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25.01.2011

00:00 Uhr

Technologie-Klau in Indien

Patente, vom Winde verweht

VonHelmut Hauschild

Deutsche Firmen gewähren in Indien sorglos Einblick in ihr wertvolles Know-how. Ein Fehler, wie der Fall der Windkraftfirma Enercon zeigt. Denn die Patente des Unternehmens sind in Indien nicht wirksam.

Windkraftanlagen in Indien: Das bevölkerungsreiche Land ist der drittgrößte Markt der Welt. Quelle: Reuters

Windkraftanlagen in Indien: Das bevölkerungsreiche Land ist der drittgrößte Markt der Welt.

NEU-DELHI. Zischend durchschneiden die Rotorblätter riesiger Windkrafträder die heißen Böen der Wüste Rajasthans. Hier, im bitterarmen Nordwesten Indiens nahe der Stadt Jaisalmer, sorgt Hochtechnologie aus Ostfriesland für den Strom. Die umweltfreundlichen Energieerzeuger, die zu Dutzenden den Horizont der staubigen Einöde säumen, gleichen bis ins Detail dem Modell "E-48" des deutschen Anlagenbauers Enercon. Auf den tropfenförmigen Maschinengehäusen steht sogar der Firmenname.
Doch Enercon war weder am Bau der Windräder beteiligt noch hat es die Nutzung seiner Technologie und seines Namens erlaubt. Das Know-how vom Generator bis zur Steuereinheit ist geklaut. "Wir haben die bittere Erfahrung gemacht, dass unsere Patente in Indien keinen Schutz genießen", klagt Geschäftsführer Hans-Dieter Kettwig.

Patentklau in nationalem Interesse.

Ende 2010 war das Desaster perfekt. Das Intellectual Property Appellate Board (IPAB), Indiens Patentgericht, erklärte zwölf Enercon-Patente für unwirksam. Hilflos muss der weltweit viertgrößte Windkraftanlagenhersteller mit einem Umsatz von 3,7 Milliarden Euro seitdem hinnehmen, dass Kernelemente seiner Technik in Indien von Konkurrenten frei kopiert werden dürfen. Ein schwerer Verlust. Denn Indien ist bei neu installierten Windenergieanlagen nach den USA und China der drittgrößte Markt der Welt.

Deutsche Unternehmen fürchten vor allem in China um ihr geistiges Eigentum. In Indien dagegen wähnten sie ihre Patente sicher. Sie teilten bereitwillig hochsensibles Know-how mit ihren Geschäftspartnern und verlagerten sogar ganze Entwicklungsabteilungen.
Ein gefährlicher Leichtsinn, wie der Fall Enercon zeigt. Seit 2008 produziert der entfremdete indische Joint-Venture-Partner von Enercon, Yogesh Mehra, trotz gekündigter Patentlizenzen Windkrafträder, die dem Original aus Ostfriesland bis ins Detail gleichen. Weit über tausend Stück sind es inzwischen. Mit der Niederlage vor dem Patentgericht platzte die letzte Hoffnung, den Wissensklau stoppen zu können.

Damit widerfährt einem deutschen Industrieunternehmen erstmals das gleiche Schicksal wie etlichen Pharmakonzernen, darunter Bayer, Roche und Sanofi-Aventis, denen die Patente für neue Medikamente aberkannt wurden. Die Nutznießer waren indische Generikahersteller. Jetzt steht fremdes geistiges Eigentum indischen Windanlagenbauern offen. Es gibt klare Hinweise darauf, dass die strategische Bedeutung der Enercon-Patente das Urteil beeinflusst haben könnte. So erklärte das Patentgericht im Lauf des Verfahrens, Indiens "nationales Interesse" sei höher zu bewerten als die Rechte eines Unternehmens an seiner Technologie. Hintergrund dieser Argumentation: Die Windkraft spielt bei der Deckung von Indiens künftigem Energiebedarf eine wichtige Rolle.

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