ehemaliger Chefstratege Michael Harmening wurde als Zeuge vernommen. Der 54-Jährige galt in seiner Zeit bei Porsche als beinharter Manager mit nicht zimperlichen, teilweise sogar ruppigen Umgangsformen, der sein Handwerkszeug beim Unternehmensberater McKinsey gelernt hatte.

Das ist Wendelin Wiedeking

Vor Gericht

Anstatt am Steuer eines Sportwagens muss Manager Wendelin Wiedeking in den kommenden Monaten zumindest zeitweise auf der Anklagebank Platz nehmen. Für den einstigen Porsche-Chef ist das ein lästiges Kapitel, das er schnell wieder schließen will. Wer ist der Mann, der einst Deutschlands bestbezahlter Manager war?

Quelle: dpa

Porsches Lichtgestalt

Wendelin Wiedeking war in der Autobranche lange Zeit eine Art Lichtgestalt: Irgendwie war er stets auf der Überholspur. Als der Maschinenbauer 1992 an die Spitze des Sportwagenbauers Porsche berufen wurde, liefen die Geschäfte mau. Der gebürtige Westfale schaffte es, Überkapazitäten in der Produktion sowie im Personalbereich am Stammsitz Stuttgart-Zuffenhausen abzubauen und Porsche zum profitabelsten Autobauer der Welt zu machen.

Alphatier und Lebemann

Der heute 63-Jährige wurde der bestverdienende angestellte Manager Deutschlands. Medienberichten zufolge soll das machtbewusste «Alphatier» im Geschäftsjahr 2007/08 sage und schreibe 100,6 Millionen Euro für seine Tätigkeit beim PS-starken Unternehmen eingestrichen haben. 2009 musste Wiedeking nach der verlorenen Übernahmeschlacht mit VW seinen Chefsessel räumen. Er trat stets selbstbewusst auf, im edlen Zwirn und mit dicken Zigarren genoss er seinen Erfolg.

Unternehmer mit vielen Steckenpferden

Eine Rückkehr in die Chefetage eines großen Konzerns hat Wiedeking nach seinem Porsche-Abgang ausgeschlossen - er will sein eigenes Ding machen als Unternehmer. Sein Vermögen hat Wiedeking auch in zahlreiche Firmen investiert, etwa in die Italo-Restaurantkette Tialini. Auch Internet-Reiseportale und einen Schuh-Hersteller nennt er sein Eigen. Im Privaten setzt er auf Konstanz: Seine Frau und er sind seit Schulzeiten ein Paar, die beiden haben zwei Kinder.

Eine seiner Aufgaben war es, Vorstandsitzungen vorzubereiten und technische Zusammenarbeit mit Volkswagen im Zuge der Übernahme zu forcieren. Harmening war der engste interne Mitarbeiter von Wiedeking. Der starke Mann im Hintergrund des Übernahmeprojektes Volkswagen in den Jahren 2005 bis 2009. Der 1,90 Meter große Manager trägt heute einen Stoppel-Haarschnitt, der einem Staff-Seargent der US-Armee zur Ehre gereichen würde. Aber die Robustheit war an diesem Tag nur äußerlich.

Im Zeugenstand war der Ex-Topmanager ab der ersten Antwort nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Befragung erwies sich als äußerst zäh und unergiebig. Harmening hatte extrem große Erinnerungslücken, konnte sich an viele Dinge, die er noch bei seinen vier Vernehmungen von den Ermittlungsbehörden im Jahr 2011 beschrieben hatte, nicht mehr erinnern.

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Selbst an den Aufsichtsratsbeschluss im Juli 2008, als das Gremium die Aufstockung auf 75 Prozent ankündigte, konnte er sich zunächst nicht erinnern. Auch der 26. Oktober 2008, dem Tag, an dem Porsche erstmals öffentlich machte, 75 Prozent an VW übernehmen zu wollen, war für ihn „nicht von besonderer Emotionalität“. Harmening strapazierte die Geduld des Richters, weil er nicht einmal die Jahre auseinanderhalten konnte, sich dann aber wieder an Details durchaus erinnerte, wie die Dicke eines Protokolls, nicht aber an die Inhalte. Vorstandssitzungen habe es einmal im Monat geben, pro Jahr würden insgesamt etwa 120 Beschlüsse gefasst. Sich an einen einzigen zu erinnern, sei ihm nicht möglich, sagte der Zeuge.

Wiedeking und Härter wirft die Staatsanwaltschaft vor, 2008 den Plan zur Komplettübernahme von VW verschleiert zu haben und den Kapitalmarkt durch irreführende Äußerungen getäuscht zu haben. Hedgefonds verloren in der Wette auf sinkende Kurse der VW-Aktie Milliarden.

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Der bedeutsame Zeitraum - die Jahre 2005 bis 2008 - sei sehr lange her, zudem plagten ihn private und gesundheitliche Probleme, sagte der frühere Porsche-Hauptabteilungsleiter am Donnerstag vor dem Stuttgarter Landgericht. „Ich erinnere mich nicht“, betonte der früher hochbezahlte Top-Manager. Der 54-Jährige schied 2011 aus, später musste er sich einer Herzoperation unterziehen.

Vor allem, wenn Richter und Staatsanwalt herausfinden wollten, ob es einen Geheimplan gab, wurden die Angaben des Zeugen immer diffuser. Als er noch einmal konkret zum für die Öffentlichkeit damals unbekannten Aufsichtsratsbeschluss im Juli 2008 befragt wurde, der zum Erwerb über 75 Prozent ermächtigte, sagte er ausgerechnet zu dieser Frage: „Es gibt nie einen Aufsichtsratsbeschluss, was nicht vorher der Vorstand beschlossen hat.“

Diese Aussage hätte Wiedeking belastet, da ein solcher Beschluss nicht dokumentiert ist. Wenn es ihn gegeben hätte, wäre eine Veröffentlichung des Vorhabens der Komplettübernahme zwingend erforderlich gewesen. Aber kurz später ruderte der unsicher auftretende Zeuge aber zurück und sagte, er kenne keinen entsprechenden Beschluss des Vorstandes. Die nachgeschobene Aussage wiederum könnte zur Entlastung von Wiedeking beitragen.

Am Ende des Prozesstages konnte sich der Ex-Topmanager nicht einmal mehr erinnern: „Ich weiß nicht mal, wer Lehman Brothers sein soll.“ Selbst Wiedeking zeigte sich erschüttert über den Zustand seines Ex-Mitarbeiters. „Das ist ganz furchtbar“, sagte der Angeklagte.

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Wegen Marktmanipulation beim VW-Übernahmepoker steht Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vor Gericht. Nun hat er sich erstmals geäußert. Zitate aus Wiedekings Verteidigungsrede.

... den „Nischenanbieter Porsche“

„Das Eingehen einer Beteiligung von Porsche an VW entsprach nicht nur industrieller Logik. Es war für den Nischenanbieter Porsche geradezu überlebenswichtig. Die gesamte Kommunikation von Porsche [gegenüber Kapitalmarkt, Presse und sonstiger Öffentlichkeit] gab zu jeder Zeit exakt den Stand der Willensbildung der zuständigen Organe des Unternehmens – also Vorstand und Aufsichtsrat - wieder!“

...„Visionäre“ und „Spieler“

„Die Unterstellung, wir hätten im Vorstand bereits im Jahr 2005 die Absicht gebildet, „aufs Ganze zu gehen“, steht tatsächlich im Widerspruch zu allem, was damals gedacht und diskutiert worden ist. Wir waren Visionäre, aber keine Spieler“.

...das „Übernahmedrehbuch“

„Für mich ist die These nicht nachvollziehbar, Porsche hätte einen verdeckten Auftrag erteilt, eine Art „Übernahmedrehbuch“ zu schreiben. Ein Übernahmedrehbuch mit einer auf Irreführung des Kapitalmarkts gerichteten Kommunikation. Und einer systematischen Falschprotokollierung von Gremiensitzungen. Ein solch abenteuerliches Machwerk hat niemand beauftragt. Und ein solches Machwerk hat niemand geschrieben.“

Über seine „Nähe zu Ferdinand Piëch“

„Ferdinand Piëch hat sich einmal damit zitieren lassen, er ‚lasse sich sein Lebenswerk bei VW und Audi nicht von einem angestellten Manager ruinieren‘. Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in meiner Amtszeit aus den Familien Porsche und Piëch Milliardäre wurden, die mittlerweile die Mehrheit an VW halten. Die Staatsanwaltschaft hält es für ernsthaft möglich, dass ich mich trotz seiner öffentlich geäußerten Haltung mit Ferdinand Piëch
verschworen haben soll. Verschworen, VW heimlich zu übernehmen, Vorstands- und Aufsichtsratsprotokolle zu manipulieren und den Kapitalmarkt systematisch zu täuschen! Diese Unterstellung ist für mich eine intellektuelle Zumutung. Die mir unterstellte Nähe zu Piëch schmerzt mich richtig.“

Über ein „heimliches Anschleichen an die VW AG“

„Die Kurssicherungsgeschäfte haben wir nicht verheimlicht. Wir haben wiederholt in unseren Pressemitteilungen, in Geschäftsberichten, auf Bilanzpressekonferenzen, in Beiträgen auf Hauptversammlungen und sonstigen Verlautbarungen darauf hingewiesen. Von einem heimlichen Anschleichen an die VW AG kann daher überhaupt keine Rede sein. Jeder Investor, der sich mit den Publikationen von Porsche und der Presse auseinandergesetzt hat, wusste, dass wir neben Beteiligungszukäufen auch Kurssicherungsgeschäfte eingegangen sind. Auch den Leerverkäufern und insbesondere den Hedgefonds , die der Staatsanwaltschaft offensichtlich so sehr am Herzen liegen, war dies beim Eingehen ihrer Wetten gegen VW bekannt.“

Über die nachgeschobene zweite Anklage

„Leider hat es die Staatsanwaltschaft im Juni 2015 für richtig gehalten, wenige Wochen vor dem ursprünglich geplanten Prozessbeginn eine Anklage gegen Holger Härter und mich nachzuschieben. Die Staatsanwaltschaft hat in den vergangenen sechs Jahren verzweifelt versucht, der der zweiten Anklage zu Grunde liegenden Pressemitteilung vom 26. Oktober 2008 irgendetwas Strafbares anzudichten. Die Kommunikation von Porsche war auch am 26. Oktober 2008 zutreffend. Zu dieser Überzeugung war die Staatsanwaltschaft selber auch schon 2012 gelangt, bevor sie auf Intervention von Leerverkäufern neue Ermittlungen gestartet hat.“

Über „Wetten gegen VW“

„Porsche ist durch diverse Hedgefonds bei verschiedenen Gerichten verklagt worden. Die Hedgefonds sind mit Leerverkäufen hochspekulative Wetten gegen VW eingegangen. Sie haben diese Wetten im Herbst 2008 verloren. Und sie bemühen sich seit Jahren erfolglos im In- und Ausland, ihren Wetteinsatz wieder hereinzuholen. Mit der nachgeschobenen, zweiten Anklage will die Staatsanwaltschaft die Hedgefonds offensichtlich unterstützen. Meines Erachtens hätte die Staatsanwaltschaft vor Erhebung der Anklage einmal kritisch hinterfragen sollen, auf wessen Seite sie sich da geschlagen hat. Immerhin haben die Hedgefonds die Wirtschafts- und Finanzkrise mit verursacht. Und ich bin überzeugt, dass sie auch für die Kursturbulenzen der VW-Aktie aus dem Herbst 2008 verantwortlich sind. Dass gerade diese ‚Spezialisten‘ von der Staatsanwaltschaft zu Opfern stilisiert werden, kann ich nicht nachvollziehen.“

Beteiligte und Prozessbeobachter waren nach diesem Tag gleichermaßen ratlos. Wäre man in einem Mafiafilm, hätte man glauben können, der Zeuge sei gekauft oder eingeschüchtert worden. Aber vermutlich hat er tatsächlich große gesundheitliche Probleme. „Die Protokolle der Vernehmung waren ganz klar und haben das nicht erwarten lassen“, sagte ein Anwalt der Verteidigung. Wiedekings Verteidiger Graf sagte, der Zeuge nutze weder der Verteidigung, noch der Staatsanwaltschaft. Das Auftreten des Zeugen war so skurril, dass selbst der Richter davon abließ, den Zeugen noch weiter zu befragen.

Harmening war 2011 im Unfrieden mit Porsche mit einer Millionenabfindung ausgeschieden, die aber unter seinen Forderungen gelegen haben soll. Ironischerweise beendete ausgerechnet Matthias Müller Harmenings Karriere, als er Porsche-Chef wurde. Während der Übernahmeschlacht war er als VW-Strategiechef häufig mit dem Chefstrategen von Porsche aneinander geraten, vor allem als es um die technische Zusammenarbeit ging, die Porsche zu schleppend empfand. Auch der Aufstieg seines Ex-Kontrahentens auf den Chefsessel von VW dürfte ein weiterer Tiefschlag für Harmening gewesen sein - einem Manager, auf der Schattenseite.

Da Harmening viele Fragen nicht beantworten konnte, werden sie wohl einem zweiten Mitarbeiter nochmals gestellt werden, der noch als Zeuge geladen ist. Am Freitag wird aber zunächst der engste Mitarbeiter von Finanzchef Härter vernommen. Dabei geht es um die Fragen der Liquidität während der Übernahmeschlacht.

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